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Aus: Ausgabe vom 26.11.2025, Seite 1 / Ansichten

Nur Frauen

Alle zehn Minuten ein Femizid
Von Claudia Wrobel
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Stoppt die Gewalt gegen Frauen: Kundgebung vor dem Rathaus in Kassel (25.11.2025)

Zehn Minuten brauchen Sie ungefähr als Lesezeit für eine Seite dieser Zeitung – wenn Sie gleich umblättern oder weiterklicken, ist die nächste Frau oder das nächste Mädchen tot. Weltweit wird durchschnittlich alle zehn Minuten ein Femizid begangen, eine geschlechtsspezifische Tötung von Frauen und Mädchen.

Fast jeden Tag wird auch hier in Deutschland eine Frau umgebracht, weil sie eine Frau ist. Und Fälle von Partnerschaftsgewalt, die sich in den ganz überwiegenden Fällen gegen Frauen richtet, waren im vergangenen Jahr so zahlreich wie nie. Die Zahlen steigen seit Jahren, doch von offizieller Seite bleibt es bei Symbolpolitik. Weil die Opfer nur Frauen sind?

Diese Woche finden die Haushaltsberatungen im Bundestag statt. Wirkliche Verbesserungen findet man dort nicht. Die Mittel für Frauenhäuser sind zwar gestiegen, reichen aber maximal für dringend notwendige Sanierungen, von Ausbau keine Spur. Dabei fehlen mindestens 12.000 Plätze bundesweit. Das hält die SPD nicht davon ab, ein Mehr an Mitteln zu feiern. Weil die anderen Verbesserungen noch lächerlicher sind: Die Sozialdemokraten klopfen sich auf die Schulter, dass gut zwei Millionen Euro für eine App vorgesehen sind, die über regionale Hilfsangebote informiert. Natürlich kann man den Posten kleinhalten, werden die Angebote doch ohnehin überall zurückgenommen.

Das dafür zuständige CDU-geführte Bundesministerium hat gleich komplett aufgegeben: Zur Feier des internationalen Aktionstags »Nein zu Gewalt an Frauen« erschien am Dienstag gerade mal ein Gastbeitrag der Ministerin Karin Prien in Bild. Dort erwähnt sie, dass es auf Prävention ankomme. Aber wie die konkret aussehen soll, dazu schweigt die Bundesregierung. Schlagworte ohne Inhalt.

Weil Schutz vor Gewalt für Frauen immer noch bedeutet, dass ihnen erst als Opfer ein kleiner Teil zusteht. Sie werden nicht davor geschützt, angegriffen zu werden. Denn dafür müssen gesellschaftliche Strukturen verändert werden. Dafür brauchen wir Investitionen in Infrastruktur, in Bildung, Kinderbetreuung, soziale Sicherung und Integration. Soviel Geld ist natürlich nicht da. Weil die Opfer nur Frauen sind!

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  • Leserbrief von Eva Ruppert aus Bad Homburg (1. Dezember 2025 um 12:29 Uhr)
    Bei aller weltweiten Gewalt gegen Frauen und gegen vermehrte Femizide sollte nicht außer Acht gelassen werden, welche Hintergründe solche Verbrechen haben. Gerade in europäischen Ländern sind sie verbunden mit jahrhundertealten patriarchalichen, staatlichen und religiösen gesetzlich eingebürgerten Gewohnheiten.
    Zwar ist im deutschen Grundgesetz die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben, doch wurde seit Gründung der BRD ein Patriarchat für Ehe- und Familienverhältnisse installiert, das sich auf die Regeln von 1896 stützt: Der Mann entscheidet in der Ehe über alle Angelegenheiten, während die Ehefrau verpflichtet ist, den Haushalt zu führen und dem Mann zu Willen zu sein. Kontoeröffnung, Erwerb der Fahrerlaubnis, Arbeitserlaubnis – all das gehörte zum Bestimmungs- bzw. Erlaubnisbereich des Ehemannes. Auch seit 1997, als die Entscheidungsgewalt des Mannes abgeschafft wurde, gilt die Erziehungsgewalt über die Kinder weitgehend als Vorrecht des Mannes. In der DDR war in deren vierzigjährigem Bestehen die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Art. 7 der Verfassung garantiert: volle Integration auf dem Arbeitsmarkt, keine »weiblichen« Berufe. Schon seit 1946 prägte der »Demokratische Frauenbund« das Leben der Frauen ein feministisches Selbstbewusstsein der Frau, das dann für die DDR maßgebend war. Frauen übernahmen Berufe, die in der BRD weitgehend von Männern ausgeübt wurden: Mechaniker, Ingenieur etc. Dadurch wurden die weibliche Emanzipation und das Selbstbewusstsein der Frauen gefördert. Das war verwirklichte Gleichberechtigung, Frauensolidarität, keine Unterordnung unter das »starke« Geschlecht. Wie soll im bundesdeutschen Kapitalismus ein starkes Frauenbild gefördert werden, wenn schon das Geld für gute Schulbildung fehlt? Unterordnung unter männliche Befehlsgewalt wird propagiert! Beispiele starker kämpferischer Frauen wie z. B. Angela Davis, die ein Vorbild für die Friedensbewegung DDR-Jugendlicher war, fehlen im heutigen Deutschland, in dem so viele arme Kinder sich kaum ausreichend gut ernähren können! Wen wundert es da, wenn Familien zerstritten sind, junge Mädchen und Frauen auf eine »schiefe Bahn« und junge Männer in die Gewalt- und Drogenszene abrutschen? Die Zukunft der Jugend ist in größter Gefahr! Armes großes Deutschland!
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (26. November 2025 um 19:24 Uhr)
    Die Autorin Chantel Louis schreibt zum Thema »Femizid oder Ehrenmord«, zur Ermordung der Afghanin Maryam H., in der Frauenzeitschrift EMMA: »Maryam H. wurde in einem Erdloch im bayerischen Holzkirchen gefunden. Ihre beiden Brüder Seyed (22) und Sayed (25) hatten sie dort verscharrt, nachdem sie ihre 34-jährige Schwester am 13. Juli in Berlin getötet und ihre Leiche in einem Koffer durch das halbe Land transportiert hatten. Die Berliner Polizei teilte mit: Die beiden Tatverdächtigen sollen sich «gekränkt gefühlt haben, weil das Leben ihrer geschiedenen Schwester nicht ihren Moralvorstellungen entsprochen hatte». Titel der Pressemitteilung: «Zwei Männer wegen des dringenden Verdachts eines sogenannten ‚Ehrenmordes‘ zum Nachteil ihrer Schwester in Untersuchungshaft». Das rief die Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) auf den Plan. Man solle die Tat bitte nicht als «Ehrenmord» bezeichnen, forderte sie. Es handle sich um einen «Femizid». Also um einen Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist. Das ist natürlich richtig. Falsch aber ist, das Besondere an diesem Frauenmord zu verschleiern, indem man das Motiv der Täter unter dem Oberbegriff «Femizid» verschwinden lässt.« Mein Fazit: Der feudal-religiöse Wahn im meist frauenfeindlichen kulturellen Aberglauben sollte nicht aus einer vorgeblichen Solidarität mit den nachgeborenen Opfern des europäischen Kolonialismus negiert und/bzw. unterschlagen werden. Es ist keineswegs nur so, dass die traditionelle Frauenfeindlichkeit und Ermordung von weiblichen Säuglingen, körperliche und psychische Schändung von Mädchen und Frauen den Verbrechen des weißen Mannes und deren Kolonialisten geschuldet sind. Die fortgesetzte Existenz der Klassengesellschaft existiert nicht nur in allen heutigen Wirtschaftsmetropolen des sozioökonomisch entwickelten Kapitalismus der westlichen und fernöstlichen Metropolen. So auch in den feudal-religiös strukturierten Übergangsgesellschaften der sozioökonomischen Schwellen- und Entwicklungsländern; so immer noch im 21. Jahrhundert für die große Mehrheit der Weltbevölkerungen.
  • Leserbrief von R.Brand (26. November 2025 um 08:45 Uhr)
    Ist bei den »10 Minuten« auch die Gewalt gegen Frauen in Gaza eingeschlossen. Oder die gegen libanesische und syrische Frauen?! Dann gibts noch die russischsprachigen in der Ostukraine, verursacht auch durch einen faschistischen Staat? Natürlich alles finanziert und mit Waffen des Wertewestens.

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