Was zeigen Ihre Daten über Femizide in der BRD?
Interview: Barbara Eder
Das von Ihnen mitbegründete Projekt »Feminizidmap« war für den Clara-Zetkin-Preis der Linkspartei nominiert. Was hat sich seither getan?
Wir waren 2025 für den Preis nominiert. Zwar ging der Preis an Elizabeth Ngari von »Women in Exile«, aber für uns war die Nominierung eine große Anerkennung. Wir konnten unser Projekt vorstellen, Bundestagsabgeordnete treffen und uns mit anderen Engagierten vernetzen. Seitdem hat sich viel getan: »Feminizidmap« ist inzwischen ein eingetragener gemeinnütziger Verein, und wir haben die Arbeit stark professionalisiert. Unsere Datenbank zu Femiziden in Deutschland umfasst mittlerweile sechs dokumentierte Jahre und wird stetig erweitert. Für 2023 erstellen wir gerade den ersten Jahresreport, der demnächst veröffentlicht wird. Über 90 Prozent der Fälle aus dem Jahr gelten inzwischen als abgeschlossen, das heißt: Es liegt ein Urteil vor, oder der Täter hat Suizid begangen. Damit können wir erstmals vollständige Analysen vorlegen.
Was zeigen Ihre Daten über Femizide in Deutschland?
Erstens: Femizide treffen keineswegs nur junge Frauen. Etwa 30 Prozent der Opfer sind über sechzig Jahre alt – und auch die Täter sind häufig älter. Besonders alarmierend sind Fälle, in denen Frauen von ihren Partnern, Expartnern oder Söhnen getötet wurden, obwohl die Frauen zuvor mehrfach Hilfe gesucht haben. Zweitens: Die Urteile werfen Fragen auf. Manche Gerichte werten die Tatsache, dass ein Opfer sich in ein anderes Zimmer retten konnte, als Indiz gegen Heimtücke. Oder sie sehen keine Heimtücke, weil die Frau aufgrund von vorheriger Gewalt des Mannes »mit einem Angriff rechnen musste«. Solche Begründungen zeigen, wie wenig die patriarchalen Muster hinter Femiziden juristisch erfasst werden. Und drittens: Frauen mit Mehrfachdiskriminierungen – etwa ohne Deutschkenntnisse oder mit Fluchterfahrung – sind besonders gefährdet und zugleich am schlechtesten geschützt. Das sind strukturelle Lücken, die dringend politisch adressiert werden müssen.
Lassen sich die von Ihnen erfassten Femizide kategorisieren?
Wir arbeiten nach internationalen Standards und unterscheiden daher zwischen mehreren Typen von Femiziden, darunter der intime Femizid, also im Partnerschaftskontext; der familiäre durch Vater, Bruder oder andere Verwandte; der nichtintime durch Verehrer oder Bekannte ohne Beziehung sowie Femizide im Prostitutionskontext und weitere Kategorien. Neu hinzugekommen ist die genaue Auswertung der Urteile – also ob Mord oder Totschlag vorliegt, ob Jugendstrafrecht angewandt wurde, wie viele Jahre Haft ausgesprochen wurden. Damit lässt sich erstmals empirisch erfassen, wie deutsche Gerichte Tötungen an Frauen bewerten. Die Datenbank selbst ist aus Datenschutzgründen noch nicht öffentlich zugänglich, aber wir beantworten Anfragen. Unser Ziel bleibt ein umfassendes Gesetz zu Femiziden in Deutschland – jenseits einzelner symbolischer Maßnahmen wie der elektronischen Fußfessel.
Wer nutzt »Feminizidmap«?
Unsere Datenbank wird zunehmend von Wissenschaftlerinnen angefragt. Auch Institute interessieren sich für eine breitere Nutzung unserer Daten. Insbesondere im Vorfeld des 25. Novembers kommen vielfältige zivilgesellschaftliche Organisationen und Gruppierungen auf uns zu und benötigen spezifische Daten als Input für aktivistische Veranstaltungen im Rahmen des jährlichen Tages gegen Gewalt an Frauen. Wir verstehen uns als Monitoringstelle für Femizide in Deutschland – so lautet auch unser Vereinsname – und leisten damit etwas, das staatliche Institutionen bereitstellen müssten: Die Istanbul-Konvention verpflichtet Deutschland zur systematischen Erfassung von Tötungen an Frauen, doch bis heute fehlt eine offizielle Stelle. Unser Engagement bleibt ehrenamtlich, getragen von der Überzeugung, dass die feministische Zivilgesellschaft hier eine Lücke schließen muss.
Nora Reich engagiert sich bei dem Projekt feminizidmap.org, das Femizide bzw. Feminizide in Deutschland dokumentiert
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Leserbrief von Astrid Loehnert (16. November 2025 um 22:17 Uhr)Das von Nora Reich genannte Ziel des Vereins ist ein Gesetz zu Femiziden in Deutschland. Mit diesem Ziel geht’s weiter in denselben Fußstapfen der kapitalistisch gemachten Männerwelt. Wo der Mann noch die Gewalt gegen die Frau braucht, weil er emotional nicht mehr kommunizieren kann, sollte ich das vielleicht besser noch mehr verdeutlichen, nicht mehr emotional kommunizieren darf? Es ist doch meiner Meinung nach unbedingt notwendig, die sozialisierende Pädagogik so zu verändern, dass Männer keine Stärke mehr gegenüber Frauen brauchen, um sich selbst gleichwertig zu fühlen, und nicht wie um einen Besitz betrogen oder bestohlen. Demnach müsste man zuerst die gleiche Augenhöhe zwischen den beiden Geschlechtern in der Kommunikation und eine wertschätzende, solidarische Lebenswelt erreichen, wo der individuelle Symbolstatus für den Mann nicht durch eine Frau erwartet wird und der Egoismus im Konkurrenzdenken nicht diese beiden Werte einer funktionierenden nationalen Gemeinschaft überwiegt. Das ist meiner Meinung nach auch im Kapitalismus erreichbar, wenn die charakterliche Wahrheit durch die Solidarität der Frauen und Männer zueinander wieder überwiegt.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (17. November 2025 um 12:27 Uhr)Einverstanden mit der »wertschätzenden solidarischen Lebenswelt«. Dass die innerhalb einer Konkurrenzgesellschaft wie dem Kapitalismus geschaffen werden kann, in der der Ellenbogen der wichtigste Teil des Körpers ist, scheint mir aber eine sehr gewagte Behauptung zu sein. Denn immer noch prägt das materielle Sein unser Verhalten weitaus mehr, als die bestgemeinten Parolen. Das entscheidende Kettenglied, von dem aus sich alle Welt in Bewegung setzen lässt, ist es eben doch nicht, Mann und Frau miteinander auszusöhnen. Allerdings wäre schon viel gewonnen, würden beide öfter ihre Gemeinsamkeiten erkennen, statt sich gegeneinander in wenig nutzvollen Kämpfen zu verschleißen.
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