Gegründet 1947 Mittwoch, 31. Dezember 2025, Nr. 303
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 17.11.2025, Seite 4 / Inland
Linke-Landesparteitag Berlin

Kurs auf »rote Metropole«

Die Linke will mit Spitzenkandidatin Elif Eralp an die Berliner Regierung. Kompromiss zu Palästina
Von Max Grigutsch
Elif_Eralp_87885852.jpg
Elif Eralp will Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden (10.10.2025)

Auf die Plätze, Konflikte beseitigen, los: Die Partei Die Linke möchte in Berlin an die Regierung. Dafür haben die Delegierten auf dem Landesparteitag im Bezirk Lichtenberg am Sonnabend die stellvertretende Landesvorsitzende zur Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl im kommenden Jahr gewählt. »Elif Eralp ist unser Angebot an die Berlinerinnen und Berliner für das Amt als Regierende Bürgermeisterin«, heißt es in einem entsprechenden Antrag. Ziel sei es, Berlin zu einer »roten Metropole«, also solidarisch, bezahlbar und gerecht zu machen. Eine Gegenkandidatur gab es nicht.

Die Chancen, den Regierungsposten in der Hauptstadt zu bekommen, stehen nicht schlecht. Bei der Bundestagswahl im Februar wurde die Linkspartei mit 21,8 Prozent der Stimmen stärkste Kraft in Berlin. Bei einer INSA-Umfrage von Ende Oktober kam die Partei mit 17 Prozent auf Platz zwei. Gewählt wird am 20. September 2026.

Aber wer regieren will, braucht zunächst eins. Klare Positionen? Nein, Einigkeit. Das schlug sich auf dem Parteitag abermals in der Debatte um Gaza nieder. Zwei Anträge in Solidarität mit Palästina wurden zugunsten eines Kompromissantrags zurückgezogen, der letztendlich beschlossen wurde. Verhandelt wurde das großteils in Vorgesprächen, an denen neben dem Landesvorsitz auch die Landesarbeitsgemeinschaften Palästinasolidarität und Shalom teilnahmen. Die Gespräche dauerten angeblich noch bis in den Parteitag hinein an.

Der Antrag »Stoppt den Genozid in Gaza« war von der LAG Palästinasolidarität, den Bezirksverbänden Neukölln und Steglitz-Zehlendorf, sowie vom Studierendenverband SDS Berlin und der Linksjugend Berlin gestellt worden. War darin noch gefordert, Die Linke solle »ab sofort den Begriff ›Genozid‹ konsequent in öffentlichen Äußerungen, Interviews und Kundgebungen« verwenden, sind im Kompromiss widersprüchliche Meinungen angeführt. Zwar seien »viele in der Berliner Linken« überzeugt, dass der jetzt »unterbrochene« Krieg in Gaza »ein genozidaler Krieg« war. Aber: »Andere in der Berliner Linken begegnen der Einstufung als Genozid vorsichtig oder lehnen sie ab.« Verwiesen wird auf das noch laufende Verfahren am Internationalen Gerichtshof und die »Verantwortung gegenüber der deutschen Geschichte«.

Für Hannah von der LAG Palästinasolidarität fällt der Antrag »hinter das zurück, was eine linke Partei leisten muss«. Gegenüber junge Welt erklärte sie am Sonntag, die LAG habe ihre Anträge zurückgezogen, »um die schlimmsten Grausamkeiten« aus dem Kompromiss zu streichen und »ein paar Fortschritte« zu erreichen. Immerhin: Israels Angriffe auf Gaza würden als ein Krieg bezeichnet, der dazu diente, die palästinensische Bevölkerung zu vertreiben und zu vernichten. »Das ist de facto ein Genozid«, sagte sie.

Auch die Linksjugend Solid hält den Beschluss nicht für einen »inhaltlichen Fortschritt«. Palästina-Solidarität und der Schutz jüdischer Menschen dürften nie gegeneinander ausgespielt werden, erklärte der Berliner jugendpolitische Sprecher, Johannes Franck, auf jW-Anfrage. »Die versuchten Einigungen und Dialogräume bringen wenig, wenn wir uns nicht darauf einigen können, dass wir konsequent an der Seite der Unterdrückten stehen und klar benennen, wer der Unterdrücker ist«, sagte er. Die Linksjugend kämpfe für »eine starke sozialistische Linke, die ihre Standpunkte nicht für Regierungsfähigkeit abtritt«.

Unzufrieden zeigte man sich auch auf anderer Seite. Der Delegierte Markus Wollina nahm sich etwa in einer »persönlichen Erklärung« den Raum, die Vorgänge mit einigen Worten in Richtung LAG Palästinasolidarität zu resümieren: »Ihr habt wirklich gezeigt: Euch ist diese Partei egal, solange ihr nur eine Bühne für eure Positionen kriegen könnt. Und ich hoffe, die anderen Genossinnen und Genossen werden euch das nicht vergessen.«

Die Zurschaustellung der Einigkeit, ist sie nun geglückt oder nicht? »Komplett gelungen«, befand ein parteiexterner Beobachter vor Ort am Sonntag gegenüber jW. Im RBB verkündete der Parteienforscher Gero Neugebauer am Sonnabend glatt, der Konflikt um Palästina in der Berliner Linkspartei sei »erst mal beerdigt«, wenn auch nicht komplett verschwunden. Zum Abschluss des Parteitags ließ Landesgeschäftsführer Björn Tielebein die »Viva, viva Palästina«-Rufe im Saal verhallen – mit dem Hinweis, alle mögen bitte ihren Müll mitnehmen.

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg, Manni Guerth (17. November 2025 um 22:56 Uhr)
    Das linke Bürgertum möchte endlich auch an den Steuerfressnapf. Der Steuerfressnapf der BRD ernährt seit Kriegsende alle Nazis und deren heutigen Abkömmlinge. Thälmann-Mörder Kraus und Rosa-Luxemburg- und Karl-Liebknecht-Mörder Waldemar Papst wurden bis an ihre friedlichen Lebensenden in der BRD mit üppiger Rente durchgefüttert. Der Skandal ist weniger, dass der Nazinachfolgestaat BRD allen Nazis zu einer neuen Karriere in Politik, Justiz und Wirtschaft verhalf. Nein, in meinen Augen ist der Skandal, dass kein Kommunist die Mörder von Thälmann, Luxemburg und Liebknecht liquidiert hat. Das linke Bürgertum genießt es, politisch mit Antideutschen und Zionisten in einem Bett zu schlafen. Das linke Bürgertum wird sich in Krisenzeiten politisch den Faschisten zuwenden; das war immer so. Karl Marx hat im Kommunistischen Manifest geschrieben: »Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Missständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher: Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art.« (Kapitel: Der konservative oder Bourgeoissozialismus)
  • Leserbrief von Ellen Brombacher (17. November 2025 um 14:22 Uhr)
    Ausnahmslos auf jedem Parteitag wird am Ende darum gebeten, den Müll mitzunehmen – aus Rücksicht auf die, die ihn sonst wegräumen müssen. Das Ende Eures Artikels über den jüngsten Landesparteitag der Berliner Linken ist bewusst bösartig. Wem bringt das etwas? Und: kein Wort in dem Artikel über den wichtigen Beschluss gegen das faktische Verbot der LL-Ehrung im Januar 2026.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (17. November 2025 um 06:04 Uhr)
    Wann werden wir uns eigentlich endlich eingestehen, dass der Kampf längst verloren und die Linkspartei längst in eine Partei des liberalen Kleinbürgertums mit Einsprengseln von Erinnerungen an früher Progressives umgeformt worden ist? Eines Kleinbürgertums, von dem schon Engels zu berichten wusste, dass es ganz objektiv zur Wankelmütigkeit gezwungen ist. »Seine Zwischenstellung zwischen der Klasse der größeren Kapitalisten (…) und der Arbeiterklasse ist für seinen Charakter bestimmend. Es strebt nach der Stellung der Bourgeoisie, aber das geringste Missgeschick (…) schleudert es hinab in die Reihen des Proletariats. Dieses ständige Hin-und-Hergerissensein zwischen der Hoffnung, in die Reihen der wohlhabenden Klasse aufzusteigen (…) und der Furcht, auf das Niveau von Proletariern (…) herabgedrückt zu werden (…) macht es (gesetzmäßig) äußerst wankelmütig in seinen Anschauungen.«

Ähnliche:

  • Ein ewig leidiges Thema: Wie positioniert sich die Linkspartei z...
    19.08.2025

    Freund oder Feind

    Linke-Parteichef van Aken: Kritik an Bezirksverband Neukölln. Gespräche angekündigt. Parteiausschluss ist »Riesenhammer ganz am Ende«
  • Schwierige Solidarität: Die Regierungsmannschaft des Linksbündni...
    15.05.2024

    Zwist in der EU-Linken

    Kandidat von spanischem Linksbündnis für Parlamentswahl bezeichnet BRD-Kollegen als »zionistisch«