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Wer hat Angst vor der IG Metall?

Die Arbeit der IG Metall im Tesla-Werk im brandenburgischen Grünheide scheint zu fruchten. Am Montag zitierte das Handelsblatt heimliche Tonaufnahmen aus der letzten Belegschaftsversammlung, wo der Werksleiter über die Gewerkschaft herzog. »Es nervt mich unglaublich, aber dieser unsägliche Konflikt mit der IG Metall ist einfach ein sehr präsentes Thema«, erzählte André Thierig demnach. Angesichts der bevorstehenden Betriebsratswahlen »brachte er ein paar Sachen mit«, um die Beschäftigten »aufzuklären«. Die IG Metall befasse sich »mit Themen, die passen nicht zu uns«, so Thierig laut Handelsblatt. Die Beschäftigten sollten aufpassen, »wo macht ihr euer Kreuz? Dass ihr genau wisst, wofür es steht, wenn ihr für die IG Metall stimmen werdet«.

Bezogen auf die Aussagen von IG-Metall-Chefin Christiane Benner kürzlich in der Welt, wonach Tarifverträge die Autoindustrie produktiv und erfolgreich gemacht hätten, spottete Thierig: »Das ist genau das, was wir in der restlichen Automobilindustrie sehen – wie erfolgreich die Tarifverträge sind: Überall werden Stellen abgebaut.« Bei Tesla bislang nicht. Und daraus schlussfolgerte Thierig: Tesla fahre ohne Gewerkschaften besser als mit. »Wer sich immer nur dagegen positioniert und (…) schlechte Stimmung macht, der gehört nicht zu uns.«

Trotzdem gewann die von der IG Metall organisierte Liste bei der Betriebsratswahl 2024 in Grünheide mit 16 Sitzen die meisten Mandate. Fünf andere Gruppierungen, die dem Management nahestehen, kamen gemeinsam auf 23 Sitze. Sie grenzen sich als »Fraktion 23« stark von der IG Metall ab.

Die IG Metall selbst habe noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. So bekomme sie auf Betriebsversammlungen kein Rederecht, obwohl es gesetzlich möglich wäre, sagte der neue Leiter des IG-Metall-Bezirks Berlin/Brandenburg/Sachsen, Jan Otto, am Montag in einem Pressegespräch und versprach: Nach den Betriebsratswahlen werde die Gewerkschaft einen Gang hochschalten. Das heiße vor allem, verstärkt in die Ansprache der Kollegen zu gehen. Aber auch die Frage des Amtsmissbrauchs könnte verstärkt verfolgt werden. Gegen die managementnahe Betriebsratsvorsitzende läuft derzeit noch ein Amtsenthebungsverfahren, das die IG Metall in Gang gesetzt hatte.

Otto betonte, dass die Belegschaft bei allen geheimen Abstimmungen mehrheitlich für die IG Metall stimme. Eine kürzlich gestartete Postkartenaktion für ein Weihnachtsgeld von 1.500 Euro für jeden der 11.000 Beschäftigten wurde bislang von 2.000 Kollegen sogar namentlich unterstützt. »Das ist angesichts des hohen Drucks im Werk eine sehr hohe Quote«, so Otto. Ein Wunder ist es nicht. Denn Otto sprach gleichzeitig von teils Dritte-Welt-ähnlichen Arbeitsbedingungen im Werk in Grünheide. (sk)

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.10.2025, Seite 15, Betrieb & Gewerkschaft

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