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Aus: Ausgabe vom 30.08.2025, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Wacht an Rhein und Main

Von Arnold Schölzel
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Die Dienstagausgabe der FAZ enthält mobilisierende Beiträge zur Stärkung des Wehrwillens deutscher Großbürger gegen das mord- und landgierige Russland. Auf Seite eins setzt der für Rechtsfragen zuständige Redakteur Reinhard Müller zum Beispiel nicht etwa nur – wie im medialen Durchschnittsgewerbe üblich – Wladimir Putin und Adolf Hitler gleich, sondern weist nach: Putin ist »teilweise« schlimmer als der »Führer«: »Selbst die zweifelhaftesten Interventionen der USA mündeten nie in eine Annexion, das war nie das Ziel. Nie wurde einem anderen Land und Volk das Existenzrecht abgesprochen. So aber Moskaus Rhetorik, die insofern teilweise sogar über die Hitlers hinausgeht.«

Müllers private Rachsucht für 1945 – in seiner FAZ-Kurzbiographie steht bekenntnismäßig, der Vater des 1968 geborenen Reinhard stamme »aus Landsberg an der Warthe, die Mutter aus Danzig« – lässt sich zur Frage US-Annexionen ergänzen: Wozu annektieren, wenn man einen Merz (Scholz, Merkel, Schröder, Kohl usw.) hat? Und außerdem mehrere hundert Militärstützpunkte auf dem Globus zu dessen Kontrolle?

Mit »Landsberg« und »Danzig« ist Müller, der als Referendar bei der Dresdener Staatsanwaltschaft in der »Abteilung für DDR-Unrecht« vermutlich trotz Busch- und Schmutzzulage das Ostkolonialtrauma williger Westdeutscher erlitt, im übrigen nicht fertig. Zum Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990 schreibt er: »Land gegen Frieden? 45 Jahre nach Ende eines Weltkriegs handelten zwei deutsche Staaten mit den einstigen Siegermächten eine Regelung aus. Unter Schmerzen und Verlusten, gerade auch für die Millionen Deutschen, die ihre seit Jahrhunderten angestammte Heimat in den Ostgebieten hatten. Die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR ging auf Kosten von Gebiet und Selbstbestimmungsrecht der Ostdeutschen. Aber sie ermöglichte auch Frieden und Freiheit in Selbstbestimmung.« Denn die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die DDR 1950 war für Müller Unrecht. Es hat diesen Staat nie gegeben, nur eine »Zone«.

Die Müllerschen Schmerzen und Verluste werden aber schon auf Seite zwei der Dienstag-FAZ kompensiert. Dort wird Nico Lange (Jahrgang 1975), der von der unvergessenen, weil schon im Oktober 2021 Russland mit dem Einsatz von NATO-Atombomben drohenden Annegret Kramp-Karrenbauer in CDU und Verteidigungsministerium gezüchtet wurde, als »Militärfachmann« vorgestellt. Und der teilt mit, Donald Trump gestatte neuerdings Kiew, mit weitreichenden »Atacms«-Raketen aus US-Produktion russische Ziele anzugreifen: »Die Regierung Trump wollte das lange nicht, und auch die Biden-Regierung war extrem zögerlich bei der Freigabe von Reichweiten, um Ziele in Russland anzugreifen. Trump macht jetzt etwas, was die Biden-Regierung sich nicht getraut hat.« Es geht auch genauer: Biden gab im November 2024 die »Atacms« frei, Trump wütete damals, das sei ein »sehr, sehr großer Fehler« und Russland reagierte: Am 21. November 2024 zertrümmerte die neue Hyperschallrakete »Oreschnik« ein riesiges Rüstungswerk in der Stadt Dnipro.

Lange will mehr davon: »Die Verlustzahlen der Ukraine würden sehr stark in die Höhe gehen, wenn die Ukraine wieder größere Gegenoffensiven auf dem Boden versuchen würde. Deswegen konzentriert sich die Ukraine auf den Krieg mit Abstandswaffen – darauf, die russische Logistik, die Führung und die Kommunikation auszuschalten. Das würden wir im übrigen auch so machen.« Lange ist eine Art Cato mit »Taurus«: Im übrigen muss Russland durch den zerstört werden. Mit Lange, Müller und der FAZ ist der nächste Feldzug dorthin schon gewonnen. Solange die Kiewer das so machen wie »wir«. Lieb’ Bürgersleut, mögt ruhig sein/Fest steht die Wacht an Rhein und Main.

Mit Lange, Müller und der FAZ ist der nächste Feldzug gegen Russland schon gewonnen. Solange die Kiewer das so machen wie »wir«.

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