Gegründet 1947 Mittwoch, 28. Mai 2025, Nr. 122
Die junge Welt wird von 3011 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.05.2025, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Ins Tor geprallt

»Die Kunst der UnFuge« mit Horst Evers und den Glorious Four im Schlosspark-Theater in Steglitz
Von F.-B. Habel
imago152699330.jpg
Spiel zum freien Mann! Horst Evers in Aktion

Wussten Sie, dass der Satiriker und Humorist Horst Evers in der Jugend mal aktiver Fußballer war? Allerdings war allen Mitspielern klar, dass er nicht angespielt werden durfte. Er irritierte die Gegner durch Rufe wie »Hierher! Ich stehe frei!«, wobei er wild umherfuchtelte. Einmal traf ihn ein Schuss an der Wange, der von dort ins Tor prallte. Nun nannten ihn alle »die Wange Gottes«. Evers wäre nicht Evers, wenn er daraus nicht einen Vergleich gezogen hätte: zu unserem Kanzler. Der stand auch jahrelang frei, aber nun ist zumindest Wangenarbeit gefragt! Die gehört ja irgendwie auch zum Kopf.

Der Wahlberliner Evers, der den Alltag mit bis ins Absurde gesteigerten Geschichten beobachtet, aufschreibt und daraus vorliest, war in den vergangenen Jahren schon in allen deutschen Orten, wie er im Schlosspark-Theater erzählte. Anderswo weiß man vielleicht sogar, dass er auch singen kann. In Steglitz waren manche überrascht, als er das Chanson »Spandau« auf einen alten Schlager von Petula Clark vortrug. Begleitet wurde er von den Glorious Four, ein für diesen Abend vom Deutschen Sinfonieorchester (DSO) zusammengestelltes Streicherquartett. Auf diese Begleitung war Evers ein bisschen stolz.

In der Reihe »Die Kunst der UnFuge« harmonierten die Geigerinnen Olga Polonsky und Lauriane Vernhes, Viktor Bátki (Viola) und die Cellistin Claudia Benker-Schreiber brillant mit der feinen Ironie des Humoristen. Seine kleinen und oft versteckten Weisheiten überraschen immer wieder. Mit der spitzfindigen Technik, Sätze ständig zu unterbrechen, erinnert er an den großen Werner Finck.

Mit fast atemberaubenden Stücken von Erwin Schulhoff (1894–1942), der einst das Kommunistische Manifest vertont hatte, verblüfften die Glorious Four des DSO unter riesigem Applaus. Auch Paul Hindemiths Parodie auf Militärmusik sorgte für großes Vergnügen beim Publikum. Claude Debussys »Claire de lune« wurde vom in Berlin wirkenden Österreicher Stephan Koncz bearbeitet, der mit zwei eigenen parodistischen Stücken das Programm bereicherte.

Nun geht es in die Sommerpause, und man darf sicher sein, dass sich die DSOler um Thomas Schmidt-Ott bis zum Herbst neuen intelligenten Unfug ausgedacht und hintergründige Gäste angeworben haben.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

                                                                   junge Welt stärken: 1.000 Abos jetzt!