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Literatur

250 Jahre Novalis

»Ihre sogenannte Religion wirkt bloß wie ein Opiat: reizend, betäubend, Schmerzen aus Schwäche stillend. Ihre Früh- und Abendgebete sind ihnen, wie Frühstück und Abendbrot, notwendig. Sie können’s nicht mehr lassen.« Dieser Art betäubender Religiosität, die der junge Novalis in seiner ersten Publikation, der 1798 in der Zeitschrift Athenäum erschienenen Aphorismensammlung »Blütenstaub«, den »derben Philistern« zuschrieb, fiel Novalis später, man kann es nicht leugnen, durchaus selbst zum Opfer.

In seiner unterhaltsam idiosynkratischen Diatribe »Zur Romantik« (2001) hatte Peter Hacks die nicht völlig von der Hand zu weisende Behauptung aufgestellt: »Die gesamte deutsche Romantik ist eine mutmaßliche Bande von Opiophagen.«

Hegel hielt die Schriften von Novalis für ein Beispiel der »Sehnsucht der schönen Seele«. Eine Zuschreibung, die bekanntlich kein Kompliment ist: »Die Extravaganz der Subjektivität wird häufig Verrücktheit.«

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Die von Hegel kommende Ablehnung der Romantik hat allerdings auch Gegenstimmen: »Während im amerikanischen New Criticism und russischen Formalismus der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts die moderne Phantasie angemessen verstanden wurde, verharrte die deutsche Romantikrezeption trotz neu erworbener formalistischer Methoden in weltanschaulich-geistesgeschichtlich orientiertem Missverstehen«, schrieb Karl Heinz Bohrer 1989.

Novalis kann man eines nicht absprechen: Er hatte nützliche Definitionen geliefert, was das Romantische überhaupt sei. Zum einen die Entfernung: »Ferne Berge, ferne Menschen, ferne Begebenheiten etc., alles wird romantisch.« Zum anderen die Verfremdung des Alltäglichen: »Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten gebe, so romantisiere ich es.« Distanz und Verfremdung sind Bausteine der »modernen Phantasie«.

Der Bergbauingenieur und Schriftsteller Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, genannt Novalis, wurde vor 250 Jahren, am 2. Mai 1772 geboren. (aha)

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 10, Feuilleton

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