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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Der Strom und der Damm

Vom Streik in den Kölner Ford-Werken 1973 zu Sehnsucht, Leben, Angst – die »Gastarbeiter-Monologe« von Mesut Bayraktar auf der Bühne
Von Glenn Jäger
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»Für alle eine Mark mehr« – spontan streikende Arbeiter bei den Ford-Werken in Köln, 1973

»Unser Selbstbewusstsein, eure Angst« sei das, was von dem Fordstreik 1973 bleibe, mit dem die erste Generation von Arbeitsmigranten in der BRD aus dem Schatten trat. Es sind große Themen, die Mesut Bayraktar (Text und Regie) in den »Gastarbeiter-Monologen« verhandelt. Sie zeugen von Niederlagen und Siegen, von Unterdrückung und Befreiung, von Mut und Hoffnung, von Liebe und Sehnsucht, von Scham, Trauer und Wut, die von vier Akteuren verkörpert werden.

Letzten Herbst am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt, zog das Stück bald weiter nach Berlin und Marburg. Vergangenen Donnerstag wurde es parallel in Hamburg und im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus präsentiert. Mit den überzeugenden Schauspielerinnen Günfer Cölgecen, Burcin Keskin und Miriam Meißner sowie dem Rapper und Aktivisten Kutlu Yurtseven – mit Bühnenerfahrung aus dem Kölner Schauspiel (»Die Lücke 2.0«) – steht nun auch ein NRW-Team.

In den »Gastarbeiter-Monologen« folgt Bayraktar seinem Credo einer »konfrontativen Literatur«: die Strukturen hinter den Niederungen des Alltags dechiffrieren, die Mühsal und Pein erst hervorbringen. Ein ausgereiftes Bühnenbild braucht es dazu nicht. Im Hintergrund werden bei passender Musik ab und zu Aufnahmen projiziert, Züge, Koffer, Menschen. Wohnheime, Hochöfen, Demonstrationen. Ansonsten: Auf Barhockern sitzen vier Figuren mit Kladden in der Hand, um in szenischer Lesung, stellenweise im Chor, symptomatische Biographien offenzulegen. Unter den Namen Gül, Meryem und Bettina treten die drei Frauen auf, wahlweise auch unter den drei Motivbildern »Hasret«, »Hayat« und »Korku« (Sehnsucht, Leben, Angst).

»Ich wollte immer Sängerin werden«, doch »eine Sängerin, sagen sie, ist eine Nutte«, so Hayat (Günfer Cölgecen). Eindringlich intoniert erzählt sie von Schulabbruch, Arbeit und Heirat, alles zu früh, und von ihrer Hoffnung, durch eine Stelle in Almanya ihrem Mann und anderen Betrübnissen zu entfliehen. In Hamburg angekommen, steigt gleich eine Betriebsfeier. Manche Kollegin bleibt fern, »eine Frau geht nicht tanzen«. Ob so ein Fest »alle paar Wochen« stattfinde, fragt sich Hayat selig. Nein, »am Montag begann die Arbeit. Der Traum war aus. Ich lernte Deutschland kennen.« Um »überleben zu können«, wird sie bilanzieren, »muss dein Herz hart werden, aber herzlich bleiben«.

Derweil harrt die 19jährige Hasret (Burcin Keskin) am Schwarzen Meer aus: Kinder großziehen, auf Feld und Kühe aufpassen, unter der Kohl-Regierung wurde der Familiennachzug »reformiert«. Mit sanfter Stimme singt sie ihr »Lieblingslied«; von »Adalet« (Gerechtigkeit) und »Dünya« (Welt) ist darin die Rede. »In Deutschland«, wird sie sagen, »habe ich das Singen verlernt.«

Bettina (Miriam Meißner) arbeitet im Personalbüro, als ihr eines Tages ein gewisser Mehmet die fehlerhafte Lohnabrechnung auf den Tisch knallt. Er bleibe, bis »das geklärt ist«. Sie wird sich entschuldigen, er sich bedanken, ein Kaffee, ein Bier, die Dinge fügen sich. Doch wie die Beziehung den Kollegen erklären, der Verwandtschaft? Am Ende taucht eine »Karikatur der Hitlerjugend« auf: »Fass unsere deutschen Mädchen nicht an!« Mehmet landet blutspuckend im Schnee.

»Wer ich bin?« fragt Grev. »Nennt mich Nazim. Nennt mich Erkan, Deniz oder Ali«, der kollektive Arbeiter oder besser: die Streikenden. Die Texttreue zum Skript wäre für Yurtseven kaum nötig gewesen: In Köln auf Veranstaltungen zum Fordstreik ’73 aufgetreten, der Vater 25 Jahre am Band. Auf der Bühne erinnert er an die Knochenarbeit in der Y-Halle. Und an die sechs Tage im August: Streit um den Werksurlaub, 500 Kollegen gefeuert. Ob man sich das gefallen lassen solle, so »ein Kollege, als Kommunist verschrien«, bevor mehrere tausend die Arbeit niederlegen. »60 Pfennig mehr!« greift ­Yurtseven zum Megaphon, bald: »Muss eine Mark.« Rücknahme der Entlassungen, Bandgeschwindigkeit herunter: »War das zuviel verlangt?« Ja, war es. Die Gegenseite greift zu harten Bandagen. Am Haupttor treffen die Streikenden auf eine Gegendemo, »Leute in Meisterkitteln, unklar, ob verkleidete Schläger oder Zivilbullen«. Aber »der Zug wird durchgelassen, ein Fehler«. Alle Register werden gezogen. »Vier Typen, vermutlich NPD oder Zivilbullen im Blaumann, entreißen den Kollegen die Megaphone. Die Prügel, die sie dabei beziehen, sind einkalkuliert, um uns in der Presse zu verunglimpfen.« »Türkenterror«, lautet der Furor der Medien. »So ist das«, resümiert Grev frei nach Brecht: »Wenn der Strom den Damm bricht, muss sich der Fluss noch seinen Weg ebnen. Manche nennen das Gewalt, sagen aber nicht, dass der Damm auch eine Gewalt ist.« Wer hat Angst vor wem, so die Leitfrage eines Kampfes, der in der Sache verlorenging. Und doch: »Plötzlich hörten wir auf, Gastarbeiter zu sein, sie sahen, dass wir Menschen sind.«

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