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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Ironischer Trugschluss

Andreas Dresens Film »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush«
Von Holger Römers
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Überschwengliches Temperament: Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) und ihr Mann Mehmet (Nazmi Kirik)

Die konzeptionellen Irrtümer, denen Andreas Dresen und seine regelmäßige Drehbuchautorin Laila Stieler bei ihrem neuem Film aufsitzen, deuten sich schon im Titel an: »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush« suggeriert, dass eine Bremer Hausfrau, Migrantin mit bescheidener Bildung und verheiratet mit einem Fabrikarbeiter, dem mächtigsten Mann der Welt erfolgreich die Stirn geboten hätte. Da der Film die bekannten Fakten des Falles Murat Kurnaz nicht über Gebühr verbiegt, zeichnet sich jedoch bald ab, dass der eigentlich deprimierende Stoff die gewünschte optimistische Lesart nicht hergibt.

Als Rabiye (Meltem Kaptan) Ende 2001 erfährt, dass der nur am Rand auf der Leinwand auftauchende Sohn während einer Pakistan-Reise US-Soldaten in die Hände gefallen ist, wird schnell klar, dass sie über keinerlei Mittel verfügt, um ihm aus der Ferne zu helfen. Dass sie dann fünf lange Jahre auf den juristischen Beistand von Bernhard Docke (Alexander Scheer) zählen darf, verdankt sich indes – wie ein einziger, auffallend diskreter Halbsatz andeutet – allein dessen Bereitschaft, unentgeltlich gegen Murats Haft in Guantanamo zu kämpfen.

Wenn der spröde Anwalt später mit Rabiye nach Washington reist, lässt er sie wissen, dass ihre Anwesenheit schlicht der Publicity dient: Die eingeschüchterte Frau, die kein Englisch spricht, soll den Interessen der Guantanamo-Häftlinge, für die in den USA Bürgerrechtsgruppen streiten, in der dortigen Öffentlichkeit ein sympathisches Gesicht verleihen. Rabiyes Handlungsmöglichkeiten bleiben also stets so vordergründig, dass sie eine weitere Transatlantikreise gar nicht erst antreten mag.

Weil sie der Titelfigur wohl dennoch mindestens ebensoviel Gewicht geben wollen wie dem eigentlichen Protagonisten Bernhard Docke, müssen Dresen und Stieler das überschwängliche Temperament betonen, das die reale Rabiye angeblich besitzt. Hauptdarstellerin Kaptan verströmt in ihrer ersten Kinohauptrolle überschäumende Energie, wobei sie die Nähe zum satirischen Stereotyp nicht scheut, was dem himmelschreienden Unrecht des geschilderten Falles freilich denkbar unangemessen ist.

Dass man Dresen, der auf Vorschlag der Linkspartei dem Brandenburger Verfassungsgericht angehört, hier kurz als Komparsen auf der Richterbank des Supreme Court sitzen sieht, wirkt selbstironisch. Allerdings lässt die Akzentuierung richterlicher Würde auch den Trugschluss zu, dass im Hinblick auf Guantanamo der Rechtsstaat letztlich funktioniert habe, wie der Regisseur in Statements zum Film sagt. Die schon im Titel anklingende Ausrichtung der episodischen Handlung auf einen Washingtoner Gegenpol lenkt jedenfalls von der Tatsache ab, dass für die lange Dauer von Murats Haft niemand anderes verantwortlich war als das Berliner Kanzleramt. Das wollte den Deutschtürken trotz einer 2002 angebotenen Freilassung nicht wieder ins Land lassen. Umso bedauerlicher, dass der Name des Hauptverantwortlichen – Frank-Walter Steinmeier – hier kein einziges Mal fällt.

»Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush«, Regie: Andreas Dresen, BRD/Frankreich 2022, 119 Min., bereits angelaufen

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  • Leserbrief von Ralph und Christa Wötzel aus Cottbus ( 4. Mai 2022 um 21:05 Uhr)
    Nachdem wir gestern den Film gesehen haben, tun sich bei uns Fragen auf. Wir haben ein Filmkunstwerk gesehen, dem es aus unserer Sicht gelungen ist, physische und psychische Gewalt, Machtmissbrauch, Rassismus und staatliches Versagen anhand eines historischen Vorgangs zu präsentieren und das auf eine sehr berührende Weise, nicht dröge und langweilig. Alles, was im Artikel kritisiert wird, fanden wir im Film wieder, die Leistung des Rechtsanwalts B. Docke ebenso wie das Versagen des Bundeskanzleramts/Steinmeiers. Keineswegs unangemessen, im Gegenteil, Humor und Nachdenklichkeit bzw. Entsetzen lagen dicht beieinander und haben für einigen Gesprächsstoff gesorgt, von den beeindruckenden schauspielerischen Leistungen mal ganz abgesehen. Wir ziehen den Hut vor Familie Kurnaz und dem ganzen Filmteam um Andreas Dresen.

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