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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 10 / Feuilleton
Graz von oben

Wollen uns die Kommunisten die Handys wegnehmen?

Von Florian Neuner
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Kaum verzichtbar: ICE der Deutschen Bahn fährt auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Köln und Frankfurt am Main über die Hallerbachtalbrücke (Neustadt/Wied, 9.5.2012)

Der Bildungsverein der KPÖ Steiermark ist aus einem langen Winterschlaf erwacht. Gegründet 2005, als der KPÖ der Wiedereinzug in den steirischen Landtag gelungen war, lädt man zu Vorträgen, Seminaren und Kulturveranstaltungen ins Volkshaus in der Lagergasse. Kürzlich war Winfried Wolf mit seinem neuen Buch »Tempowahn« zu Gast. Der Chefredakteur der Zeitschrift Lunapark 21 zeichnet darin die Auswirkungen der Industrialisierung und der mit ihr verbundenen »Transportrevolutionen« auf die Zeitwahrnehmung nach. Für Wolf gibt es nur eine Lösung, nämlich eine »umfassende Entschleunigung der Gesellschaft«; Tempolimits fordert er nicht nur für den motorisierten Verkehr, sondern auch für Züge. Die großen Investitionen in Hochgeschwindigkeitsstrecken hält er für eine Fehlentwicklung. Einspruch erhebt hier der Stadtschreiber, dem es nicht einerlei ist, ob er auf seinen langen Fahrten nach Österreich zwischen Berlin und München sechs Stunden unterwegs ist oder nur vier. Bei einem anderen Bahnthema ist er mit Winfried Wolf aber einer Meinung und begrüßt mit ihm die Renaissance der Nachtzüge.

Im Publikum saß auch die Bürgermeisterin. Ihren Amtskollegen, den Oberbürgermeistern deutscher Großstädte, würde der Stadtschreiber gerne solche Vorträge verordnen. Indes wird in Graz ein seit 20 Jahren diskutiertes Projekt auf Schiene gebracht: eine zweite Straßenbahnstrecke durch die Innenstadt. Im Moment müssen noch alle Linien durch das Nadelöhr der Herrengasse schleichen, die noch dazu eine Fußgängerzone ist. Taktverdichtungen sind so nicht möglich. Zu einer Fragestunde zu »FAQs und Mythen rund um den Kommunismus« lud neulich Hanno Wisiak, Sekretär des Gemeinderatsklubs und Bezirksvorsteher in Geidorf, ins Volkshaus: Wollen »die Kommunisten« den Leuten Auto und Handy wegnehmen? Wollen sie nicht endlich ihren Parteinamen ändern? Angesichts der abenteuerlichen antikommunistischen Ressentiments in eigentlich allen österreichischen Medien ein sinnvolles Aufklärungsangebot, wenn sich auch erwartungsgemäß ausschließlich Sympathisanten einfanden. Viele bewegt die Frage, ob und wie sich das Fernziel der Überwindung des Kapitalismus überhaupt auf die Kommunalpolitik auswirken kann. Hat nicht ein erheblicher Teil der Wähler Elke Kahr ihre Stimme gegeben, weil bei der Gemeinderatswahl in Graz die großen gesellschaftlichen Fragen – vermeintlich? – nicht zur Abstimmung stehen?

Dass weltweite Krisen Auswirkungen haben, auf die auch Grazer Lokalpolitiker reagieren müssen, ist allerdings unbestreitbar. Die Grazer Stadtregierung hat gezeigt, dass man Inflation und Teuerung nicht tatenlos zusehen muss. Kanal- und Müllgebühren etwa wurden in diesem Jahr nicht erhöht, ebensowenig die Mieten der Gemeindewohnungen. Gleichzeitig wurde der Heizkostenzuschuss für Anspruchsberechtigte erhöht: »Graz hilft, wo es kann« – und stößt damit natürlich an Grenzen. Vielleicht kann aber so der Druck erhöht werden? Elke Kahr schreibt: »Gerade in diesen Tagen und gerade wegen des Krieges werden enorme Gewinne gemacht. Ich meine, dass eine gerechte Politik diese Gewinne antasten müsste und einen Beitrag von den Reichsten der Reichen fordern sollte. Deshalb sind wir für einen Preisdeckel bei Energie und bei Gütern des öffentlichen Bedarfs. In anderen Ländern ist das möglich. Warum nicht auch bei uns?«

Mitunter begibt sich der Stadtschreiber auch auf Expeditionen in die Obersteiermark, in den steirischen »Rust Belt«, die sogenannte Mur-Mürz-Furche. Viele der von der Industrie und mittlerweile auch Deindustrialisierung geprägten Städte sind traditionell KPÖ-Hochburgen. Das große Stahlwerk in Leoben wirkt wie Duisburg in den Alpen. In der alten Eisenbahnerstadt Knittelfeld kann er Entschleunigungserfahrungen machen. Der letzte Zug nach Graz fährt schon um 21.14 Uhr. In der phantastischen Bahnhofsgaststätte – einer der letzten ihrer Art, die dringend zum Weltkulturerbe erklärt werden müsste – wird ihm die Wartezeit nicht lang. Eine Frau gibt ihm einen Schnaps aus und erzählt von den Sorgen, die ihr der Rabe, den sie in ihrer Wohnung hält, bereitet: Was, wenn das Tier 100 Jahre alt wird und sie dereinst nicht mehr für ihn sorgen kann?

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