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Berlinale, wie alles begann

Kurz vor der 70. Berlinale veröffentlichte Die Zeit Anfang dieses Jahres Erkenntnisse eines Hobbyhistorikers über den ersten Leiter des Filmfestivals, das 1951 auf Betreiben der USA in der Frontstadt etabliert wurde – als »Schaufenster zur freien Welt«. Alfred Bauer, der als Festivaldirektor von 1951 bis 1976 am liebsten mit Stars wie Gina Lollobrigida posierte, war demnach ein hohes Tier in der Filmbürokratie der Nazis gewesen. Als »eifriger SA-Mann« sei er in Goebbels’ Reichsfilmintendanz bis an die zweithöchste Stelle aufgestiegen, ließ der Freizeithistoriker nach Sichtung von Dokumenten im Berliner Landesarchiv wissen, das kein Verfasser von Berlinale-Jubiläumsbänden je betreten hatte.

Der beim Festival für dessen Geschichte zuständige Rainer Rother wies damals forsch zurück, dass Bauer sich nach dem Krieg zum Antifaschisten stilisiert habe. »Es war überhaupt nicht sein Bestreben, seine Rolle in der Reichsfilmintendanz zu verbergen«, erklärte der Filmhistoriker in den Tagen vor dem Festivalauftakt gegenüber dpa. »Dass Alfred Bauer weißgewaschen werden sollte, ist vollkommener Unsinn.«

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Am Mittwoch wurden nun die Ergebnisse der offiziellen Untersuchung des Falles vorgelegt. Mit »Dreistigkeit und Penetranz« habe Bauer »durch bewusste Falschaussagen, Halbwahrheiten und Behauptungen seine Rolle im NS-Regime zu verschleiern versucht und sich (...) das Image eines NS-Gegners konstruiert«, konstatierte der beauftragte Historiker Tobias Hof. Für Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek, eine Niederländerin, stellte sich damit zum ersten Mal die Frage, welche personellen Kontinuitäten die westdeutsche Kulturszene in den Nachkriegsjahren prägten. Eine womöglich ehrenrettende Erklärung von Rainer Rother steht allerdings noch aus. (jW)

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.10.2020, Seite 11, Feuilleton

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