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Aus: Ausgabe vom 02.10.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Das Eis schmilzt, das Wasser steigt

Hans Traxlers fabelhaftes Klimawandel-Bilderbuch »Die grünen Stiefel«
Von Stefan Gärtner
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Weltuntergang als kindlicher Alptraum: Eine Szene aus »Die grünen Stiefel«

Man soll ja nicht glauben, was die Leute alles nicht wissen, und man will nicht wissen, was die Leute alles nicht wissen wollen, andernfalls sie nicht so unwillig wären, ihr Reise-, Konsum- und sonstiges Verhalten anzupassen; falls man sie nicht dazu zwingt. Es ist also auch gar keine Überraschung, wenn bildungsnahe Zehnjährige, die ein Tischgespräch über die düsteren Prognosen zum Weltklima mitverfolgen, in Tränen ausbrechen und auf Befragen angeben, von alldem noch nie unterrichtet worden zu sein; denn wo der Ferienflug zum nicht diskutablen Standard gehört, gehört das Gespräch über das, was sich ändern muss, eben nicht dazu, und wenn das dicke Ende kommt, und sei’s zunächst gesprächsweise, dann ist der Schreck groß.

Es empfiehlt sich also, Bücher zum Menschheitsproblem Nummer eins zu verschenken, und auch für Kinder ist das Angebot nicht klein. Wer aber möglichst niedrigschwellig einsteigen und Kindertränen vermeiden will, dem sei Hans Traxlers frisches Bilderbuch ans Herz gelegt; ein Buch, in dem so explizit wie nötig, aber bunt wie möglich alles steht, was Kinder über die Erderhitzung wissen müssen. Das ist ja eigentlich bloß zweierlei: Was das ist; und was man tun kann. »Die grünen Stiefel« sind aber nichts zuerst Pädagogisches, Mahnendes, Belehrendes; sie erzählen eine Geschichte, und dass es die Geschichte eines kindlichen Alptraums ist, ist freilich der Königsweg, um vom Weltuntergang zu erzählen, ohne dass hernach wer Alpträume kriegen müsste.

»Altmeister«, das ist natürlich auch so ein Wort – so eins wie »niedrigschwellig« –, aber ist Hans Traxler, der im Mai 91 Jahre alt geworden ist, denn keiner? Es ist beinahe unvorstellbar, dass irgendwer sonst so leicht und eindrücklich, so schreckensdick und dabei heiter von dem erzählen könnte, was heutige Kinder und Traxlers sieben Enkel, denen das Buch gewidmet ist, mit voller Wucht erleben werden; aber auch davon, wie leicht es ist, Dinge anders zu regeln, wenn auch erst mal bloß im kapitalistischen Alltag. (Aufs Beispiel sei verzichtet, der Band ist zu schmal, als dass man die Pointe verraten wollte.) »Die grünen Stiefel«, die wir, falls wir nicht blau oder gelb bevorzugen, alle brauchen werden, gehören, und sei’s per Verordnung, auf jeden gutsortierten Kindernachttisch, denn wenn Vati einen Gelände-BMW oder Mutti in die Karibik will, dann wissen die Oma und der Enkel ab sofort, dass es am See um die Ecke doch auch sehr schön ist, grad wenn das Wetter neuerdings … (Pointe beinah doch verraten; also Schluss jetzt!)

Hoffnung, das heißt mittlerweile bloß, dass es möglich wäre, sich einzurichten, mithin die Stiefel bereitzuhalten, denn »das Eis schmilzt, und das Wasser steigt«. Die Sache per Konsum aufzuhalten ist ja eine dieser Quatschideen, mit denen sich die Ordnung in die Tasche lügt; aber die richtigen Kinderbücher kaufen, das soll eins natürlich trotzdem. Oder sogar: muss. Die Kinder wird es freuen, und wenn es die Eltern ärgert, um so schöner.

Hans Georg Traxler: Die grünen Stiefel. Verlag Antje Kunstmann, München 2020, 32 Seiten, 16 Euro

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