Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Der Pirat ohne Holzbein (10)

Von Wiglaf Droste

Für Guy

Der Pirat, der krank gewesen, aber gut genesen war, hielt sein Wort und ging mit Guy auf Landgang. Nach ein paar hundert Metern drückte er Guy ein paar Münzen in die Hand. Es waren Golddublonen, schwer und leuchtend.

»Mach damit, was du willst. Spar das Gold oder verschleudere es, das ist alles egal. Nur morgen bei Sonnenaufgang musst du an Deck sein. Und ich werde jetzt mal etwas ohne dich tun«, sagte er mit einem Ton der Entschiedenheit, zu dem man sich durchringen muss und nach dem man sich anschließend schneuzt.

Der Pirat strummselte los. Guy war allein in einer Hafenstadt, die er nicht kannte. Er irrte über kopfsteingepflasterte Straßen, und dann sah er ein warmes gelbes Licht scheinen. Es zog ihn magisch und magnetisch an, und so öffnete er die Tür. Eine Frau, die aussah wie eine Apfelkuchengroßmutter, schaute ihn freundlich an. »Was darf ich für dich tun, mein Großer?« fragte sie, und er antwortete nur »Kuchen«.

Er bekam ihn, es war Pflaumenkuchen mit frischer Schlagsahne, er verputzte drei Stück davon, trank ein Glas Zitronenlimonade und fühlte sich wohlig zu Hause. »Wo wohnst du?« fragte die runde Kuchenbäckerin. »Im Moment gar nicht so richtig. Ich bin Schiffsjunge beim Piraten. Und morgen früh muss ich wieder an Deck sein, sonst läuft das Schiff ohne mich aus.« »Und Eltern hast du keine?« fragte die Frau nach. »Doch, aber die sind gerade woanders, und dann kam ich aufs Schiff, und alles war so aufregend, dass ich den Rest vergessen habe.«

»Na, dann schlaf mal schön«, sagte die Frau, packte ihn in drei warme Decken, zündete eine Kerze für ihn an und stellte sie ins Fenster. »Ich wecke dich zum Frühstück, und dann erreichst du dein Schiff zur richtigen Zeit.« Die letzten Worte hatte Guy schon gar nicht mehr gehört; er schlief bereits tief, fest und gut.

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