Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Disziplin und Unsicherheit

Hochspannend, hochliterarisch, hochpolitisch: »Sturmland«, Mats Wahls dystopische Jugendbuchreihe

Von Katharina Bendixen
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Stockholms »Globe Arena« sieht so aus, als hätte die Zukunft ohne Schnee, Kaffee und Obst schon begonnen

Es gab eine Zeit, in der es in Schweden noch schneite. Die Häuser waren mit Dachziegeln gedeckt, in Filmen spielten echte Schauspieler. Es war die Zeit, in der die meisten Schweden ein Auto besaßen und Äpfel aus Neuseeland aßen und sich inmitten ihres Wohlstands darauf verließen, dass irgendwer schon etwas gegen den Klimawandel und die fortschreitende Automatisierung unternehmen würde. In »Sturmland« ist diese Zeit vorbei. »Sturmland« ist eine auf zehn Bände angelegte Jugendbuchreihe des mehrfach ausgezeichneten Autors Mats Wahl. Man kann sie auch als Geschichte für Erwachsene lesen.

Es schneit nicht mehr. Statt dessen ziehen verheerende Stürme durch Schweden, so dass die Häuser solide Stahlkonstruktionen als Dächer benötigen. Kaffee und Obst sind rar, Roboter verkörpern die großen Filmrollen, und die Probleme, die mit dem Klimawandel und der Automatisierung einhergehen, haben sich noch verschärft.

Mats Wahl hat »Sturmland« in nicht allzu ferner Zukunft angesiedelt. Gerade einmal fünfzig Jahre geht er nach vorn. Dann werden Schulkinder flächendeckend mit dem Stimmungsaufheller »Cool« versorgt und es treten die ersten Roboter mit eigenem Willen auf. Hunderttausende Geflüchtete haben sich auf schwedischem Boden niedergelassen, rund um Stockholm hat sich eine selbstverwaltete Enklave herausgebildet, die alle Geflüchteten wieder vertrieben und sämtliche Bücher von Stig Dagerman und Tomas Tranströmer, um mal zwei sehr bekannte Autoren zu nennen, verbrannt hat. Totale Überwachung und Medienkontrolle sind normal, ebenso Selbstjustiz, Folter und Korruption.

Wahls Geschichte ist komplex, und wer nicht mit dem ersten oder zweiten Band beginnt, könnte leicht in Verwirrung geraten über die vielen Orte und Personen. Ausgehend von einer Familienfehde begibt sich der Erzähler immer tiefer in das Leben der politischen Entscheidungsträger und ihrer Widersacher, beschreibt die neuesten technischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen immer detaillierter. Als Heldin hat er die sechzehnjährige Elin Holme gewählt. Ihre Tante ist die Anführerin eines Widerstandskreises, der im Laufe des zweiten Bandes das diktatorische Regime stürzt, um die Macht auf eine ähnlich totalitäre Weise zu übernehmen. Elins Tante spielt in der neuen Regierung eine wichtige Rolle. Auf ihr Anraten begibt Elin sich ebenfalls in die politische Arena.

Zu Beginn des kürzlich erschienenen vierten Bandes ist Elin gerade einem Attentat entgangen. Sie befindet sich mitten im Wahlkampf, in einer unregelmäßig stattfindenden Gesprächstherapie und in einer amourösen Beziehung mit der schwedischen Königin – die nach dem Schwimmen aus Angst vor Fußpilz duscht, mit ihrer monarchischen Rolle hadert und auch sonst ziemlich vernünftig ist.

Ein übergeordnetes Thema dieses Bandes ist Elins Zerrissenheit, literarisch verpackt unter anderem durch den Sprung in einem Spiegel, in dem Elin sich häufig betrachtet, oder durch ein Handy, das in zwei Teile birst. Elin muss ihrer Tante regelmäßig Bericht erstatten, gleichzeitig nimmt sie an den konspirativen Treffen der Königin teil. Sie muss mit parteiinternen Querelen ebenso umgehen wie mit dem Wissen, ständig überwacht zu werden, und sie will alles richtig machen. Oder zumindest besser als die anderen.

Mats Wahl gelingt ein seltenes Kunststück: Seine Geschichte ist auf den ersten Blick ein klassischer Pageturner mit scharfen Schnitten zwischen Elins Perspektive und der Perspektive ihrer Kontrahenten. Auf den zweiten Blick ist »Sturmland« aber hochliterarisch. Wahl bleibt in »Sturmland« seinem Stil treu: Es gibt keine Rückblenden, keine Erklärungen. Lieber verharrt er im Objektiven: beim Aussehen seiner Figuren, in ihren Handlungen, in den Dialogen. Dieses Verfahren wirkt nur einfach, tatsächlich verlangt es vom Autor große Disziplin und Sicherheit in der Auswahl der Details – und vom Leser eine starke Mitarbeit, denn er muss sich das Innenleben der Figuren selbst erschließen. »Sturmland« ist fast noch lakonischer als Wahls bisherige Bücher – und es ist genauso präzise übersetzt von Gesa Kunter (Band 1 bis 3) und Knut Krüger (Band 4).

Mats Wahl gelingt aber noch ein weiteres Kunststück: Er widerlegt die weitverbreitete und ziemlich abstruse These, dass Literatur keinesfalls zu politisch sein darf. Die politischen Zustände flicht er zunächst beiläufig ein, lässt mit fortschreitender Handlung jedoch seine Figuren immer klarer Stellung beziehen. Manchmal geraten sie regelrecht ins Dozieren – im vierten Band vor allem über den Verfall staatlicher Autoritäten und die Clangesellschaften, die diese Lücke ausfüllen. Wenn sie unter Bettdecken kriechen, um sich über solche Themen zu unterhalten, ist das so erschreckend, dass man schon fast erleichtert denkt: Zum Glück passiert das in Schweden und nicht hier! Aber »Sturmland« könnte überall in Europa spielen. Die Zeit, von der Mats Wahl erzählt, droht auch auf uns zuzukommen.

Mats Wahl: Sturmland. Die Lebendigen. Band 4. Aus dem Schwedischen von Knut Krüger. Carl-Hanser-Verlag, München 2017, 382 S., 18 Euro


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