Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

»Nix is schena«

Kleine Szene, große Wirkung und in Österreich weltberühmt: Die Ausstellung »Ganz Wien« erzählt 60 Jahre lokale Popgeschichte

Von Sabine Fuchs
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Aus »Ganz Wien« wurde »That scene«: Falco 1985

Das Lokal »Strohkoffer« sagt selbst den meisten Wienern heute nichts mehr. Ebenso verhält es sich mit dem »Voom Voom« oder dem »Folkclub Atlantis«. Diese Lokale – und etliche mehr – waren Hotspots der österreichischen Popszene, und manche sind noch heute fest mit bestimmten Musikstilen oder Musikern verbunden – wer würde beim »U4« nicht sofort an Falco denken?

Das Wien Museum zeigt nun eine Ausstellung über sechs Jahrzehnte österreichische Popgeschichte als »Pop-Tour« – anhand jener Wiener Clubs, Studios und Veranstaltungsorte, an denen die Entwicklung dieser Musik vorangetrieben wurde. Das ist interessant, für ortsfremde Personen aber mitunter verwirrend. Das Konzept spiegelt sich auch im Titel der Ausstellung wieder: »Ganz Wien« heißt nicht nur Falcos Hit, in (fast) ganz Wien wurde die österreichische Popmusik entwickelt.

Die Ausstellung wartet mit so manchem Überwältigungseffekt auf – über 40 Audio- und etliche Videostationen werden präsentiert. Wobei die Videostation, vor der sich verlässlich die größte Menschenmenge sammelt, natürlich jene ist, an der Falcos »Ganz Wien« läuft, 1981 für das ORF-Fernseh-Jugendmagazin »Okay« aufgenommen. Der Song, der wegen seiner angeblich positiven Darstellung der Wiener Drogenszene zur selben Zeit im ORF-Radio auf dem Index stand, war im Fernsehen anscheinend kein Problem. Für die im Land wichtige Ö3-Hitparade wurde eine englische Version nachgeschoben. Und so wurde aus »Ganz Wien … ist heut auf Heroin«, »That scene … see that scene«.

Die Ausstellung beleuchtet die Querverbindungen der Popmusik zur Kunst- und Literaturszene. So war das »Strohkoffer« in der noblen Kärntnerstraße in den 50er Jahren die wichtigste Brutstätte der Wiener Avantgarde, aber auch des heimischen Jazz: Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und H. C. Artmann hielten Lesungen, Joe Zawinul und Friedrich Gulda gaben Konzerte, Helmut Qualtinger machte beides.

15 Jahre später vertonte die Worried Men Skiffle Group Texte der Wiener Gruppe und erreichte 1970 mit ihrer Version von »Glaubst i bin bleed« von Konrad Bayer den ersten Platz der österreichischen Hitparade. Und H. C. Artmanns 1958 erschienene Gedichtsammlung »med ana schwoazzn dintn« war Inspirationsquelle für ganze Generationen von Dialektliedern, von Wolfgang Ambros’ »Da Hofa« bis zu Voodoo Jürgens »Heite grob ma Tote aus« – beides Num­mer-eins-Hits in Österreich, beide kongenial in ihrem tiefschwarzen und mancherorts als typisch wienerisch geltendem Humor.

Natürlich war die Szene, gemessen an London oder Berlin, klein – auf manche der Protagonistinnen trifft man beim Gang durch die Ausstellung immer wieder. Sängerin (und, kaum bekannt: Bassistin) Marianne Mendt hatte mit Dialektliedern Erfolg, war aber auch Jazzerin. Falco war am Beginn seiner Karriere sowohl Mitglied der vom Wiener Aktionismus beeinflussten Polit-Rockband Drahdiwaberl als auch der Hallucination Company, die an Jerzy Grotowski und Frank Zappa geschulte theatralische Punk-Rock-Performances veranstaltete. Zur Hallucination Company wiederum gehörten auch der Jazzer Harri Stojka und der geniale, viel zu früh verstorbene Hansi Lang, der 1982 mit »Keine Angst« den wichtigsten österreichischen New-Wave-Hit veröffentlichte.

Weitere überraschende Erkenntnis der Ausstellung ist die klare politische Haltung vieler Musikerinnen und Musiker – eine Reaktion auf die kaum aufgearbeitete Nazivergangenheit und das reaktionäre politische Klima des Landes. Noch 1968 provozierte die Straßenumfrage »Was halten sie vom Beat?« höhnische und verächtliche Kommentare, bis hin zum lapidar-faschistoiden »Die gehören alle ins Arbeitshaus«.

Reaktion auf dieses Klima waren immer wieder konkrete Projekte. Mitte der 70er Jahre war es die Besetzung der »Arena«, eines zum Abriss freigegebenen ehemaligen Schlachthofs, die den Dialektliedermacher und bekennenden Kommunisten Sigi Maron »Nix is schena ois unser Arena« singen ließ. Die zeitlose Gültigkeit der zentralen Zeilen »Wer a Göd hot, der schmiert, wer a göd hot, der diktiert …« ist unschwer zu erkennen.

15 Jahre später wurde das »Flex« zum Kulminationspunkt politischer Auseinandersetzungen. Der Club wurde 1990 zunächst als Punktreff im Umfeld eines besetzten Hauses in Wien-Meidling gegründet – gegenüber von einem Neonazilokal. Die Auseinandersetzungen mit den Rechten führten schließlich zur Verlegung des »Flex« an den Donaukanal. In Egon Humers 1993 gedrehtem Film »The Bands« – die Ausstellung bringt Ausschnitte – wird die antifaschistische Positionierung der Wiener Undergroundmusikszene dieser Jahre gezeigt.

Politische Haltung und die Verbindung der Musik- mit der Kunstszene lassen sich bis in die Gegenwart weiterverfolgen. Etwa in der Person von Eva Jantschitsch, als Musikerin unter dem Künstlernamen Gustav bekannt, die auch für Theater- und Filmprojekte arbeitet und 2015 die vierzig Jahre alte »Proletenpassion« der Schmetterlinge neu arrangiert und interpretiert hat. Oder anhand des »Fluc« am Praterstern, einer der In-Clubs der letzten Jahre, der aus der 2002 in einem besetzten Bahnhofsgebäude stattfindenden Politkunstreihe »fluctuated rooms« hervorgegangen ist.

Mag Wanda auch von »Amore« singen und Voodoo Jürgens Tote ausgraben – wenn es drauf ankommt, kriegt die Szene auch politisch den Mund auf. Wenn man sich die aktuellen politischen Entwicklungen anschaut, kann man nur hoffen, dass das auch so bleibt.

Bis 25.3., Wien Museum, am 1.1. ist die Ausstellung geschlossen


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