Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Nomaden der Arbeitswelt

Von Thomas Wagner
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Nomadische User, hier als Straßenblockierer in Hong Kong, im Oktober 2014

Die Menschen sind ja schon länger sesshaft, und so gibt der Nomade auch nicht erst seit gestern das Urbild des ungebundenen Lebens ab, das sich von keiner Autorität gängeln lässt. Die vom Schriftsteller Bruce Chatwin erarbeitete Theorie des Nomadentums wurde nie veröffentlicht, aber schon in der »Muqadimma« (Einleitung), dem Hauptwerk des arabischen Historikers Ibn Chaldun aus dem 14. Jahrhundert, ist das Verhältnis von städtischer Zivilisation und nomadischer Freiheit von zentraler Bedeutung.

Zu neuer Blüte kommen romantische Vorstellungen vom Nomadenleben in der modernen Erwerbswelt. Deshalb widmete sich die Wirtschaftsbeilage »W« der Süddeutschen Zeitung am 25.11.2017 dem Thema Digitale Arbeitsnomaden. Immer mehr sogenannte Solo­selbständige und Kleinunternehmer nutzen die Möglichkeiten der heutigen Technologie und verlegen ihren Arbeitsplatz dorthin, wo andere Urlaub machen. Mehrere Tausend Deutsche sollen es vorziehen, ihre Jobs in klimatisch angenehmeren Gefilden zu verrichten. Um in Statistiken erfasst zu werden, sei die Gruppe der Digitalnomaden allerdings zu klein und zu heterogen. Viele seien nicht in Deutschland gemeldet und als Touristen im Ausland, weshalb sie nirgendwo Steuern zahlten. Allerdings sind die Einkünfte meist auch sehr dürftig. »Viele hangeln sich von Auftrag zu Auftrag«, schrieb die Süddeutsche: »Der Markt für billige Projektarbeit wächst, Unternehmen lagern aus und vergeben einzelne Aufträge an Selbständige, Plattformen wie Upwork oder Clickworker vermitteln. Crowdworking nennt sich das oder Gig-Economy. Dazu gehören virtuelle Assistenten, Selbständige, die für Firmen oder Einzelpersonen die Buchhaltung oder Terminplanung übernehmen. Die Honorare sind oft unverschämt niedrig, für eine Hütte in Südostasien reicht es, für ein Flugticket nach Hause, Rücklagen oder eine Altersvorsorge eher nicht.«

In einigen Ländern Südostasien und Lateinamerikas stellt man sich mittlerweile auf die Bedürfnisse dieser Click- und Crowdworker ein, lässt Glasfaserkabel verlegen und eröffnet Working Spaces. Südkorea und Chile unterstützen ausländische Start-ups gezielt mit Fördergeldern.

Das mobile Arbeiten fordert ein hohes Maß an Selbstorganisation und Disziplin. Geschäft und Freizeit verschwimmen. In der Regel arbeiten die Leute am Strand und unter Palmen deutlich mehr als sie es in einem regulären Bürojob in Deutschland tun würden. Manchem fällt es schwer, Beruf und Privates unter diesen Bedingungen zu koordinieren. »Viele empfinden das als zusätzlichen Stress«, zitiert die Zeitung Annabelle Krause vom Forschungs­insti­tut zur Zukunft der Arbeit: »Es wünschen sich nicht alle mehr Flexibilität und Verantwortung.«

Die meisten Digitalnomaden sind jung. Mit steigendem Alter wächst das Bedürfnis nach stabileren Bindungen. Spätestens, wenn es um die Familiengründung geht, ändern sich bei vielen die Prioritäten. Die Süddeutsche meint, menschliche Bedürfnisse würden sich bei allem Mobilitätsgewinn nicht radikal ändern. »Schon gar nicht jene Grundbedürfnisse, die aufgrund eines dauerhaften Nomadendaseins zurückstecken müssen. Der Wunsch nach Stabilität, zwischenmenschlichen Beziehungen oder der Fortpflanzung zum Beispiel. Einige werden dauerhaft unterwegs sein, mit oder ohne Familie, andere fangen erst später damit an, wenn die Kinder älter sind. Mehrheitlich wird das digitale Nomadentum aber in der Lebensphase 20 bis 30 verankert bleiben.« Dessen ungeachtet stellt es einen Angriff auf sozial abgesicherte Regelarbeitsplätze dar.


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