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Leserbrief zum Artikel Republikgeburtstag: 40 Jahre Mietendeckel vom 07.10.2019:

Geistliche Gehirnwäsche

Dieser Tage erfahren Bürger in Ost wie West, soweit es sie noch interessiert, wie grauenvoll das Dasein der Millionen Brüder und Schwestern hinter Mauer und Stacheldraht gewesen sein muss. 30 Jahre nach den denkwürdigen Ereignissen ist es nahezu unmöglich, den Klängen, Tönen und Gruselgeschichten zu entgehen. Beinahe hat es etwas sehr Christliches, wenn die Leiche DDR, seit 30 Jahren Geschichte, dieser Tage rund um die Uhr Auferstehung feiert.
Auch heute zum morgendlichen Kaffee das göttliche geistige Wort des Pfarrers XYZ der Gemeinde irgendwo in Radio Sachsen, im Freistaat des braunen Sumpfes. Heute waren tränenrührend das Thema die Flüchtlingszüge von Prag über Dresden in die Freiheit. Es muss, wie die christlichen Worte der letzten Tage es genau wussten, das Werk Gottes gewesen sein. Vielleicht, er hatte genug seiner Helfer auf Erden.
Wieder Gewalt der SED-Diktatur gegen eine friedlich sich nach Freiheit sehnende Bevölkerung, die sehnsüchtig den Zügen nachblicken wollte. Ein göttliches Wunder, wenn es trotz Wasserwerfern, Knüppeln und Granaten keine Opfer gegeben habe, heißt es.
Wieder kommt mir ins Gedächtnis, was das göttliche Licht mit seinen täglichen morgendlichen ideologischen Fit- und Klarmachern heute anderes bezweckt, als es jedem Rotlicht, jeder angeblichen M-L-Schulung oder SED-Kommentar so bitterböse nachgesagt wird. Wie wahr davon heute vieles nicht nur erscheint, auch sichtbar und spürbar ist, bedarf keines Rotlichtes mehr. Geistliche allmorgendliche Worte ohne DDR-Höllen-Erzählungen könnten selbst manches der Schäfchen und Schafe zur Frage gelangen lassen, warum ihr Gott, Jesus oder Pfarrer nicht über ihr Dasein heute redet, Bilanz zieht, Gewalt, Mauern, Grenzen, Überwachung, Unmenschlichkeit, Menschenverachtung, Kriege, soziale und politische Skandale, tägliche Opfer, Ersaufende, Erschossene, Verhungerte, Erschlagene, Bettelnde, Flaschen- und Müllsammelnde von heute nennt. Jesus, soweit mir sein Erdendasein noch bekannt ist, der hätte sicher zwischen den DDR-Flüchtlingen und denen, die als Flüchtlinge Feindbild sind, zu unterscheiden gewusst und ein Gleichnis beigetragen.
»Mit der Mauer war jegliche Zurückhaltung der Sieger gefallen. Seither werden Kamele ständig gezwungen, durch Nadelöhre zu gehen. Damit sie den Reichen ermöglichen, schon auf Erden ins Himmelreich zu kommen. Das ist offenbar gedeckt durch die christliche Leitkultur. Die Nächstenliebe. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.« Schreibt Daniela Dahn sehr zutreffend in ihrer Abrechnung mit der Einheit.
Roland Winkler, Aue
Veröffentlicht in der jungen Welt am 08.10.2019.
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