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Aus: Ausgabe vom 07.10.2019, Seite 1 / Titel
Republikgeburtstag

40 Jahre Mietendeckel

Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Soziale Grundrechte hatten in dem sozialistischen Staat bis zuletzt Verfassungsrang
Von Stefan Huth
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7. Oktober 1989: Republikgeburtstag in Berlin, Hauptstadt der DDR

Wohnen ein Menschenrecht, Häuser keine Ware? Staatlich organisierter Wohnungsbau in Größenordnungen, dazu niedrigste Mieten? Kaum zu glauben, aber das gab es: eine Phase in der deutschen Geschichte mit einer planvoll und solidarisch entwickelten Wohnungswirtschaft auf volkseigenem Grund und Boden. Anders als im Westen, wo nach den Zerstörungen des von Nazideutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs ebenfalls enormer Aufbaubedarf bestand, wurden in der DDR keine »Sozialbauten« errichtet, bei denen sich die gesellschaftliche Spaltung in Arm und Reich nicht nur im Namen zeigte. Im Osten galt die Devise: Wohnen für alle. Zwangsräumungen und Obdachlosigkeit gab es nicht.

Der Anspruch der sozialistischen Gesellschaft, Friedensmacht zu sein und die menschlichen Bedürfnisse ins Zentrum zu rücken, politisch wie praktisch, wurde hier wie in anderen Bereichen der Daseinsvorsorge eingelöst – im Bildungs- oder im Gesundheitswesen etwa.

Heute, in einer Zeit, in der das Menschen und Natur zerstörende Prinzip der Profitmaximierung buchstäblich alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt, sind das Nachrichten aus einer Parallelwelt. Doch es lohnt sich, sie zur Kenntnis zu nehmen, schon um zu wissen, was da im größer gewordenen Deutschland auf der Strecke geblieben ist. Dabei geht es nicht um Nostalgie. Auch nicht darum, Demokratiedefizite und Fehlentwicklungen, die es zweifellos gab, zu beschweigen oder zu leugnen. Es war ein erster Sozialismusanlauf mit sichtbaren Erfolgen, keine Sackgasse. Zu Recht verglich der Dichter Peter Hacks (1928–2003) die DDR mit einem »sauren«, die BRD mit einem »etwas faulen Apfel«. Seit 1990 wütet der deutsche Imperialismus in altbekannter Form, stehen deutsche Truppen wieder an der russischen Grenze, feiern Faschisten sagenhafte Erfolge.

Gründe genug also, seit dem Anschluss der DDR ganze Heerscharen von Journalisten, Historikern und Museumspädagogen sowie Millionensummen aufzubieten, um jede Erinnerung an die sozialistischen Errungenschaften zu tilgen, das andere Deutschland unter einem Lügenberg verschwinden zu lassen. Die DDR hat die richtigen Fragen gestellt – und auf ihre Weise beantwortet.

Und die Geschichte ist nicht zu Ende, im Gegenteil. Die kommende ökonomische Krise wird, frei nach Marx, auch den Verfechtern der herrschenden Ordnung Dialektik einpauken. Nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet jüngst am 3. Oktober, dem »Tag der Deutschen Einheit«, in Berlin Tausende gegen Wohnungsspekulation und Mietwucher durch die Straßen zogen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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