Rosa-Luxemburg-Konferenz 2017

Rosa-Luxemburg-Konferenz 2017

Alle Artikel rund um die Konferenz, Blogeinträge der jW-Redaktion und Bilder von der Veranstaltung am 14. Januar 2017 im Mercure Hotel MOA Berlin
Interviews
  • · Interviews

    »Es ist der politische Startschuss ins neue Jahr«

    Partei Die Linke: Landesverband Nordrhein-Westfalen mit Stand auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz vertreten. Gespräch mit Sascha Wagner

    Claudia Wrobel

    Ihr Landesverband wird mit einem Stand auf der XXII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz vertreten sein. Was haben Sie im Gepäck, wenn Sie am Sonnabend nach Berlin kommen?

    Erst mal kommen wir mit unserem Personal angereist. Neben den beiden Spitzenkandidaten, Özlem Alev Demirel und Christian Leye, werden weitere Mitglieder des Landesvorstands vor Ort sein und über den Landesverband Nordrhein-Westfalen im Wahlkampfjahr 2017 informieren. Wir hoffen, dadurch vor allem Kontakte knüpfen zu können. Vor uns stehen in diesem Jahr große Herausforderungen: Neben den Bundestagswahlen im Herbst finden in NRW im Mai Landtagswahlen statt. Uns war es deshalb gerade jetzt ein wichtiges Anliegen, ein Zeichen zu setzen und an der Konferenz teilzunehmen.

    Landesverbände Ihrer Partei waren schon lange nicht mehr mit einem Stand auf der Konferenz vertreten. Was war ausschlaggebend dafür, diesen Schritt zu gehen?

    Es ist ja nun keine unbedeutende linke Konferenz ist, sondern eine mit einem gewissen Stellenwert innerhalb der Linken. Natürlich schaut man gerade in Wahlkampfzeiten genau, welche Veranstaltungen nehmen wir wo und wie mit unserem Spitzenpersonal wahr. Da ist es uns wichtig – schon aus den historischen Zusammenhängen, also in Verbindung mit der Gedenkveranstaltung zu Ehren Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts – ein Signal für Nordrhein-Westfalen zu setzen.

    War Ihre Teilnahme Gegenstand einer parteiinternen Debatte?

    Überhaupt gar nicht. Wir haben dazu einen einhelligen Beschluss im Landesvorstand gefasst.

    Welche Bedeutung hat das Gedenken, das ja eine Tradition aus der DDR ist, in dem Bundesland »tief im Westen«?

    Es ist ein wichtiger Termin für uns, und das war er auch schon immer. Viele Kreisverbände mobilisieren in Bündnissen mit anderen linken Organisationen oder Parteien nach Berlin. Unser Landesverband legt seit Gründung der Partei Die Linke an der »Gedenkstätte der Sozialisten« in Friedrichsfelde einen Kranz nieder. Wenn man so will, ist es auch für uns der politische Startschuss ins neue Jahr.

    Was ist Ihr Hauptthema vor der Landtagswahl im Mai?

    Es sind bei so einem großen Bundesland mit 18 Millionen Einwohnern, davon 13 Millionen Wahlberechtigten viele Themen. Man spricht nicht umsonst von einer kleinen Bundestagswahl. Aber die soziale Frage steht ganz klar im Mittelpunkt. Jedes vierte Kind ist in NRW von Armut betroffen, gerade im Ruhrgebiet wird das Gefälle zwischen Arm und Reich immer deutlicher. Neben vielen anderen Themen, wie dringend notwendigen Infrastrukturmaßnahmen ist deshalb natürlich die Frage nach Gerechtigkeit, nach sozialer Sicherheit von ganz besonderer Bedeutung.

    Und helfen Ihnen solche Termine, dies in den Mittelpunkt zu stellen?

    Als Gesamtpartei steht Die Linke vor nicht ganz leicht zu bewältigenden Herausforderungen. Wenn man so will, ist es ein Superwahljahr. In den aktuellen Debatten ist ganz vieles, was von politischer Relevanz ist, mit unserem Bundesland verknüpft: Seien es die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln oder selbst der Terroranschlag in Berlin, bei dem es Verbindungen nach NRW gab. Insofern hoffen wir auf der Konferenz selbst anregende Debatten und Diskussionen mitverfolgen zu können.

    Andere Gruppen oder Parteien sind aber viel stärker dort vertreten.

    Wir sind in einer nicht ganz einfachen Situation: Wir kämpfen um den Wiedereinzug ins Landesparlament und stehen in den Umfragen bei etwa fünf Prozent. Das wird für uns ein hartes Stück Arbeit, bei dem wir es leider mit einer linken Konkurrenz zu tun haben. Die DKP tritt in NRW an. Wir hoffen natürlich, die Zeit in Berlin nutzen zu können, die eine oder andere Debatte zu führen und für eine Geschlossenheit innerhalb der Linken zu werben, um die Gesellschaft in NRW nachhaltig nach links prägen zu können.

  • · Interviews

    »Man muss etwas Spektakuläres machen«

    Weil die Linken zerstritten sind, gibt es jetzt das »Büro für Offensivkultur«. Heinz Ratz stellt es auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz vor. Ein Interview

    Christof Meueler
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    Gut im Fluss: Heinz Ratz

    Bevor Sie Musiker wurden, waren Sie Schriftsteller?

    Bin ich immer noch. Ich komme ja von der Literatur. Aber auf Dauer ist es langweilig, in der Stadtbücherei vor sechs älteren Damen zu lesen, wenn du Anfang 20 bist. Deshalb hab’ ich mit 25 angefangen, Musik zu machen. Ich hab’ mir das Bass-Spielen selber beigebracht und auch Gitarre und dann meine Gedichte vertont. Das ist bis heute so: erst der Text, dann die Musik.

    Und irgendwann haben Sie mit Extremsport angefangen, für die Politik.

    Das war 2008, der »moralische Triathlon«. Ich bin 1.000 Kilometer durch Deutschland zu Fuß gelaufen, für Obdachlose. Und d+ann bin ich 1.000 Kilometer in Flüssen geschwommen, für den Artenschutz. Schließlich bin ich 7.000 Kilometer geradelt, für die Flüchtlinge. Zum Abschluss eines solchen Tages gab es immer ein Konzert.

    Wahnsinn.

    Genau.

    Wie kamen Sie auf diese Idee?

    Ich kam darauf, weil ich was verändern wollte. Oder zumindest das Angebot machen wollte, bestimmte Sachen zu diskutieren. Aber weil ich zu unbekannt bin, dachte ich, dass ich etwas Spektakuläres machen muss, damit man darüber berichtet. Denn wenn die Medien sich dafür interessieren, dann kommt die Politik über das Hintertürchen rein.

    Das hat funktioniert?

    Ja, schon. Auf einem gewissen Undergroundlevel, denn es hat sich ja nichts wirklich verbessert, aber die Aufmerksamkeit habe ich auf jeden Fall gekriegt.

    Was war am anstrengendsten?

    Das Schwimmen war logistisch die größte Herausforderung, ich hatte riesige Schwimmstrecken von 20, 30 Kilometern pro Tag. Vorher hatte ich mir nur einen Diercke-Atlas angeschaut, mit Maßstab 1: 250.000. Da sah das alles nicht so schlimm aus. Ich hatte das nicht groß geplant, sondern bin einfach reingesprungen.

    Doch insgesamt gesehen war das Fahrradfahren am mühsamsten. Ich habe die Flüchtlingsheime besucht, und die Flüchtlinge dachten, da kommt einer, der ist Musiker, der kann uns helfen. Ich wurde jeden Tag haufenweise mit Problemen konfrontiert, die ich gar nicht lösen konnte. Das war sehr belastend. Aber die Flüchtlinge sind mit mir und der Band aufgetreten und bekamen so eine Stimme. Und dann ging es los mit täglichen Polizeikontrollen, den ganzen Ängsten und Vorschriften der Behörden. Manche Flüchtlinge standen kurz vor der Abschiebung. Wir waren ständig im Kontakt mit Anwälten. Trotzdem war das Thema sehr schwer in die Presse zu bekommen, es interessierte kaum jemanden. Aber dann machte die BBC eine halbe Stunde einen Bericht und plötzlich waren wir in den »Tagesthemen«. Und es kamen Fernsehteams aus Südkorea, Brasilien und den USA, die uns filmten. Schließlich bekam ich 2012 noch die Integrationsmedaille der Bundesregierung.

    So etwas gibt es?

    Ja, die Grünen hatten mich vorgeschlagen. Zuerst wollte ich ablehnen, weil ich dachte, von einer Regierung, die diese Politik gegen die Flüchtlinge macht, kann ich das nicht annehmen. Gleichzeitig war mir aber klar, dass ich dadurch a) konkreten Schutz für die Flüchtlinge habe, die mit mir spielen, weil man die danach nicht mehr so einfach abschieben kann, und dass ich es b) schaffe, trotz meines anarchistischen Hintergrunds in die berühmte Mitte der Gesellschaft zu kommen. Also habe ich die Medaille aus strategischen Gründen angenommen. Tatsächlich haben wir dann vor dem Verfassungsgericht gespielt oder vor der rheinland-pfälzischen Regierung, und es dabei geschafft, Ärzte und Rechtsanwälte, die diese Konzerte besuchten, mit in die Lager zu nehmen, damit sie sich um die Flüchtlinge kümmern. Deutschland ist halt so, das Bürgertum ist die entscheidende politische Kraft.

    Hat man sich im sogenannten Flüchtlingssommer 2015 auch an Sie gewandt?

    Wir haben uns da bewusst rausgehalten, weil viele Leute, die unsere politischen Gegner waren, sich auf einmal aus reinen PR-Gründen als Flüchtlingsfreunde auftraten. Das war total verlogen. Interessanterweise wurden diejenigen, die jahrelang mit den Flüchtlingen gearbeitet haben, gar nicht mehr angehört, sondern nur irgendwelche selbsternannten Experten. Auf einmal gab es ja viele Gelder zu verteilen, und jeder hat irgendwelche Projekte gemacht, um die abzugreifen. Das war zum Grausen. Da wollte ich nicht mitmachen. Wir spielen mit den geflüchteten Musikern nur, wenn man uns wirklich braucht. Das Projekt war sozusagen im Schlafmodus.

    Und jetzt kommt das »Büro für Offensivkultur«, das Sie kürzlich mit Konstantin Wecker gegründet haben.

    Zwischendurch war ich etwas politikmüde. Ich habe ein Theaterstück mit 13 alten Autos geschrieben und aufgeführt, die »Kieler Blechmusikanten« und ein Projekt begonnen, für das ich in europäische Städte gefahren bin, um mit Musikern und Künstlern vor Ort zusammenzuarbeiten, um den kulturellen Reichtum, nicht den ökonomischen, zu betonen. Denn ich hatte mich sehr darüber geärgert, wie mit Griechenland umgesprungen wurde. Ein Album mit diesem Konzept ist schon erschienen: »Reykjavik«. Nächstes Jahr geht es nach Bilbao.

    Und dann habe ich mir überlegt, was kann für mich heute eine sinnvolle politische Arbeit sein? Auf der einen Seite hab’ ich gesehen, wie mir Hunderte Menschen bei den Projekten geholfen haben, auf der anderen Seite gibt es jetzt diese ganze rechte Gewalt von Pegida bis AfD. Wie soll man reagieren? Zumal die linke Szene seit langer Zeit zerstritten ist, weil die Leute wegen Kleinigkeiten nicht zusammenarbeiten wollen. Konstantin Wecker ist davon genauso genervt wie ich. Er sagt, das war in den 70er Jahren schon so, und in den 80ern hat er erlebt, wie sich die Friedensbewegung aufgelöst hat.

    Also dachte ich mir, man muss unabhängig und mobil sein. Dann könnte man den engagierten Leuten vor Ort, vor allem in den ländlichen Gebieten, helfen, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, indem man prominente Künstler dort auftreten lässt, Spenden sammelt und die Politik dafür interessiert. Weil ich so viele Kontakte habe, sowohl zur Basis als auch zu den Künstlern, die mir vertrauen, könnte ich der ideale Klebstoff sein, um das hinzukriegen, glaube ich. Organisieren kann ich jedenfalls.

    Dieses Büro ist also in Ihrem Wohnzimmer?

    Im Moment ja. Eigentlich bräuchte man eine Person dafür als Vollzeitkraft. Und ein gewisses Budget für Reisekosten. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung will das Projekt nicht unterstützen. Wir kriegen das aber schon hin, auch ohne die. Die notwendigste Arbeit ist die Aktivierung unserer Kontakte.

    Haben Sie keine Angst vor dem Burnout-Syndrom?

    Ich lass’ mich nicht drängen. Alle fragen uns: Wann geht’s denn los? Und ich sage immer: Ein starker Baum wächst langsam.

    Sind Sie Sportler, oder wurden Sie zwangsweise einer, aus politischen Gründen?

    Ja, wieder. Als junger Mann habe ich sehr viel Sport getrieben. Als ich die Kunst und die Literatur entdeckt hab’, hörte ich schlagartig damit auf. Ich hab’ dann über die Politik wieder zum Sport gefunden, wusste aber noch, wie ich mit körperlichen Belastungen umgehen muss. Das war auch meiner Gesundheit förderlich.

    Viele Popmusiker neigen eher dazu, rauschhaft Party zu feiern.

    Das war bei mir nie so. Wir sind als Band sehr diszipliniert. Unser Saxophonist ist ein großer Freund des Rotweins, aber wir anderen sind ...

    fit wie die Turnschuhe?

    Ja, wir sind solide Typen. Das merken wir immer, wenn wir mit anderen Bands zusammenspielen. Was da immer abgeht, und wir, wir gehen früh ins Bett.