Auf alles gefaßt
In griechischen Häfen bereiten sich Aktivisten aus 40 Ländern darauf vor, die israelische Seeblockade zu durchbrechen
Ein wenig mulmig ist wohl allen, die am
Montag mit zehn Schiffen versuchen wollen, die israelische Blockade
des Gazastreifens zu durchbrechen, um die dort lebenden
Palästinenser mit dringend benötigten Hilfsgütern wie
Medikamenten, Krankenhausausstattung und Baumaterial zu versorgen. In
diversen griechischen Mittelmeerhäfen bereiten sich zur Zeit
Aktivisten aus schätzungsweise 40 Ländern auf die Reise
vor, die mit Sicherheit zu einer Konfrontation mit der Marine Israels
führen wird. Es ist erst gut ein Jahr her, daß die erste
Gaza-Flottille mit einem Massaker endete: Israelische Soldaten
erschossen auf der »Mavi Marmara« neun Männer und
verwundeten etwa 50 weitere. Mindestens sechs der Toten waren nach
Erkenntnissen einer Untersuchungskommission der UNO kaltblütig
ermordet worden.
Kein Teilnehmer dieser neuen
Solidaritätsfahrt zweifelt daran, daß Israel auch dieses
Mal nicht davor zurückschreckt, die Schiffe in internationalen
Gewässern zu überfallen. Piraterie nennt sich das – die
Besatzungen der angegriffenen Schiffe wären völkerrechtlich
durchaus legitimiert, sich mit allen Mitteln zu wehren. »Alle
Mittel« scheiden aber aus, wenn man eine Eskalation wie 2010
verhindern will.
Friedlich soll die Aktion verlaufen –
Widerstand ja, aber gewaltlos. Und das wird erst einmal zwei Tage
lang geübt. Die 45 Aktivisten, die auf der »Tahrir«
fahren, bereiten sich im Konferenzraum eines Hotels vor – benannt
ist das nur 25 Meter lange Schiff nach dem zentralen Platz in Kairo,
auf dem die Demonstrationen stattfanden, die schließlich im
Februar den Staatspräsidenten Hosni Mubarak zu Fall brachten.
Die Teilnehmer kommen aus Australien, Belgien, Kanada und Dänemark
– nur einer, der Autor dieses Beitrags, ist aus der BRD. Zwei der
Aktivisten waren schon auf der »Mavi Marmara« dabei,
einer trug eine Schußwunde davon. Die Berufe sind sehr
unterschiedlich: Unter den Mitreisenden sind etwa Ärzte,
Ingenieure, Rentner, Sekretärinnen, Lehrer und Hausfrauen.
Von Antisemitismus, wie es die israelische Propaganda und ihre »antideutschen« Papageien darstellen, ist keine Spur zu finden, niemand stellt das Existenzrecht Israels in Frage. Auch Sympathien für die im Gazastreifen herrschende Hamas sind nicht zu entdecken. Es ist die humanitäre Zivilgesellschaft, die sich in wenigen Tagen auf den Weg nach Palästina macht. »Wir sind nicht solidarisch mit der Hamas, sondern vor allem mit den Frauen und Kindern im Gazastreifen. Zivilisten helfen Zivilisten«, umschrieb es eine Kanadierin.
Auch die Finanzierung der Aktion ist durchsichtig – anders als es Linken-Fraktionschef Gregor Gysi zur Begründung seines Maulkorb-Erlasses vom 7. Juni anführte. Die »Tahrir« z. B. wurde vorwiegend mit Spenden kanadischer Privatleute erworben. Die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft, die ebenfalls eher Distanz zur Hamas hält, gab 10000 Euro hinzu – das damit erworbene Anrecht auf einen Platz trat sie an die junge Welt ab.
Wie am Freitag bekannt wurde, wird sich auf einem anderen Schiff Elfi Padovan, Gründungsmitglied des Bundesarbeitskreises Gerechter Frieden in Nahost der Partei Die Linke, an der Freedom-Flottilla II beteiligen. »Als deutsche Antifaschistin habe ich aus dem Holocoust gelernt, daß sich jeder mitschuldig macht, der Unrecht tatenlos zusieht«, erklärte die frühere Kunsterzieherin, die auch dem Vorstand der bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Frieden und internationale Politik angehört
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