Aus: Weihnachten, Beilage der jW vom 19.12.2018

Weihnacht ist, wenn der Regen fällt

Ohne Lametta und Lamento: Der Glaube ist, wie der Krieg, eine Bankrotterklärung des Homo sapiens

Von Wiglaf Droste
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Alle Fotos in dieser Beilage: Axel Martens. Fotograf in Hamburg und in der Welt, Porträtist und scharfsinniger Beobachter des Alltäglichen, veröffentlicht u. a. im Magazin der Süddeutschen Zeitung für die Serie »Sagen Sie jetzt nichts«. Vincent Kink schrieb: »Axel Martens zeigt uns mit seinen Bildern, was wir gerne übersehen.« Erstveröffentlichungen.

Aus allem, das gemeinhin viel zu wichtig genommen wird, lässt sich Humorvolles generieren: Die Sexualität, der Tod und die Religion sind weit komischere Topoi, als die mit bitterem Ernst sich um sie Zankenden zu erkennen vermögen. Selbst Weihnachten, Inbegriff der abgeschabten, ausgeleierten, routiniert und notdürftig von vorgetäuschter Feierlichkeit und ehrlicher Heuchelei zusammengehaltenen Einfallslosigkeit, ist Humus für Humor und Rohstoff für Komik. Man lässt die dicke Luft ab und stellt fest, dass es sich um Lachgas handelt. Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, wir waren etwa elf, zwölf Jahre alt, erzählten wir uns und anderen gern Witze wie den folgenden: Zwei Pferde stehen auf der Weide und schneiden Öl. Sagt das eine Pferd zum anderen: »Morgen ist Weihnachten.« Das zweite Pferd antwortet: »Mir egal. Da geh’ ich sowieso nicht hin.«

Wir fanden das ungeheuer komisch. Lange schon hatten wir aufgehört, an den Weihnachtsmann und an das Christkind zu glauben, waren aber noch nicht pubertär-selbstüberschätzend genug, Weihnachten im auftrumpfenden »Wir Schlauen durchschauen«-Ton mit zum Gähnen öden Analysen wie »Das ist doch alles nur Konsum!« zu entlarven und auf diese Erkenntnis des noch für die dümmste Nuss Ersichtlichen ganz furchtbar stolz zu sein, Betonung auf furchtbar. Wer ein paar Jahre später, nach dem plötzlichen Auf- und wieder Abtauchen der Punkband Sex Pistols analog zum »Great Rock ’n’ Roll ­Swindle« Weihnachten als »The Great Jesus Christ Swindle« zu demaskieren meinte, hielt sich schon, Beifall erheischend, für ein Genie der Deduktion. Es gibt wahrlich wenig Lächerlicheres als Jugendliche, die jede Kalter-Kaffee-Platitüde für eine Originalsensation halten und als solche ausgeben.

Michail Bulgakows Großroman »Der Meister und Margarita«, der die Rolling Stones zu »Sympathy for the Devil« inspirierte, hatten wir noch nicht gelesen – dieses großartige Buch beginnt damit, dass ein Moskauer Sowjet- und Literaturfunktionär ausgerechnet den Teufel persönlich zu der Ansicht zu überreden versucht, Jesus habe niemals existiert. Das Lachen über dieses Hauptwerk der Satire kam erst später, wir steckten noch in den »Wir machen uns jedenfalls lustig, das ist cool«-Kinderschuhen und erzählten pointenfreie Witze wie den mit den Öl schneidenden Pferden, kalauerten, dass Priester sich doch einen Zöli-Bart wachsen lassen sollten oder verballhornten Drafi Deutschers Hit über die Brechwaren Marmor, Stein und Eisen: »Weihnacht ist, wenn der Regen fällt, dam dam, dam dam …«

Religion schien als Tante-Emma-Ladenhüter ausgedient zu haben; mancher wurde dennoch glühender Atheist, was ein bisschen verspätet wirkte und an einen anderen Witz erinnerte: »Wie nennt man amerikanische Challenger-As­tronauten?« – »Glühende Patrioten.« Denn auch Patriotismus ist Religion, mit Erklärungen des guten Willens schlecht kaschierte Aggression, aber eben von vorgestern, nicht mehr virulent und wirkmächtig, zivilisatorisch überwunden und nur noch ornamental präsent. So kam es uns jedenfalls vor. Selbstverständlich hatten die kirchlich wie staatlich organisierten Religiösen die Macht – denn einzig um Macht ging und geht es – nicht freiwillig aus den Händen gegeben; die Vertreter der Aufklärung hatten sie ihnen in langen, opferreichen Kämpfen entwinden müssen. Mit der Trennung von Kirche und Staat aber schien die Klapperschlange der Religion gebändigt; aus Humanismus oder aus Sorglosigkeit aber vergaßen die Aufklärer, dass man Klapperschlangen nicht zähmen kann und versäumten es, ihnen die Köpfe abzuschlagen – eine Gutmütigkeit, wie sie vielen Revolutionären eigen ist, auch weil sie ihren Feinden nicht ähnlich werden wollen. Es bleibt ein Dilemma: Wie mit Todeschwadroneuren verfahren, ohne wie sie den Tod statt das Leben zu bringen?

Am 11. September 2001 klatschten die Vertreter der organisierten christlichen Religion und des aggressiven Patriotismus, verborgen hinter einem Wasserfall von Krokodilstränen, vor Freude in die Hände. Nichts spielte ihnen so ins Kalkül wie der bewaffnete Islamismus, jeder Dschihadist arbeitete ihnen zu, jeder Selbstmordattentäter hatte sich nicht den Himmel voller Huris, sondern die Seligsprechung durch den Papst verdient. Nichts hat die Rückkehr zur Macht der aggressiven christlichen Religion und des patriotischen Militarismus so befördert und beflügelt wie der mörderische Islamismus; selbst langjährige freundliche und friedfertige Agnostiker meinten plötzlich, »christliche Werte« verteidigen zu müssen, und fielen weit hinter das Bewusstsein zurück, dass es sich bei diesen »Werten« um Macht, Geld und Profit handelte, durchgesetzt mit den Mitteln der Gewalt wie Ausbeutung, Unterdrückung und staatlich legitimiertem Mord, auch verschwiemelt »militärische Auseinandersetzung« oder gleich offen Krieg genannt.

Per zivilisatorischem Rollback hinter die vorsichtigen (und nach Gegendruck auch wieder gestoppten) Demokratisierungsversuche der Ära Willy Brandt zurückgeschubst und durch die Zerschlagung der DDR großdeutsch aufgepumpt, präsentiert sich ein DEUTSCHLAND!, das sich 1989/1990 selbst erbrach. So sitzen vollkommen vereinzelte Einzeller und andere Insassen des Landes am Weihnachtsabend vorm Breitwand-TV, kucken Nachrichten genannte Propaganda und greinen hilf-, wehr- und mittellos, dass es um die Welt »gerade jetzt zu Weihnachten« so schlecht bestellt sei, denn ein vor der Außenwelt abgeschirmtes Weihnachten steht ihnen zu – und zwar als Geschenk! –, sie haben es ja sowieso schon so schwer, schluchzbuhu. Dann reichen sie einander Pakete und Gut- oder Geldscheine und hoffen, dass irgend jemand so gnädig ist, ihnen einen Aufenthalt in einem Wellness- & Spa-Ressort zu schenken – mitsammen einer Knarre und Munition in Biathlon-Amokläufer-Portionierung; für stilbewusstere, solitäre Bewohner der Depressionsbettenburg Deutschland ist eine einzelne Kugel ausreichend.

Ohne Lametta und Lamento: Die Öl schneidenden Pferde haben recht behalten. Weihnachten ist wie Krieg: Ich geh’ sowieso nicht hin. In diesem Sinne: Frohe Ostern!


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