Unschärferelationen
Sie ist tot, sie lebt, er bewegt sich, er steckt fest, sie ist offen, sie ist gesperrt. Die Antwort auf die Frage zum Zustand der Straße von Hormus ist wie die nach dem Zustand des Wals vor der deutschen Ostseeküste oder die nach dem von Schrödingers Katze: Nichts Genaues weiß man nicht. Die Unschärfe nervt und lässt hiesige Unken weiter schwarzsehen. So wird das nichts mit dem Aufschwung. Der US-Präsident kündigt derweil weitere Verhandlungen mit dem Iran an, dort will man davon nichts wissen. Und so quält sich der Konflikt in die nächste Woche wie der Kommentator mit seinem Gegenstand.
»Am Persischen Golf herrscht eine Drôle de guerre«, hat die NZZ herausgefunden; »ein seltsamer Ruhezustand trotz fehlendem Frieden: Die Waffen schweigen, aber die Ursachen des Krieges sind keineswegs beseitigt.« Und die liegen ausschließlich beim Iran, weshalb die USA in ihrem Agieren im Recht sind: »Washington verlangt letztlich nur, dass sich Iran wie ein normales Mitglied der Staatengemeinschaft benimmt. Sein islamistisches Regime kann an der Macht bleiben. Sofern es nur aufhört, mit seinen Raketen und Drohnen, seinem Atomprogramm und den Tentakeln seiner schiitischen Hilfstruppen sämtliche Nachbarn in der Region einzuschüchtern.«
Schlechte Manieren sieht aber die Süddeutsche Zeitung durchaus auch auf seiten der Regierungsmannschaft in den Vereinigten Staaten. Das entstandene »Großdesaster« hat niemand mehr im Griff. »Von europäischer Sicherheitspolitik zu sprechen ist ein genauso großer Euphemismus wie von amerikanischer Sicherheitspolitik zu reden. Alle improvisieren nur.« Immerhin – diese Weltlage hat, auch wenn es der Redaktion in München nicht schmeckt, ein paar Nutznießer: In Moskau freut sich »ein kriegstreiberischer Diktator« über gestiegene Ölpreise und darüber, dass »die NATO einen Nagel nach dem anderen in ihren eigenen Sarg schlägt«; in Beijing wiederum ein »Regime«, das »gelassen zuschaut, wie der größte strategische Rivale sich selbst demontiert«.
Das alles kann Deutsch-Europa nicht gleichgültig sein. Lamento beim Tagesspiegel: »Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt (…) leidet überproportional unter dem globalen ökonomischen Schock, den die Blockade des Persischen Golfs ausgelöst hat«, und außerdem lehrt die Erfahrung, »dass neue Fluchtbewegungen Richtung Europa Deutschland überdurchschnittlich treffen würden«. Schlussfolgerung: »Es ist unser Kriegsproblem.« Auflösung: »Es ist Zeit für einen besseren deutsch-europäischen Anlauf für eine Friedenslösung.« So einfach geht folgenlose Politikberatung. (brat)
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (21. April 2026 um 11:04 Uhr)Der Iran setzt im aktuellen Konflikt ballistische Raketen mit Streumunitions-Gefechtsköpfen ein. Diese öffnen sich während des Flugs und verteilen zahlreiche kleinere Sprengkörper über eine große Fläche. Teilweise enthalten solche Systeme Dutzende Submunitionen, was ihre Wirkung erheblich verstärkt – sowohl gegen militärische Ziele wie US-Basen als auch gegen Gebiete in Israel. Sobald sich die Submunition verteilt hat, ist ein gezieltes Abfangen praktisch nicht mehr möglich. Eine effektive Verteidigung muss daher bereits vor der Trennung ansetzen, also die Trägerrakete frühzeitig zerstören – was ist nicht immer gelingt. Auf diese Weise konnte der Iran erheblichen Schaden anrichten. Gleichzeitig wird die Wahrnehmung dieser Entwicklungen zunehmend erschwert, da die Informationslage eingeschränkt wird. US-Unternehmen wie Planet Labs, ein bedeutender Anbieter kommerzieller Satellitenbilder, haben den Zugang zu aktuellen Aufnahmen aus dem Kriegsgebiet stark reduziert. Berichten zufolge geschah dies auf Druck der US-Regierung. Seit Anfang März 2026 wurden Bildveröffentlichungen zunächst verzögert (von etwa 96 Stunden auf bis zu 14 Tage). Anfang April folgte eine weitgehende Einschränkung bis hin zu einem faktischen Stopp. Auch andere Anbieter wie Maxar haben ihre Veröffentlichungen eingeschränkt, offenbar aus eigenem Antrieb, wenn auch im gleichen politischen Kontext. Normalerweise sind solche Satellitenbilder frei verkäuflich und ein wichtiges Instrument unabhängiger Analyse. Im aktuellen Konflikt jedoch wurden sie zunächst verzögert und anschließend weitgehend zurückgehalten. Das Ergebnis: Die ohnehin komplexe militärische Lage im Persischen Golf bleibt für die Öffentlichkeit schwer durchschaubar. Ein großer Teil der verfügbaren Informationen ist gefiltert, verzögert oder gar nicht zugänglich – was die Unsicherheit über den tatsächlichen Verlauf des Konflikts weiter verstärkt.
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