Politik
Von Jürgen Roth
Meine Großmutter mütterlicherseits fürchtete sich vor Gewittern. Sie ließ die Rollos runter und war noch stiller als sonst. Erst mit Mitte dreißig, wenn man langsam lernt, tatsächlich ernstlich zu denken und zu fühlen, dämmerte mir, dass das Grollen, Donnern und Blitzen sie daran erinnert haben könnte, dass ihre beiden Brüder im Ersten Weltkrieg gefallen waren. »Gefallen« – was für ein grausam verharmlosendes Wort, das den nicht einzuhegenden Schmerz übertünchen soll.
Als mein Hirn zum ersten Mal diese Empfindung freigab, war meine Großmutter bereits seit zwanzig Jahren tot. Der Schrecken hatte sich in gewisser Weise auf meine Mutter, die ich sehr geliebt habe, übertragen. Meine Mutter war ängstlich, fast stets besorgt. Ihr Bruder, der Hans, war als Lehrling mit der Isetta tödlich verunglückt.
Bei Gewittern wurde meine Mutter unruhig.
Meine Lieblingsbedienung im »Seven Bistro«, Maria, eine melancholische, gottesfürchtige Frau, war im vergangenen Sommer hinterm Tresen zusammengebrochen, als der Himmel krachte und sich ergoß. Sie hatte eine Panikattacke erlitten.
Kürzlich kehrte sie vom Rauchen vor der Tür zurück und sagte: »Jürgen, draußen ist es dunkel.« Ich Idiot: »Zieht ein Gewitter auf.« Maria erstarrte, ihre Augen weiteten sich.
Ich versuchte meinen Fehler auszuwetzen. Ich erklärte ihr in meiner selbstverschuldeten Hilflosigkeit, wie Gewitter entstehen und dass praktisch nie etwas passiere. Und sobald es zu schneien anfange, sei es das mit dem Gewitter gewesen, und wie auf einen Wink begannen die Flocken zu fallen, und Maria lugte aus dem Fenster, und sie lächelte, und sie sagte: »Ganz viel Schnee!«
Maria fragte mich: »Gibt es ein Land, in dem es keine Gewitter gibt?«– »Möglich«, sagte ich. Sie googelte und fand Dubai und Ägypten. Ich bezweifelte das, sprach es aber nicht aus.
Der Popp rumpelte herein und krähte: »Noch bin ich nüchtern! Bin ich voll, bin ich toll!« Fand ich gut. Die oberste Funktion der Kneipe ist Ablenkung, Entlastung. »Entlastung« – da spürt man, welch gutmütige, präzise Sprache das Deutsche zu sein vermag. »Gemüt«. Und, in plastischer Abstraktionsweiterung, »Gemütlichkeit«.
Hinterher gab’s den Club. Adrian hatte Maria abgelöst. Er salzt sein Bier. »Warum tust du das?« fragte ich den Rumänen endlich mal. »Mit Salz is’ nich’ so bitter.« Von Rumänen lernen heißt trinken lernen. Professor Mario Voigt (»Salz schmeckt doch gar nicht«) soll es sich hinter seine verlogenen Ohren schmieren.
Martin Groß von Sky kommentierte: »Das Spiel ist von einer enormen Schlichtheit geprägt.« – »Das hätte von dir sein können«, nuschelte der örtliche Advokat. Ich fühlte mich geschmeichelt und bestellte ein weiteres Weizen. Möchte man sich einen Grund fürs Saufen zurechtzimmern, verweise man auf die künstlerischen Darbietungen des FCN.
Während der Olympischen Winterspiele, die ich meist im »Seven Bistro« begutachtet hatte, hatte ich unserem Pizzabäcker Ali, der sich einem Spielautomaten zu widmen gedachte, zugerufen, er solle herbeieilen, in der Damenskilanglaufstaffel liege die Türkei in Front.
»Türkei vorne? Klar!« hatte er daraufhin strahlend gesagt. Jetzt schlich er um mich herum. »Das is’ Gehöfteliga«, murrte ich mit Blick auf den Fernseher. »Köfteliga«, entgegnete Ali. Dann wollte er meine Einschätzung der politischen Weltlage in Erfahrung bringen, da ich bei der zechenden und blechenden Belegschaft als »belesen« gelte.
Diese Ukrainer, hämmerte er gleichwohl sogleich los, knatterten mit ihren Porsches durchs Land, ließen sich von ihm, der treu Steuern zahle, durchfüttern, und der Orbán mache alles richtig, er, Ali, sei Ungarn-Fan.
»Die Ukraine ist ein Korruptionsloch«, warf der Grieche ein. »Und wieso sind wir im Krieg? Wenn der Krieg kommt, hört man als erstes auf, Häuser zu bauen.«
Der Grieche, ein sanftmütiger Mann, ist Maurer. Deutschland sei erledigt, ergänzte er, in Berlin säßen nur Ärsche und Gangster, gerade breche die Sache auseinander und zusammen. Ali: »Erdoğan spitze! Türkei funktioniert!«
»Und die Journalisten und die Oppositionellen, die er im Knast vermodern lässt?« fragte ich.
»Richtig so! Weil die nichts für unser Land tun! Richtig so!« bellte Ali. Und die Israelis seien die allerschlimmsten Schweine. Die müssten sofort weg.
Ich hielt den Mund. Ich stand auf verlorenem Posten. Ich erinnerte mich an zwei Sätze von Maria, die sie vor einiger Zeit unter Tränen gesagt hatte, als sie von dem einsamen siebenundachtzigjährigen Rumäniendeutschen Andreas, dem sie Essen vorbeibringt und dessen Vater in Russland gefallen war, erzählt hatte: »Das Leben ist so komisch. Die Menschen sind dumm.«
»Jede Gesellschaft ist eine Katastrophe.« Diese Sentenz meines Freundes Jörg Schröder, geäußert im Absinthrausch in der Berliner Wexstraße, werde ich nie vergessen.
Der Club hat verloren.
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