Die großen Fragen
Von Marc Hieronimus
Ach, die Naturwissenschaften. Mesonen, Hadronen, Bosonen und wie die ganzen kleinen Dinger heißen, am anderen Ende Pulsare, Quasare, Galaxienhaufen, dazwischen Chemie und Biologie. Was die Welt im Inneren zusammenhält, haben wir bestenfalls vor vielen Jahren in der Schule gehört, vielleicht sogar ansatzweise verstanden, dann aber vergessen, und sowieso hat sich die Erzählung in den letzten Jahrzehnten gründlich geändert. Deswegen gehören wir zu den treuen Käufern und Leserinnen populärwissenschaftlicher Taschenbücher von ausgewiesenen Kennern, nicht selten Nobelpreisträgern, in verständlichem Deutsch, ganz ohne Formeln. Wir arbeiten sie durch, geben uns Mühe, und doch bleibt am Ende nicht viel mehr hängen als ein konzeptueller Nebel, weil sich das unvorstellbar Große und Kleine nicht mit einem geistigen Bild verbinden will. Mit welchem auch, es ist ja unvorstellbar! Dokus im Fernsehen schaffen Geistesblitze, aber rauschen vorbei: Wie haben die das noch mal erklärt? Das ideale Medium der Wissensvermittlung ist natürlich der Sachcomic, weil er graue Theorie unterhaltsam begreiflich macht und das lehrreiche Bild nachschlagbar bleibt.
Der Kosmos-Verlag ist Wissenschaftsmuffeln von den drei ???, den drei !!! und dem Millionensellerbrettspiel »Catan« bekannt. Junge Forscher kennen auch die Experimentierkästen und Sachbücher. Jetzt hat er zwei Comicbände herausgebracht, die es wirklich schaffen, die großen Fragen und tastenden Antworten der Naturwissenschaften zu veranschaulichen. In »Quantix« gelingt es Laurent Schafer, gekrümmte Raumzeit und die Verschränkung subatomarer Teilchen zu illustrieren und verständlich zu machen, warum sich Licht trotz Relativität immer exakt mit Lichtgeschwindigkeit von uns entfernt, auch wenn wir ihm noch so schnell hinterherfliegen. Sid Vicious sagt: No future. Stephen Hawking sagt: No past. Schrödingers Katze stirbt viele Tode, weil Teilchen wissen, ob wir sie beobachten (werden). Descartes sagt: Ich denke, also bin ich. Niels Bohr sagt: Ich nehme wahr, also bist du. In »Cosmix« geht es um uns als unwahrscheinliche Anhäufung von Sternenstaub, ums Leben als antientropische Selbstorganisation, DNA, Information, die Erdgeschichte, tippende Affen, Chaos, Wahrscheinlichkeit und auch wieder um die kleinsten Weltbausteine, weil ja alles zusammenhängt.
Im französischsprachigen Raum werden Sachcomics in aller Regel von einschlägig ausgebildeten Profis geschrieben und gezeichnet. An den Kunsthochschulen wird seit Jahrzehnten Illustration und Comicgestaltung gelehrt, und die Qualität ist entsprechend hoch. Laurent Schafer aber ist Journalist und hat aus Leidenschaft für die Naturwissenschaften mit dem Zeichnen begonnen. Auch wenn der immens erfolg- und facettenreiche Zeichner Zep ihm einige Tipps gegeben hat, ist seine Zeichen- und Erzählkunst erstaunlich ausgereift. Eine kleine Gruppe sehr »menschlicher« Personen und wiedererkennbarer Tiere, Mikroorganismen und Aliens führt durch die Bände. Schafer bringt sie in zweckdienliche Situationen wie einen Kostümball, eine Kochsendung oder einen Ausflug auf den Rummelplatz. So kann er neben der Wissenschaft und ihrer und der kosmischen Geschichte auch die Geschichten seiner Figuren erzählen und detailreich ausgestalten. Manchmal trägt eine Illustrationsidee über viele Seiten. »In unserer Makrowelt hat dieselbe Ursache immer dieselbe Wirkung, aber in der Quantenwelt ist das nicht so. Nehmen wir diesen Autoscooter.« Darin sitzen Vater und Tochter. Um die scheinbare Absurdität der subatomaren Teilchen- bzw. Welleneigenschaften zu veranschaulichen, landen die beiden mit ihrem Gefährt an anderen, immer weniger wahrscheinlichen, aber eben möglichen Orten, also auf der Achterbahn, im Dschungel, im Bett eines Liebespaars und auf einer Grillparty der bis dahin auch längst eingeführten Bewohner des Planeten ZGmòx am anderen Ende der Galaxis, wo alles ist wie bei uns, nur ganz anders. Bleibt zu hoffen, dass der Verlag bald auch Schafers dritten Sachcomic »Infinix« nachliefert.
Laurent Schafer: Cosmix. Kosmos-Verlag, Stuttgart 2025, 224 Seiten, 25 Euro
Laurent Schafer: Quantix. Kosmos-Verlag, Stuttgart 2026, 176 Seiten, 25 Euro
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Feuilleton
-
Nationalschätze
vom 30.03.2026 -
Darrell Crofts tot
vom 30.03.2026 -
Die alte Aura
vom 30.03.2026 -
Nachschlag: Kapital und Arbeit
vom 30.03.2026 -
Vorschlag
vom 30.03.2026 -
Veranstaltungen
vom 30.03.2026 -
Kein Mozart des Kalenders
vom 30.03.2026
