Zu Tisch mit Habermas
Von Matthias Hering
Die eiskalte Herrin hieß Claudia S., kam aus Bernau und klang auch so. Sie war 26 und sah aus wie 40. Auf ihre riesigen Brüste hatte sie zwei Augen tätowieren lassen. Über beide Schamlippen hinweg stand in verschnörkelter Poesiealbumschrift: »I’m watching you!« Das Apostroph von »I’m« markierte ihren Kitzler, das »o« des »you« den Durchgang zu ihren Eierstöcken. Wie viele Frauen mit viel Fleisch und viel Kraft beschäftigte sie sich hauptsächlich mit zarten Mädchen, richtete aber auch Männer ab. Wir führten fruchtbare Fachgespräche über den Unterschied zwischen Hunden und Deutschen in der Ausbildung. Als Geschäftsherrin der Dominanz nahm sie leider kein Geld, »ist so mein Kopfding«, und musste mich immer anpumpen. Sie wollte Abendschulabitur machen, um irgendwann Psychologie zu studieren.
Eines Tages rief sie schon mittags an: »Fischi!« sagte die eiskalte Herrin, »Fischi, ick brauch det dümmste Buch der Welt!« Sie las keine Bücher und hatte nur Fachmagazine zu Peitschen und Fesseln im Haus. »Nimm ›Empor ins Reich der Edelmenschen‹ von Karl May«, parierte ich sofort. – »Nee, nich’ so’n Quatsch, wat richtich dämlichet!« Kein Mensch schätzt das philosophische Hauptwerk Karl Mays, es ist zu pazifistisch. »Mhhm«, musste selbst ich grübeln, »richtich dämlich«, schwierig, »dann nimm ›Theorie des kommunikativen Handelns‹ von Habermas, dümmer geht’s nicht.« Sie bedankte sich.
Später fragte ich nach, wozu sie das Buch gebraucht hat. »Ach, ick hab’ so’n neuen Sklaven, der hat fünf Stunden unterm Küchentisch gehockt und hat’s vorjelesen.« – »Auf den Knieen?« – »Klar, ohne Kissen und nackt.« »Und du hast zugehört?« – »Quatsch, ick hab ab und zu kontrolliert, ob’a noch liest und das Wasser im Hundenapf nachjekippt.« – »Was’n das für’n Typ.« – »Oberst, Generalstab Bundeswehr, so’n Bayer.« – »Und hat dir das Buch gefallen?« – »Völlich bekloppt, aber er fand’s jut.«
Ich riet von jedem Psychologiestudium ab. Sie hatte an einem Nachmittag die ganze Bundesrepublik Deutschland in ihrer Küche entborgen und für Habermas und Heidegger einen ewigen Gebrauchswert festgelegt. Nie traf ich eine souveränere Künstlerin.
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