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Aus: Ausgabe vom 10.03.2026, Seite 3 / Ausland
Studentenproteste in Serbien

Wofür sind Sie den Liberalen dankbar?

In der serbischen Protestbewegung nähern sich linke und bürgerliche Kräfte an, beobachtet Vukašin Stanojević
Interview: Slavko Stilinović
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Seit dem Einsturz des Bahnhofsvordachs im serbischen Novi Sad am 1. November 2024 – 16 Menschen starben – sammeln sich Menschen zu Protestmärschen gegen die Regierung (Novi Sad, 31.10.2025)

In der südserbischen Stadt Niš haben zahlreiche Studenten am 1. März an einer Protestkundgebung mit dem Motto »Der Staat sind wir« teilgenommen. Welchen Eindruck hatten Sie von dem Protest?

Die Energie war phänomenal. Es ist bemerkenswert, dass nach 16 Monaten immer noch Zehntausende Menschen zu einem Protest in Niš kommen können, einer Stadt mit 150.000 Einwohnern. Obwohl es auf der einen Seite eine gewisse Müdigkeit gibt, sehen wir auf der anderen Seite, dass die Menschen immer noch bereit sind, auf die Straße zu gehen, wenn es wichtig ist.

Konnten Sie kollektiv eine Antwort auf die Fragen »Was ist der Staat?« oder »Wem gehört er?« formulieren?

Was diesen Kampf von Anfang an durchzieht, ist eine Art »Wiederherstellung der Souveränität«: Es ist nicht dasselbe, wenn ein Politiker kommt und sagt: »Die Bürger sind die Träger der Souveränität.« Wenn Studenten dasselbe sagen, rufen wir zusätzlich dazu auf, sich in Räten oder am Arbeitsplatz zu organisieren. Wir sollten die Träger der Souveränität sein, und wofür wir kämpfen, ist, dass dies auch der tatsächliche Zustand wird. Meiner Meinung nach ist das ein Kampf mit einem linken Vorzeichen, aber gemeinsam mit uns kämpfen dafür auch Liberale und Rechte.

Wie sieht es mit diesen liberalen und rechten Kräften in der Bewegung aus?

Es stört mich nicht, wenn ideologisch unterschiedlich orientierte Menschen an dieser Bewegung teilnehmen. Die Menschen sind mehrheitlich Linke, nur dass sie es »nicht wissen« oder es nicht sagen, weil es nicht populär ist. Wenn die Wahrheit auf unserer Seite ist, und ich glaube, das ist sie, dann wird durch Dialog und wirklich demokratische Entscheidungsfindung die Wahrheit, das heißt die guten Ideen, immer siegen, und es wird einen breiten Konsens darüber geben, unabhängig von den sonstigen politischen Überzeugungen oder der politischen Ausrichtung, die jemand hat. Dies gilt besonders für konkrete politische Maßnahmen.

Wie drückte sich das in den Redebeiträgen aus?

Bei der Versammlung in Niš sprach ein Redner über das Gesundheitswesen, wie es gewinnfrei und für alle zugänglich sein sollte – etwas, dem sowohl die Rechten als auch die selbsternannten Liberalen zustimmen würden. Viele dieser Liberalen verstehen unter Liberalismus eher jene bürgerlichen Freiheiten, für die wir derzeit auch auf die Straße gehen, als Privatisierungen oder ähnliches. Deshalb wird auch niemand die Forderungen der Landwirte nach stärkeren staatlichen Eingriffen in den Markt als Angriff auf das gesamte System verstehen. Wir können den Liberalen sogar für die Popularisierung und Wertschätzung von Demokratie und Freiheit danken. Diese Werte beanspruchen alle für sich, und die Studenten sagen nur: Lasst uns wirklich Demokratie und Freiheit haben, und lasst den Staat im Dienste der Bürger stehen.

Heißt das, Sie beobachten eine Annäherung linker und rechter Kräfte?

So wie Menschen mit rechten oder liberalen politischen Orientierungen problemlos linke Ideen annehmen und in ihre Überlegungen integrieren können, so können wir im Zuge einer aufgeschlossenen und vorurteilsfreien Diskussion ebenso zu der Erkenntnis gelangen, dass die Betonung oder das Vorhandensein nationaler Merkmale und Symbole nicht zwangsläufig mit Nationalismus oder einer nationalistischen Gesinnung gleichzusetzen sind. Vielmehr tragen basisdemokratische Vollversammlungen, wie etwa Plenen, durch ihre Struktur und Dynamik dazu bei, Stereotype aufzubrechen. Sie fördern den direkten Austausch zwischen Menschen unterschiedlichster Hintergründe und lehren uns auf diese Weise gelebte Toleranz und gegenseitigen Respekt.

Wie geht es nun mit der Bewegung und mit der linken Organisierung in Serbien weiter? Wird es eine neue Partei geben?

Von der Gründung einer linken Partei habe ich nichts gehört, aber die gesamte Bewegung geht in eine gute Richtung: Durch horizontale Selbstorganisation und demokratische Debatte bekommen linke Ideen viel Raum, und ich glaube, dass wir mit unserem undogmatischen Ansatz in vielen Dingen übereinkommen und in diese Richtung weiterwirken können.

Vukašin Stanojević ist Student in Serbien und nahm auch am Protest in Niš teil

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