Wieso gewinnen konservative Frauenbilder Zugkraft?
Interview: Hendrik Pachinger
Ihre und andere linke Gruppen rufen für den Internationalen Frauentag am Sonntag zu klassenkämpferischen Aktionen auf der Straße auf. Was ist geplant?
In Nürnberg, Schwäbisch Gmünd und Stuttgart rufen wir unter dem Motto »Ungehorsam, laut und widerständig. Heraus zum 8. März gegen Krieg, Krisen und Rechtsentwicklung!« zu Aktionen auf. So steht in Nürnberg am Sonntag eine große Demonstration an, in Stuttgart werden wir gemeinsam mit dem Frauenkollektiv Aktionen durchführen. Wir planen für Samstag eine Stadtteilkundgebung in Stuttgart-Ost und am Sonntag eine Beteiligung an der Demonstration in der Innenstadt. Seinen Abschluss wird das Ganze nächsten Samstag mit feministischer Kneipe und Party unter dem Motto »Frauenkampf ist jeden Tag, Solidarität statt Patriarchat« im Stadtteilzentrum Gasparitsch finden. All das findet im Rahmen unserer seit einem halben Jahr existierenden Kampagne »Ungehorsam jetzt!« statt, die die Themen Krieg, Sozialabbau und Rechtsentwicklung verbindet.
Sozialabbau und zunehmende patriarchale Gewalt auf der einen Seite, verbale Aufgeschlossenheit auf der anderen Seite. Wie steht es derzeit in Baden-Württemberg um die Befreiung der Frau?
Zwar werden Femizide selbst in konservativen Medien inzwischen seltener als »Beziehungstaten« betitelt, doch die Systematik dahinter wird weiterhin negiert. Dass von seiten der Politik eine ernsthafte Veränderung und damit reale Verbesserungen für Frauen angedacht sind, ist nicht erkennbar. In Stuttgart wird es in den nächsten zwei Jahren eine Erhöhung der Kitagebühren um bis zu 22 Prozent geben, ebenso Kürzungen bei der Betreuung alter Menschen, der Finanzierung der Frauenhäuser, bei Frauenberatungsstellen oder der sogenannten Familiencard. Wer diese Ausfälle unbezahlt übernehmen muss, ist klar. Wir Frauen. Wenn durch Streichung von Geldern gespart wird, wird an unserer Sicherheit gespart – an unserer sozialen, finanziellen und physischen.
Am Sonntag wird der Landtag neu gewählt. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie? Und können von einer neuen Landesregierung Fortschritte erwartet werden?
Wir rechnen damit, dass konservative und rechte Parteien gestärkt aus dem Wahlkampf hervorgehen werden. Es spielt keine Rolle, ob CDU, SPD, Grüne oder am Schluss sogar die FDP regieren – von der AfD ganz zu schweigen. Sie alle verwalten auf die eine oder andere Art und Weise das politische und ökonomische System, das unsere Ausbeutung und Unterdrückung in vollem Gange hält. Frauen werden weiter und noch mehr in klassische Rollenmuster gedrängt, und bereits erkämpfte Errungenschaften werden gefährdet und womöglich eingeschränkt.
Viele junge Menschen blicken sorgenvoll auf die eingeführte Wehrpflicht, die Angst vor einem Krieg ist verbreitet. Wie thematisieren Sie das Zusammenspiel von forcierter »Kriegsbereitschaft« und dem Rollback der Geschlechterrollen?
Es werden Milliarden für die Militarisierung ausgegeben, und gleichzeitig wird ein Krieg vorbereitet, bei dem es um Macht- und Wirtschaftsinteressen geht. Frauen sind in Konflikten besonders von sexualisierter Gewalt betroffen, Vergewaltigungen werden systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Weiterhin sind sie für die Reproduktion der Gesellschaft zuständig, denn es besteht ein Interesse der Herrschenden, dass Frauen mehr Kinder gebären, die zu tüchtigen Soldaten heranwachsen sollen.
In sozialen Netzwerken ist »Beauty-Content für Frauen« ein sicherer Generator für Klicks. Trends wie »Tradwifes« ziehen auch an jungen Frauen nicht vorbei. Wieso gewinnen konservative Frauen- und Familienbilder wieder an gesellschaftlicher Zugkraft?
Frauen, die sich gehorsam in ihre Rolle einfügen und damit Aufgaben übernehmen, die von staatlicher Seite durch Kürzungsmaßnahmen wegfallen, erhalten im Sinne der Herrschenden den Status quo. Dementsprechend werden derartige Trends unterstützt, um traditionelle Rollenbilder zu fördern. Wir Frauen sollen uns um Haushalt, Kinder und Angehörige kümmern, weil im Kapitalismus niemand sonst die Rechnung dafür zahlen will.
Lisa Fetzer ist Sprecherin der Organisierten Autonomie Stuttgart
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