Gegenschläge und »False Flags«
Von Lars Lange
Auch am Donnerstag waren über Doha fortwährend Explosionen zu vernehmen – sie kommen dem Stadtzentrum zu dem immer näher. Die katarische Luftverteidigung arbeitete auf Hochtouren, um die mutmaßlich iranischen Angriffe abzuwehren. In Saudi-Arabien wurden die Raffinerie Ras Tanura, die Prince Sultan Air Base und die US-Botschaft in Riad getroffen. Im omanischen Dukm, einem von der US-Marine genutzten Logistikstützpunkt, gab es zwei Einschläge, und in der aserbaidschanischen Republik Nachitschewan wurden zwei Zivilisten verletzt. Auf Zypern traf eine Drohne iranischer Bauart den britischen Luftwaffenstützpunkt Akrotiri, weitere Einschläge wurden aus der Türkei gemeldet.
Doch wer steckt wirklich hinter den Angriffen? Iran selbst weist die Verantwortung für mehrere der Militärschläge von sich. Das britische Verteidigungsministerium bestätigte laut Medienberichten, dass die Drohne, die die Basis auf Zypern traf, nicht von iranischem Territorium aus startete. Zypriotische Behörden vermuten als Abschussort den Libanon. Der iranische Geheimdienst spekuliert auf Operationen des israelischen Mossad und wirft diesem vor, von Lagerhäusern auf iranischem Territorium aus die Infrastruktur Saudi-Arabiens und Omans anzugreifen, um die Golfstaaten in den Krieg hineinzuziehen, so Middle East Eye. In Katar und Saudi-Arabien sollen Mossad-Agenten verhaftet worden sein, die Bombenanschläge geplant hätten – so zumindest saudische Quellen gegenüber Al-Arabija.
Ein Eintritt der Golfstaaten oder Großbritanniens würde den Angreifern in die Hände spielen. Denn die USA und Israel stehen unter Druck: Ihre Raketenabwehrsysteme scheinen mit moderneren iranischen Raketen Schwierigkeiten zu haben. Zudem sind sie eventuell nicht auf eine längere Auseinandersetzung vorbereitet – Abfangraketenbestände sind schon jetzt so niedrig, dass die USA anscheinend auf ältere Versionen ihres »Patriot«-Systems zurückgreifen. Die Angriffe auf zypriotisches Territorium bewegten Italien, Spanien, Frankreich und die Niederlande dazu, maritime Streitkräfte in Richtung des Inselstaates zu verlegen. Frankreich soll US-Streitkräften zudem die Nutzung seiner Stützpunkte genehmigt haben. Aserbaidschan drohte, die Einschläge auf seinem Gebiet würden »nicht unbeantwortet« bleiben. Iran bestritt jedoch die Verantwortung für den Vorfall.
Angesichts der drohenden Munitionsknappheit versuchen die USA und Israel, die mobilen Raketenabschussfahrzeuge (TEL, englisch für Transporter Erector Launcher) der iranischen Streitkräfte schneller zu vernichten, als dass diese ihre Abwehrfähigkeiten zermürben können. Oder aber doch noch die iranische Gesellschaft durch das Dauerbombardement zur Implosion zu bringen – gezielt werden etwa Polizei- und Rettungsstationen, öffentliche Einrichtungen, Wohnhäuser und Schulen angegriffen.
Auf militärischer Seite könnte man deshalb die Luftwaffen der Golfstaaten oder der NATO-Verbündeten gut gebrauchen, um die TEL-Fahrzeuge zu neutralisieren. Überraschend wenige Aufnahmen haben die Angreifer bisher von vernichtetem iranischen Militärequipment veröffentlicht, von Startgeräten für Raketen oder Flugabwehrvorrichtungen maximal 40. Darunter werden auch einige Attrappen gewesen sein. Die Angreifer jagen dabei gewissermaßen Geister: Denn ein iranisches Raketenstartgerät sieht aus wie ein ziviler Lastkraftwagen, ausgestattet mit einem hydraulischen Hebemechanismus, einer Startplattform und einfacher Elektronik – kein Hightechwunder, sondern im wesentlichen Maschinenbau. Zerstörte TEL lassen sich schnell und günstig ersetzen. Und der Iran hat Hunderte davon.
Seit Kriegsbeginn hat Iran schätzungsweise zwischen 600 und 700 ballistische Raketen abgefeuert – mehr als Russland in einem gesamten Jahr gegen die Ukraine. Von der anfänglichen Intensität – allein 165 Raketen auf die Vereinigten Arabischen Emirate in den ersten zwei Tagen – ist man seitdem abgerückt. Nicht unbedingt ein Zeichen der Schwäche: Es könnte schlicht ein Wechsel von der initialen Überwältigungsstrategie hin zu kalkuliertem, dauerhaftem Druck sein. Eine Kampagne, die Abwehrsysteme zermürbt, ohne die eigenen Bestände zu erschöpfen. Wie die Financial Times berichtete, befindet sich das Pentagon mittlerweile im Gespräch mit der ukrainischen Rüstungsindustrie, um dort gefertigte Abfangsysteme für den Krieg gegen den Iran zu erwerben.
Nach Aussagen der iranischen Islamischen Revolutionsgarde sollen bei ihren Angriffen auf US-Stützpunkte mittlerweile rund 560 US-Soldaten getötet oder verwundet worden sein. Washington bestätigte lediglich sechs Tote und 18 Verwundete. Wie aus Medienberichten hervorgeht, sucht die Dover Air Base im US-Bundesstaat Delaware allerdings mittlerweile nach Personal zur »Sammlung, Reinigung, Dokumentation und Überstellung persönlicher Hinterlassenschaften« getöteter Soldaten.
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Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (6. März 2026 um 12:30 Uhr)Seine Hoheit, der auf Lebenszeit selbst ernannte Vorsitzende des Friedensrates (Board of Peace), Donald Tramp, hat gemeinsam mit Israel den Iran angegriffen. Der Iran hat weltweit mit die größten Vorkommen an Erdöl und Erdgas. Das weckt Begierde. Hinzu kommt, das Regime übt erfolgreich die Kontrolle über die Straße von Hormus aus, davon zeugen zerstörte Frachter und Tanker. Mindestens 2.000 Militärschläge musste der Iran bisher verkraften. Die iranischen Atomanlagen sind gefährdet. Russland hat daher vom iranischen AKW Buschehr seine 619 Spezialisten abgezogen. Der Iran beschießt mit Raketen Israel, die VAE, Katar, Bahrein und Kuwait. Damit gelang es dem Iran, eine Vielzahl US-amerikanischer Radaranlagen auszuschalten. Offensichtlich liefern dafür Russland und China Aufklärungsdaten. Bleibt die sehr vage Hoffnung, der Vorsitzende des Friedensrates kommt zur Vernunft, der Schaden ist schon groß genug.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (6. März 2026 um 10:08 Uhr)Der Irankrieg reißt die Golfstaaten in die Krise. Der Westen spricht mit großer Entschlossenheit über das iranische Regime: über Raketenprogramme, Milizen und regionale Destabilisierung. Doch diese moralische Klarheit endet auffällig dort, wo strategische Interessen beginnen – bei den Ölmonarchien des Persischen Golfs. Seit Jahrzehnten gelten sie als unverzichtbare Partner: Energielieferanten, Investoren und Käufer westlicher Waffen. Ihre politischen Systeme werden deshalb nur selten grundsätzlich hinterfragt, obwohl ihnen demokratische Legitimation weitgehend fehlt und ihre Macht auf dynastischer Herrschaft und Ölreichtum beruht. Der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul machte diesen Widerspruch besonders deutlich: weltweite Empörung – und kurze Zeit später die Rückkehr zur gewohnten Realpolitik. Gerade deshalb stellt sich eine unbequeme Frage: Wenn der Nahe Osten tatsächlich vor einer geopolitischen Neuordnung steht, warum richtet sich der Blick fast ausschließlich auf die Gegner des Westens, während die strukturellen Probleme der gesamten Golfordnung ausgeblendet bleiben? Wer über die Zukunft der Region spricht, kann die Rolle der Ölmonarchien nicht dauerhaft ausklammern. Wann, wenn nicht jetzt? Die Region verändert sich bereits. Die entscheidende Frage ist nur, ob diese Veränderungen offen diskutiert werden – oder ob die bestehende Ordnung so lange unangetastet bleibt, wie Öl, Kapital und strategische Partnerschaften den Status quo bequem erscheinen lassen.
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