Mit dem Zug durch Afghanistan
Von Thomas Berger
Zentralasien per Eisenbahn mit dem Indischen Ozean zu verbinden, daran feilen Pakistan, Afghanistan und Usbekistan, seitdem dessen damaliger Außenminister Abdulasis Kamilov es 2018 vorgeschlagen hat. Das Rahmenabkommen hatten die Staaten bereits am 21. Juli 2025 in Kabul beschlossen. Nun gerät das Megaprojekt ins Rollen.
Afghanistan und Usbekistan sind Binnenländer. Zugang zu den Ozeanen würde ihre Handelspolitik vereinfachen. Der usbekische Außenminister Bakhtiyor Saidov betont aber immer wieder, dass ganz Eurasien profitieren werde. Die Times of Central Asia prägte dafür den Begriff »Eisenbahndiplomatie«. Mitte Februar berichtete sie, Shavkat Mirziyoyev, Präsident Usbekistans, habe der vereinbarten Machbarkeitsstudie zugestimmt. Dafür seien auch die notwendigen Formalia erledigt, hieß es jüngst.
Die politischen Verwerfungen in der Region haben dem Vorhaben nicht geschadet. Das Transitland Afghanistan, das bei der geplanten Investition im Fokus steht, wird, seitdem die letzten westlichen Besatzer abgezogen sind, wieder von den radikalislamischen Taliban beherrscht. In Pakistan sitzt Imran Khan, der das Projekt dort vorantrieb, seit 2023 im Gefängnis. Dennoch halten alle drei Seiten an ihrer Vereinbarung fest.
Usbekistan pumpt gegenwärtig ohnehin Milliarden in die eigene Schieneninfrastruktur und baut Auswärtsverbindungen aus, etwa nach Kasachstan, wohin schon bald mehr Frachtzüge rollen sollen. »Das Ziel ist, Usbekistans gesamtes Potential als Transithub freizusetzen«, hatte Vizetransportminister Jasurbek Choriyev die Strategie im Januar umrissen. Euronews recherchierte dazu, dass das usbekische Bahnnetz bereits zu 70 Prozent elektrifiziert sei. 1.200 Frachtwaggons habe die usbekische Bahn in letzter Zeit neu in Dienst gestellt, 10.000 weitere seien bestellt, 6.000 würden überholt. Taschkent denkt offenbar groß.
Die Machbarkeitsstudie wird zeigen, welche Probleme künftig bewältigt werden müssen. 700 Kilometer Schienen in geographisch schwierigem Terrain durch ein vom Bürgerkrieg gezeichnetes und politisch sowie ökonomisch isoliertes Land zu legen, ist kein Kinderspiel. Bislang hat Afghanistan nur eine einzige kurze Eisenbahnstrecke. Die neue Route würde von Termez/Hairatan an der usbekisch-afghanischen Grenze über die Nordmetropole Mazar-e-Sharif und Maidan Shahr nahe der Hauptstadt Kabul bis nach Kharlachi an der Grenze zu Pakistan führen und jenseits dieser an das dortige Eisenbahnnetz andocken.
Der Preis, den Usbekistan allein schultern müsste, ist jedenfalls schon angestiegen. War anfangs noch von 4,1 bis sieben Milliarden US-Dollar die Rede, lag die jüngste Schätzung auf 6,9 Milliarden bereits an der Obergrenze dieses Kostenhorizonts. Ein weiterer Anstieg ist nicht ausgeschlossen, erscheint gemessen an den bisherigen Bekenntnissen aber als zweitrangig.
Zumal es nicht das einzige Schienenbauvorhaben quer durch Afghanistan ist. So plant Kasachstan, das größte Land Zentralasiens, für seinen Handel eine 687 Kilometer lange Route mit den Stationen Turgundi, Herat und Kandahar durch Turkmenistan und den Westen Afghanistans, die bei Spin Boldak die Grenze zu Pakistan erreichen soll.
»Wir werden Pakistan nicht nach einem einzigen Penny fragen«, sagte der kasachische Botschafter in Islamabad, Yerzhan Kistafin, Ende Januar in einem Interview mit Geo News. Dass Kasachstan zahlt, war zwar schon gesetzt, wurde damit aber offiziell bekräftigt. Das dürfte auch Pakistan beruhigen, dessen Infrastruktur und damit Handelsströme finanziell am Tropf des Internationalen Währungsfonds (IWF) und bilateraler Gläubiger wie China hängen. Der Absichtserklärung mit der afghanischen Regierung soll bald ein Rahmenabkommen folgen.
Länderüberspannende Zusammenarbeit war auch Mitte Februar die Kernbotschaft, als sich in Astana die Mitglieder der Regionalen Kontaktgruppe trafen. Astana Times zitierte den gastgebenden kasachischen Sondergesandten Yerkin Tukumov: »Ohne Eisenbahn gibt es keine Verbindung.« Nach 50 Jahren Krieg könne die Integration in regionale Transport- und Wirtschaftsnetze friedensstiftend wirken. Auf einem anderen Blatt steht allerdings, dass Pakistans jüngste Luftangriffe auf vermeintliche Terroristenbasen der pakistanischen Taliban oder des regionalen IS-Ablegers in Afghanistan sowie der sporadische afghanische Gegenbeschuss einen zügigen Baubeginn beider Großprojekte gefährden könnten.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
REUTERS/Pavel Mikheyev08.01.2022Postsowjetische Pulverfässer
Bildschirmfoto/imago images/Russian Defence Ministry/TAS06.08.2021Alarm in Zentralasien
Ria Novosti/Sputnik/dpa/picture alliance31.08.2020Gallisches Dorf der Konterrevolution
Mehr aus: Kapital & Arbeit
-
Konjunkturprognose schon veraltet
vom 05.03.2026