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Aus: Ausgabe vom 04.03.2026, Seite 5 / Inland
»Lifestyle-Teilzeit«-Debatte

Teilzeitarbeit auf neuem Höchststand

Mehr Menschen arbeiten in Teilzeitstellen. Ein Grund ist, dass die Beschäftigung im Gesundheits- und Sozialbereich zugenommen hat, während sie in der Industrie zurückging
Von Kristian Stemmler
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Auch Unternehmen kalkulieren ganz bewusst mit Teilzeitstellen – zum Beispiel in der Gastronomie

Mit dem Schlagwort »Lifestyle-Teilzeit« sorgte der Wirtschaftsflügel der CDU Anfang Februar für Aufruhr. Auch wenn der Begriff noch zurückgezogen wurde, beschloss der CDU-Parteitag in Stuttgart vor zehn Tagen, dass der Rechtsanspruch auf Teilzeit eingeschränkt werden soll. An den Realitäten der Arbeitswelt geht das ebenso vorbei wie die immer wieder von Unionspolitikern zu vernehmenden Appelle, mehr zu arbeiten. Das hat die am Dienstag veröffentlichte Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, erneut bestätigt. Demnach erreichte der Anteil der Teilzeitbeschäftigung 2025 einen neuen Höchststand.

Wie das IAB auf seiner Homepage mitteilte, stieg die Zahl der in Teilzeit Beschäftigten im vergangenen Jahr in der BRD im Vergleich zu 2024 um ein Prozent auf 16,88 Millionen. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten ging dagegen um 0,6 Prozent auf 25,43 Millionen zurück. Die Teilzeitquote stieg 2025 im Vergleich zum Vorjahr damit um 0,4 Prozentpunkte und erreichte 39,9 Prozent – laut IAB ein Höchststand bei den Jahreswerten. Ein Grund für diese Entwicklung ist dem Institut zufolge, dass die Beschäftigung in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil, wie dem Gesundheits- und Sozialwesen, zugenommen hat. In Branchen mit einem hohen Vollzeitanteil wie der Industrie ging die Beschäftigung dagegen zurück.

Trotz der höheren Teilzeitquote blieb das Arbeitsvolumen in Deutschland nahezu gleich, sank 2025 lediglich minimal um 0,2 Prozent auf 61,26 Milliarden Stunden. Auch die Zahl der Erwerbstätigen blieb im vergangenen Jahr fast gleich, sank im Vergleich zu 2024 nur um 5.000 Personen oder 0,01 Prozent auf insgesamt 45,98 Millionen. Im Schnitt arbeiteten Erwerbstätige 2025 rund 1.332 Stunden pro Kopf, das sind 0,2 Prozent beziehungsweise 2,2 Stunden weniger als ein Jahr zuvor.

Warum Beschäftigte in Teilzeit arbeiten, dazu gibt die Studie des Instituts keine Auskunft. Aus früheren Untersuchungen ist aber bekannt, dass es nur selten darum geht, mehr Zeit für Hobbys und die »Selbstverwirklichung« zu haben, wie es der Kampfbegriff »Lifestyle-Teilzeit« suggeriert. In der Regel entscheiden Menschen sich für Teilzeitjobs, weil sie Angehörige pflegen oder Kinder betreuen müssen, gesundheitlich eingeschränkt sind oder keine Vollzeitstelle finden.

Vor diesem Hintergrund warnte IAB-Direktor Bernd Fitzenberger in einem am 20. Februar auf der Homepage des Instituts veröffentlichten Beitrag vor einer gesetzlichen Einschränkung des Rechts auf Teilzeitarbeit. Es bestehe dann die Gefahr, »dass viele Menschen gar nicht mehr oder weniger arbeiten«. Damit blieben wichtige Beschäftigungspotentiale ungenutzt. Teilzeit könne dazu beitragen, Arbeitskräfte zu gewinnen, für die eine Vollzeittätigkeit nicht in Frage komme, so Fitzenberger. Vielfach biete sie Betrieben Flexibilität.

Das gilt besonders für die Branchen Gastronomie, Hotellerie oder auch die Luftsicherheit an Flughäfen. Hogapage, ein unternehmernahes Portal für die Hotel- und Gastrobranche, begrüßte am Dienstag den vom IAB festgestellten Anstieg der Teilzeitbeschäftigung. Damit werde der »Bewerberpool gerade für Stoßzeiten, Saisonspitzen und Wochenendgeschäft« größer. Das Gastgewerbe lebe von Nachfragewellen, von »Check-in-Spitzen, Eventgeschäft, Messezeiten, Terrassenwetter«. Genau hier könne Teilzeit für Unternehmen zum Stabilitätsfaktor werden, »weil Personal punktgenau dort eingesetzt werden kann, wo Auslastung entsteht«.

Auch mit einem weiteren Klischee, das gern von konservativer Seite forciert wird, räumte das IAB bereits auf. Nach einer Mitte Februar publizierten Studie ist die Erwerbsbeteiligung in der Altersgruppe der 20- bis 24jährigen seit 2015 um über sechs Prozentpunkte auf rund 76 Prozent überdurchschnittlich gestiegen. Der Anstieg ist vor allem auf eine zunehmende Erwerbsbeteiligung unter Studierenden zurückzuführen. »Dass die Generation Z viel fordert, aber wenig arbeitet, ist ein verbreitetes Vorurteil. Doch es ist falsch – die jungen Leute sind fleißig wie lange nicht mehr«, kommentierte das IAB-Forschungsbereichsleiter Enzo Weber.

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