Gegründet 1947 Mittwoch, 4. März 2026, Nr. 53
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.03.2026, Seite 3 / Inland
Obdachlosigkeit in Hamburg

Wieso werden Stellen von Sozialarbeitern abgebaut?

Das Winternotprogramm muss besser auf die Bedürfnisse der Obdachlosen zugeschnitten werden, sagt Olga Fritzsche
Interview: Kristian Stemmler
imago845465313.jpg
Mit nur diesem Zelt gegen die Kälte überlebte ein Wohnungsloser die eisige Nacht nicht. Seine Leiche wurde darin am 3. Januar gefunden (Hamburg, 13.1.2026)

In diesem Winter sind in Hamburg bereits 18 obdachlose Menschen gestorben. Liegt das am strengen Winter oder am schlechten Gesundheitszustand der Menschen?

Sowohl als auch. Nicht alle der 18 verstorbenen Personen sind erfroren. Aber natürlich war die extreme Kälte in den vergangenen Wochen eine sehr herausfordernde Situation für Menschen, die auf der Straße leben und deren Gesundheitszustand ohnehin schon schlecht ist. Auf jeden Fall ist die Zahl der Todesfälle erschreckend hoch.

Ihre Fraktion fordert jedes Jahr, das Winternotprogramm, das Obdachlosen eine Unterkunft in der Nacht bietet, auch tagsüber zu öffnen. Hat sich da etwas getan?

Nein, die Lage ist unverändert. Die obdachlosen Menschen müssen die Einrichtung um 9.30 Uhr verlassen und werden um 17 Uhr wieder hineingelassen. Der Senat behauptet, dass in der Schließung am Tag ein aktivierendes Moment läge. Meines Erachtens führt diese aber eher zu zusätzlichen Problemen. Das Winternotprogramm müsste so ausgestaltet werden, dass die Leute zur Ruhe kommen, weil die Ruhelosigkeit eines der großen Probleme bei Obdachlosen ist. Dass sie sich nie ausruhen, nie ihre Situation systematisch angehen können, sondern immer von einem Tag zum anderen schauen müssen: Woher kriege ich was zu essen, wo kann ich mich waschen, wo kann ich mal meine Klamotten waschen? Dieser Zwang, ständig in Bewegung zu sein, und die daraus resultierende Erschöpfung sind eines der großen Probleme.

Viele Obdachlose bleiben lieber auf der Straße, als ins Winternotprogramm zu gehen.

Ja, aber das wäre vielleicht anders, wenn man die Angebote attraktiver gestalten und auf die Bedürfnisse der Leute zuschneiden würde. Im Winternotprogramm sind zum Beispiel keine Hunde erlaubt. Viele haben aber eine tiefe Bindung zu ihren Hunden. Es bräuchte eine Unterkunft, in die man sein Tier mitbringen darf und in der bis zu einem gewissen Grad Alkoholkonsum erlaubt ist. Das ginge aber wohl nur in dezentralen, kleineren Einrichtungen, nicht in diesen Riesenunterkünften.

Angesichts der vielen Todesfälle in diesem Winter bekommt die Antwort des Senats auf eine Anfrage Ihrer Fraktion zusätzliche Brisanz. Demnach gibt es seit dem 1. Januar 2026 3,79 Vollzeitstellen weniger in der Straßensozialarbeit.

Der Hintergrund ist, dass die Sozialbehörde eine Neukonzeptionierung der Straßensozialarbeit plant, und zwar vor allem in der Absicht, diese mehr auf ordnungspolitische Ziele auszurichten. In den Konzepten steht etwa, dass die Straßensozialarbeiter mehr Druck auf die obdachlosen Menschen ausüben sollen. Mit »beharrlicher Ansprache« sollen diese bewegt werden, Hilfe anzunehmen.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Straßensozialarbeit hat das scharf kritisiert, weil es dem akzeptierenden, vertrauensbasierten Ansatz der Sozialarbeit widerspricht. Ich sehe das auch so. Das ganze Konzept ist meiner Meinung nach nicht mehr bedürfnisorientiert im Sinne der Menschen, die es brauchen. Sondern man vermischt dort ordnungspolitische Ziele mit sozialpolitischen Zielen.

Wieso sind jetzt aber erst mal Stellen abgebaut worden?

Weil der Senat etwas entschieden hat, das ich nicht nachvollziehen kann. Und zwar soll die Straßensozialarbeit, wie es einer Forderung der Fachwelt entspricht, mit zwei Stellen pro Bezirk besetzt werden – das aber erst 2030. Jetzt wurden aber erst mal Stellen in vier Bezirken gestrichen. Dort gibt es nur noch ein »Straßensozialarbeitsmobil«, was kein gleichwertiger Ersatz ist.

Aufsuchende Sozialarbeit ist Beziehungsarbeit. Sie lebt von Vertrauen und Kontinuität. Diese Strukturen wurden nun gekappt, ohne dass die angekündigten neuen Stellen bereits besetzt sind. Dass sich auf die neu ausgeschriebene Straßensozialarbeit für drei Bezirke lediglich zwei Träger beworben haben, lässt im Übrigen nichts Gutes erwarten. Umso dringlicher ist es, dass der Senat jetzt umgehend sicherstellt, dass die Straßensozialarbeit ohne weitere Brüche gewährleistet wird.

Olga Fritzsche ist sozialpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke in der hamburgischen Bürgerschaft

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

                                               10 Wochen junge Welt online lesen für nur 10 € – jetzt bestellen!