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Aus: Ausgabe vom 02.03.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Mexiko

Autopsie einer Nation

Der Umgang mit dem Tod von Kartellboss »El Mencho« sagt viel über die gesellschaftlichen Zustände in Mexiko aus
Von Ignacio Rosaslanda
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Straßenblockaden und Brände: Patrouille des mexikanischen Militärs am 24. Februar in Tapalpa

Mexiko ist erneut mit einem Todesfall konfrontiert, der nichts beenden wird. Der formelle Antrag, den die Angehörigen von Nemesio Oseguera Cervantes alias »El Mencho« am 25. Februar gestellt hatten, um die Auslieferung seiner Leiche zu fordern, hat ein Problem aufgeworfen, das der Staat nicht einfach mit einem Kommuniqué abtun kann. Wenn der Anführer des Kartells Jalisco Nueva Generación (CJNG) in Militärgewahrsam starb, wie es das Verteidigungsministerium behauptet, ist die Autopsie kein bloßer Verwaltungsakt: Sie ist die letzte Möglichkeit, die Wahrheit zu erfahren. Ohne Zugang zum forensischen Gutachten, zu den Befragungen des an der Operation beteiligten Personals und zu den ballistischen und kriminaltechnischen Gutachten bringt die offizielle Version lediglich die Staatsräson zum Ausdruck.

Nach Darstellung der Regierung wurde Oseguera bei seiner Festnahme verwundet, und er soll seinen Verletzungen am 22. Februar erlegen sein, während er mit einem Hubschrauber nach Mexiko-Stadt transportiert wurde. Bei derselben Operation starben auch zwei seiner Leibwächter. Das warf Fragen auf. Befragt vom Nachrichtenportal Aristegui Noticias sagte der auf organisierte Kriminalität spezialisierte Journalist Ioan Grillo: »Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass drei verletzte Personen während des Transports sterben?« Mehr noch: Oseguera habe über sensible Informationen über die Operationen des CJNG in Zusammenarbeit mit verschiedenen staatlichen Stellen und privaten Akteuren – Polizei, Militär, Politikern und Unternehmen – verfügt, sein Tod habe von vornherein verhindert, dass diese Machenschaften irgendwann juristisch aufgearbeitet werden könnten.

Das CJNG ist keine unbedeutende Bande, sondern ein kriminelles Konglomerat, das in mehr als der Hälfte des Landes präsent ist und zudem fähig, ganze Gebiete zu erobern. Darüber hinaus übt es auch international Einfluss aus – in den USA, in Kolumbien, in Europa und in Asien. Die Expansion des Kartells fiel mit der Stärkung eines sicherheitsstrategischen Ansatzes des mexikanischen Staates zusammen, bei dem die Festnahme von »vorrangigen Zielen« und die militärische Besetzung großer Teile des Territoriums in den Vordergrund gestellt wurden. Nach dieser Strategie wird der Drogenboss zur Trophäe und das Foto seiner Festnahme zu einer politischen Botschaft.

Verheerende Strategie

Der Verdacht kommt nicht von ungefähr. In Mexiko enden Ermittlungen zumeist immer dann, wenn die Spuren zu Beamten oder Angehörigen der Streitkräfte führen. Paradigmatisch ist das Verschwinden der 43 Studenten der Escuela Normal Rural de Ayotzinapa im Jahr 2014. Die Ermittler deckten Komplizenschaften zwischen kriminellen Gruppen, Polizisten, Militärs und lokalen Behörden sowie ein logistisches Netzwerk auf, das Drogen von Guerrero bis nach New York transportierte. Die Regierung von Andrés Manuel López Obrador versprach, die Wahrheit ans Licht zu bringen, aber spätere Untersuchungen stießen auf Hindernisse seitens staatlicher Instanzen: Aufhebung von Haftbefehlen, Einschränkung des Zugangs zu Militärarchiven und die Auflösung von Strukturen, die zur Untersuchung des gewaltsamen Verschwindens geschaffen worden waren. Die Wunde ist noch immer offen, die Akten sind noch lange nicht geschlossen. Der Fall steht symptomatisch für einen Staat, der nur so weit ermittelt, wie es ihm passt.

Seit 2006, als der damalige Präsident Felipe Calderón den »Krieg gegen den Drogenhandel« ausrief, wurde auf eine Sicherheitsstrategie der Militarisierung und der Festnahme von Drogenbossen gesetzt. Die Bilanz ist verheerend: mehr als 350.000 Morde und offiziell mehr als 133.000 Vermisste. Hinter den Zahlen stehen jäh beendete Biographien, zerrüttete Familien, ganze Gemeinden, die sich daran gewöhnt haben, dass täglich Schüsse knallen und Gerüchte von anonymen Gräbern verbreitet werden. Zwei Jahrzehnte später patrouilliert die Armee nicht nur auf den Straßen. Sie verwaltet Häfen, Zollstellen und Flughäfen, führt zivile Bauprojekte wie den Tren Maya durch und verfügt über eine in der jüngeren Geschichte beispiellose finanzielle Schlagkraft. Gleichzeitig haben sich die Kartelle mitnichten zurückgezogen: Sie haben sich gewandelt, sind fragmentiert und professioneller geworden. Das CJNG, das als Abspaltung entstanden und zu einer expansiven Maschinerie geworden ist, gibt das deutlichste Beispiel für dieses Paradoxon: Je mehr Strukturen zerschlagen werden, desto mehr diversifizieren und passen sie sich an.

Der Tod von »El Mencho« ereignete sich vor dem Hintergrund einer zugleich gestärkten militärischen Macht und einer zunehmenden transnationalen Kriminalität. Und er ereignete sich zudem unter dem politischen Druck Washingtons. US-Präsident Donald Trump feierte öffentlich den Sturz »eines der finstersten Kartellführer« und schrieb sich diesen Erfolg selbst zu. Dabei ist der Vorgang bekannt: Die mexikanische Sicherheitsagenda wird immer dann forciert, wenn das Weiße Haus Ergebnisse fordert.

Kartographie des Grauens

Das bald konträre, bald kooperative Zusammenspiel von Staatsgewalt und bewaffneten Kartellen ergibt eine Kartographie des Grauens und verleiht dem Begriff Nekropolitik – Verwaltung des Todes als Regierungspraxis – eine Fasslichkeit. Der Staat entscheidet, wo er Gewalt anwendet, wen er festnimmt, wen er vorführt. Aber er entscheidet auch, welche Leichen gründlich untersucht werden und welche nicht. Die Leiche eines Drogenbosses kann zu einer Trophäe werden oder ein unbequemes Geheimnis bergen. Eine gründliche, öffentliche und überprüfbare Autopsie ist in diesem Sinne ein politischer Akt: Sie bestimmt, in welchem Maße Wahrheit preisgegeben wird.

Umgekehrt schürt Intransparenz Misstrauen. Oseguera starb in Gewahrsam, der Staat aber ist bis zur letzten Minute für seine Unversehrtheit verantwortlich. Die Beweiskette endet nicht mit der Festnahme, sondern erstreckt sich auch auf den Gefangenentransport, die medizinische Versorgung und die Sicherung von Beweismitteln. Jede Unterlassung untergräbt die Glaubwürdigkeit der Institutionen. Und in einem Land, in dem das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden ohnehin gering ist, vervielfacht sich in solchen Fällen der Zweifel.

Für Tausende von Familien ist das keine symbolische Angelegenheit, sondern eine ganz konkrete. Sie wollen wissen, wo ihre Kinder sind, ob sie leben oder welches endgültige Schicksal ihnen widerfahren ist. Oseguera hätte Informationen über Gräber, Routen, Komplizen, Finanzierungsmodelle und Namen von korrupten Beamten liefern können. Sein Tod macht die Öffentlichkeit zum forensischen Ermittler: Sie kombiniert Hinweise, spürt Zeugenaussagen auf, drängt auf Akteneinsicht.

In diesem Sinne ist Mexiko ein ausgedehnter Tatort. Nicht weil überall das Verbrechen ist, sondern weil überall der Beweis zu finden sein könnte: Es existiert eine Geographie der Verschwundenen, ein Muster der Gewalt, der Finanzwege, der öffentlichen Aufträge, der offiziellen Erklärungen. Eine Autopsie wird dieses Geflecht nicht auflösen, aber sie könnte wichtige Anhaltspunkte zur Wahrheitsfindung liefern. So lassen sich durch sie etwa die Flugbahnen von Kugeln und die genaue Todesursache feststellen. Sie kann die offizielle Version vom tödlich verlaufenden Gefangenentransport bestätigen oder widerlegen. Sie kann, kurz gesagt, verhindern, dass sich der Tod notwendigen Fragen verschließt.

Die Ergreifung von Drogenbossen wird wegen ihrer Auswirkungen auf die nationale Sicherheit gefeiert, aber selten wird der Gerechtigkeit für die lokalen Opfer Priorität eingeräumt. Der behauptete Erfolg steht im Widerspruch zur täglichen Trauer eines Landes, in dem mehr als 133.000 Menschen verschwunden sind. In diesem Spannungsfeld ist die Autopsie von »El Mencho« mehr als ein medizinisches Gutachten: Sie ist ein Test dafür, ob der mexikanische Staat seine eigene Version einer unabhängigen Überprüfung unterziehen kann.

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