Für die Hühnerfüße
Von Stefan Heidenreich
Kurz nach dem chinesischen Neujahr ist der Kanzler ins Reich der Mitte geflogen. Dort hat das Jahr des Feuerpferds begonnen. Diese Jahre stehen unter einem schlechten Zeichen, denn sie gelten als ausgesprochen ereignisreich.
Kanzler Merz hat sich bisher kaum als Freund des Landes hervorgetan. In seiner Regierungserklärung vom letzten Jahr gab er sich ausgesprochen feindselig: »Wir sehen, dass es in Chinas außenpolitischem Handeln zunehmend Elemente systemischer Rivalität gibt. Offen gesagt: Die wachsende Nähe zwischen Peking und Moskau betrachten wir mit erheblicher Sorge. Wir werden daher gegenüber China mit Bestimmtheit dafür eintreten, dass es seinen Beitrag zur Beilegung des Krieges in der Ukraine leistet.« Als hätte sich Deutschland je durch irgendwelche Bemühungen zur Beilegung des Krieges hervorgetan. Aber derartig scheinheilige Belehrungen ist man rund um die Welt ja mittlerweile von den Deutschen gewohnt.
Die Widersprüche fangen damit erst an. Lang war der Handel mit China eine deutsche Erfolgsgeschichte sondergleichen. Bis die Freunde auf der anderen Seite des Atlantiks dahinterkamen, dass die dortigen Kommunisten weder vorhatten, sich dem Westen zu unterwerfen, noch davon abließen, weiter zu wachsen. Dann hieß es von der US-amerikanischen Politik, man solle sich von China entkoppeln. Vor allem die Grünen taten sich gegen die gelbe Gefahr hervor. Als das Decoupling dafür sorgte, dass die deutschen Exporte einbrachen, sattelte man auf Derisking um. Nun sollen nur technologisch sensible Bereiche entflochten werden. Tatsächlich ist es so gelungen, den China-Handel soweit zu drücken, dass die Presse bald hocherfreut berichtete, die Vereinigten Staaten seien nun wieder »unser« größter Handelspartner.
Sonderlich erfolgreich war auch das Derisking nicht, denn China hat seinerseits schnell deutlich gemacht, dass es nicht nur den größten Absatzmarkt anbietet, sondern auch Monopole auf kritische Rohstoffe und Bauelemente hält. Die deutsche Industrie hat derweil die Investitionen in China hochgefahren, um sich gegen drohende Sanktionen abzusichern. Schließlich hat man am Beispiel Russland gesehen, wie weit die Regierenden hierzulande bereit sind, ihrem eigenen Land mit sinnlosen Handelshemmnissen zu schaden.
Gewisse Effekte scheint das Derisking durchaus gehabt zu haben, glaubt man der FAZ. Am Mittwoch ließ sich Herr Merz selbstfahrende Autos vorführen. Der Hersteller, der im westlichen Wurmfortsatz Eurasiens auch unter dem Namen Mercedes-Benz bekannt ist, produziert für den dortigen, technisch etwas rückständigen Markt nach wie vor menschengefahrene altertümliche Verbrennerwagen.
Aber das Land der Ideen hat trotz Derisking noch einiges anzubieten. Mit einer 30köpfigen Industriedelegation ist der Kanzler angereist und hat sich Großes vorgenommen, schreibt die FAZ. So sollen etwa die Hindernisse für den Export von deutschem Schweinefleisch aus dem Weg geräumt werden. Ein weiterer Vertrag soll den Handel mit Hühnerfüßen ankurbeln. Hoffen wir nur, dass die Chinesen aus den Hühnerbeinchen keine Dual-Use-Güter herstellen, etwa fliegende Hühnerbein-Baba-Yaga-Drohnen, sonst müsste auch dieses so wichtige deutsche Exportgut umgehend mit Sanktionen belegt werden.
Manch einer mag sich dunkel an die Zeiten erinnern, als aus Deutschland noch Hochtechnologie nach China exportiert wurde. Züge, Autos, Kräne, Maschinen. Und nun? Hat das von Kommunisten regierte Land etwa die einst führende Industrienation überholt? Wie konnte es nur dazu kommen, dass Deutschland vom Hightechland zu einem Exporteur von … Hühnerfüßen geworden ist? Könnte es etwa damit zu tun haben, dass unsere Industriekapitäne auf Investitionen in Zukunftstechnologien verzichtet haben? Aus schnöder Profitgier?
Bei der Abreise hat der Bundeskanzler eine alte chinesische Weisheit zum Besten gegeben: »Seine Stärke spielt ein Pferd nicht allein aus, sondern nur, indem es den Wagen gemeinsam mit anderen zieht.« Wer hat dem sonst so obsessiv wettbewerbsfixierten Herren so etwas ins Skript geschmuggelt? Oder kann es etwa sein, dass selbst die letzten Wettbewerbsrüpel zur Raison kommen … wenn sie den Wettbewerb verloren haben?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Jens D. (27. Februar 2026 um 09:47 Uhr)Der Artikel ist interessant und gut geschrieben. Doch warum wird die chinesische Staatspartei »kommunistisch« genannt? Nur weil dies heuchlerisch in ihrem Namen steht? Die Aufgabe einer kommunistischen Partei, wenn sie schon regiert, ist, Privateigentum an Produktionsmitteln in kollektives umzuwandeln. Die chinesischen »Kommunisten« machten genau das Gegenteil.
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