Aus Leserbriefen an die Redaktion
»Haltung bewahrt«
Zu jW vom 23.2.: »Der Schalk im Nacken«
Mit Gustav-Adolf Schur verbindet sich nicht nur der Klang großer Rennen wie der Internationalen Friedensfahrt, sondern auch das Bild eines Menschen, der Haltung bewahrt hat – in bewegten Zeiten wie in ruhigen Jahren. Ob als Weltmeister, Olympiamedaillengewinner oder Parlamentarier: Täve blieb stets der Junge aus Heyrothsberge, dem Gemeinschaft mehr bedeutete als persönlicher Ruhm. Seine Lebensleistung erschöpft sich nicht in Titeln, sondern zeigt sich im Vertrauen, das ihm Generationen entgegenbringen. Möge sein unerschütterlicher Optimismus weiterhin ansteckend wirken – als Erinnerung daran, dass Größe nicht im Rampenlicht entsteht, sondern im Charakter.
Istvan Hidy, Stuttgart
»Begeistert«
Zu jW vom 21./22.2.: »Hauptsache laut«
Diese Filmbesprechung ist völlig oberflächlich. Ich habe »Staatsschutz« gerade gesehen und war – wie das Publikum überhaupt – begeistert. Es kann überhaupt nicht davon die Rede sein, dass der Regisseur nur eine spannende Krimihandlung auf die Leinwand projizieren wollte. Er hat monatelang die Verhältnisse vor Ort recherchiert, und ihm ist eine absolut realitätstüchtige Darstellung sowohl der Naziakteure wie auch der Funktionsträger in Polizeigewalt und Justiz und deren Beziehungen zur rechten Szene gelungen.
Jochen Gester, Berlin
Tumb und öde
Zu jW vom 23.2.: »Gegen Westdominanz«
Ich hatte einige Hoffnung in die neue Berliner Zeitung gesetzt, mein Abo aber schon wieder länger hinter mir. Das (Mit-)Surfen auf tumben Empörungswellen, das öde Herumrühren in Symptomatik und die Fortsetzung der gescheiterten ultraliberalen Linie mit anderen Mitteln bei völlig unklarer Standortbestimmung sind mir einfach zuwenig. Unter den Blinden ist der Einäugige König. Das ehemalige Staatsgebiet der DDR ist von einer zweiten katastrophalen Entindustrialisierungswelle betroffen, und kaum einen stört’s: die Werften in Wismar und Rostock, der Waggonbau in Görlitz, das Fleischkombinat in Eberswalde, PCK Schwedt, Leuna, Piesteritz usw. Produktive Bereiche werden durch konsumtive Rüstungsherstellung abgelöst. Dümmer und gefährlicher als Ausfluss westdeutscher Blödheit und Selbstreferentialität geht’s nicht.
André Möller, Berlin
Wetzstein III
Zu jW vom 19.2.: »Aus Leserbriefen an die Redaktion«
Bezogen auf den Leserbrief »Wetzstein II«: Das von Bernd Vogel kritisch Angemerkte bezieht sich wohl vor allem auf die Einschätzung Chinas und Russlands. Das sollte auch gesagt werden. Die Einschätzungen dieser beiden Länder und der BRICS-Gruppe, die sie anführen, führen auch oder gerade in der DKP zu Meinungsverschiedenheiten, ja sogar zu offenem Streit. Dabei kommt man ohne Marx’ »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« nicht aus! Wer hat in wessen Klassen- bzw. sozialem Interesse die Zügel, jetzt muss man wohl fast sagen »den Joystick« des Staates in der Hand? Wie sehr kann er sich gegenüber der Basis verselbständigen, wenn »die Umstände«, also die Herrschaftsansprüche der alten imperialistischen Mächte, es erzwingen? Wieweit nicht? The proof of the pudding is eating – das Schwierige an Prognosen ist, dass es dabei um die Zukunft geht.
Volker Wirth, Berlin
»Einzigartige Begegnungsstätte«
Zu jW vom 19.2.: »Was macht den Club historisch so einzigartig?«
Der Club Voltaire war eine einzigartige Begegnungsstätte, wo Künstler und Kulturschaffende der DDR im Westen auf Interessierte trafen. Das alles im finstersten Kalten Krieg, wo offizielle Begegnungen zwischen den beiden deutschen Staaten lange Zeit gar nicht stattfanden. Er bildete die Grundlage für eine deutsch-deutsche Annäherung zu einer Zeit, als davon noch niemand sprach. Auch nach 1990 leistete der Club seinen Beitrag zur Verständigung von Ost und West. Er muss unbedingt erhalten werden.
Ralph Dobrawa, Gotha
Wut im Bauch
Zu jW vom 20.2.: »Nord-Stream-Sage wird weitergesponnen«
Danke, Philip Tassev, für diesen Artikel, der einige der neuesten Darstellungen dieses Sprengungsvorgangs hinterfragt. Was mich betrifft, so bin ich sauer, regelrecht wütend, dass mich die Herrschenden für so kreuzdämlich halten und es wagen, mir immer weitere hanebüchene Geschichten aufzutischen, um »Gottes eigenes Land« vor jedem Verdacht der Schuld an der Sprengung zu bewahren! Ich weiß auch, es kümmert niemanden, ob die Mattnerin sauer ist oder nicht; das hat sie umsonst, und sie spricht hier auch nur für sich selbst. Wenn viele das glauben, was man ihnen da einreden will, ihre Köpfe nicht zum Selberdenken nutzen, dann ist es eben so. Aber vielleicht gibt es noch Hoffnung, vielleicht finden sich doch einige Menschen im Lande, die genauso wütend darüber sind, derart für dumm verkauft zu werden.
Margitta Mattner, per E-Mail
Das ehemalige Staatsgebiet der DDR ist von einer zweiten katastrophalen Entindustrialisierungswelle betroffen, und kaum einen stört’s: die Werften in Wismar und Rostock, der Waggonbau in Görlitz, das Fleischkombinat in Eberswalde, PCK Schwedt, Leuna, Piesteritz usw.
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Leserbrief von E. Rasmus (26. Februar 2026 um 14:54 Uhr)»Das ehemalige Staatsgebiet der DDR ist von einer zweiten katastrophalen Entindustrialisierungswelle betroffen, und kaum einen stört’s.« Da bin ich vollkommen bei André Möller. Damit einher geht es auch um eine weitere Entkultivierung, ja Entgesundung. Alters-, krankheits-, weil vorrangig systemverhältnisbedingt, habe ich, sicher nicht allein bemerkt, daß fast die gesamte Humanmedizin der DDR zu 99,9 Prozent vor allem im Hinblick auf die Pharmazie verstümmelt bzw. entsorgt worden ist – und dass zugunsten des superspekulativ teuren, mit Nebenwirkungen angepriesenen – gar mehr – krankmachenden der Profitgier dienenden Zeugs. Und wem ist dies zu verdanken? Dem im Teile und Herrsche teuflisch geübten Monopolkapital – keineswegs ohne die opportunistischen, ach so freiheitsbewussten, konterrevolutionär agierenden Linken wie Grünen mit Blockparteien. Ich denke, wir sind vor allem östlich beispielgebend wieder in Zeiten von Voltaire.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Uwe S. aus Seelow (25. Februar 2026 um 22:56 Uhr)Zu Andre Möllers Leserbrief »Tumb und öde« betr. Artikel »Gegen Westdominanz« zur Premiere der OAZ: Ich bin nicht so enttäuscht, aber ich hatte auch keine zweite »junge Welt« erwartet. Berücksichtigung von DDR- und Ost-Erfahrung beim Aufgreifen von sonst kaum oder nur aus der üblichen FAZ- oder taz-Sicht behandelten Themen wäre doch schon was. Und Behandlung von Themen, die woanders unter den Tisch fallen – z.B. Corona-Aufarbeitung, in »meiner« jungen Welt nicht vorhanden – findet ja schon statt. Dass aus der OAZ kein marxistisches oder revolutionäres Blatt werden soll, ist doch klar. Ich empfehle den auf der Online-Ausgabe der Berliner Zeitung noch vorhandenen Mitschnitt des Gesprächs zwischen Verleger Friedrich und Verleger Augstein. Da antwortet Friedrich auf Augsteins Frage, was ihn denn an den Wessis störe: »Ihr haltet uns auf.« Und damit meint er u.a. die vom Westen übergestülpten, überkommenen Verhältnisse und die Missachtung der Erfahrungen der DDR (dafür interessierten und interessieren sich »Westlinke« allerdings auch nicht). Er meint aber vor allem, dass der Osten in einer modernisierten Kapitalismusvariante erfolgreicher unterwegs sein könnte (soweit man in der Systemkrise erfolgreicher sein will als andere) – und er hat da zwar die »Ostdeutschen als Avantgarde« im Hinterkopf, aber mehr als Slogan und ohne die grundlegende Kritik, die Wolfgang Engler in gleichnamigen Buch mit dieser These verbindet, verstanden zu haben. Und der Unternehmer Friedrich baut natürlich darauf, dass die Defizite der anderen bürgerlichen Zeitungen der OAZ eine Marktlücke öffnen, die sich u.U. selbst verstärkend vergrößern könnte. Und da die OAZ nicht bei der Linken erscheint, kann er das ja auch betreiben. Denn dort gilt ja – wie ich aus der gestrigen jungen Welt entnehmen konnte – die Bezeichnung »Wessi« als »innerdeutscher Regionalchauvinismus«.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (26. Februar 2026 um 13:56 Uhr)Mindestens ein Besserwessi täte sich schon für die »Erfahrungen der DDR« interessieren. »Meine« jW macht mir das aber nicht immer leicht. Häppchen sind zwar zu finden, die muss mann suchen und versuchen, daraus ein Gesamtbild zu erzeugen. Sehr aufschlussreiche Beiträge mit großem Detailreichtum, besonders von ehemaligen Kadern, wechseln sich ab mit reichlich affirmativen und apologetischen Inhalten. Dem Wessi, der Jahrzehnte damit verbringen durfte, mit dem Arsch an die Wand zu kommen (und trotzdem nicht vom Glauben, äh, vom Vertrauen in Marx & Co. abzufallen), war es halt nicht immer möglich, sich mit zwei Metern blauer Bände und nebenbei noch mit NÖP zu beschäftigen. Hier besteht allerhand (individueller) Nachhol- und Nachhilfebedarf. Ob die jW in diese Bresche springen könnte? Eine Debatte zum Thema fände ich schön.
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