Der Schalk im Nacken
Von Janusz Berthold
Als am 23. Februar vor exakt 95 Jahren in Heyrothsberge, östlich von Magdeburg, ein kleiner Junge geboren wurde, verschwendete selbstverständlich noch niemand spezifische Gedanken an dessen zukünftiges Leben. Ganz sicher wünschten die Eltern des kleinen Gustav, so wurde er benannt, für ihren Filius nur das allerbeste – Gesundheit, Glück und dass er es einmal besser hat. Wie es Eltern im allgemeinen seit Menschengedenken überall tun. Der Vater, in den frühen 1920er Jahren aus dem Ruhrgebiet in die Börde gezogen, hielt die Familie als Arbeiter in einer Ziegelei über Wasser. Die Mutter kümmerte sich um das Gehöft und den Nachwuchs, Gustav war das älteste von insgesamt fünf Kindern der Familie. Eine proletarische Familie im bäuerlichen Umfeld.
Jener Gustav ist inzwischen natürlich längst erwachsen. Und nicht nur das. Vor allem ist er, ohne übertreiben zu wollen, zu einer herausragenden Persönlichkeit gereift und steht seit gut sieben Jahrzehnten für außerordentliche sportliche und zwischenmenschliche Verdienste, zunächst in der DDR und später auch in der BRD. Der Öffentlichkeit ist jener Gustav unter dem Spitznamen Täve bekannt. Jeder in der DDR kannte den Namen Täve. Dieser Name steht exemplarisch für die sportlichen Erfolge und das Menschenbild der DDR.
Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs dürstete es die Menschen nach mannigfaltigen Ablenkungen. Den schönen und begeisternden Beschäftigungen des Friedens eben. Sport, im speziellen das Fahrradfahren, kann bekanntlich diese Ablenkungen bieten. Ferner waren trotz allumfassenden Mangels Fahrräder noch die am unproblematischsten beschaffbaren Fortbewegungsmittel. Als Täve in den frühen 50er Jahren die ersten sportlichen Erfolge auf überregionaler Ebene feiern durfte, entwickelte sich auch seine zunehmende Popularität. Als erster Deutscher gewann er 1955 die legendäre Internationale Friedensfahrt. Und 1959 noch einmal. Täve ist neunfacher DDR-Meister (Straße, Mannschaft, Querfeldein) und errang je eine Olympiamedaille bei den Spielen 1956 und 1960. Zweimal wurde er Straßenradweltmeister der Amateure (1958, 1959), auf den möglichen Hattrick verzichtete er 1960 zugunsten seines Mannschaftskollegen Bernhard Eckstein und wurde Vizeweltmeister. Dieses Rennen bei der Heim-WM auf dem Sachsenring begründete seinen Legendenstatus. Täve opferte seine Siegchancen mit einer taktischen Meisterleistung. Er zog, sich seiner Favoritenrolle vollauf bewusst, sämtliche Aufmerksamkeit der Konkurrenten auf sich, wodurch Eckstein freie Fahrt hatte. Diese Selbstlosigkeit beeindruckte die Menschen von Rügen bis zum Fichtelberg. Täve war ihr Held! Nicht umsonst wurde Täve neunmal Sportler des Jahres und 1989 zum beliebtesten Sportler in 40 Jahren DDR gewählt.
Auf die WM und den Vizetitel angesprochen, macht Täve um diese Episode auch heute noch keine großen Worte. Für ihn war das selbstverständlich. Ihm geht und ging es nie vordergründig um ihn selbst, es geht immer um das große Ganze. Auch auf den Landstraßen Europas. Mannschaftsdienlicher Individualismus – der rote Faden der sozialistischen (Arbeiter-) Sportbewegung.
Täve ist mit einem wunderbaren Humor gesegnet. Trocken, direkt, tiefsinnig, immer mit dem charmanten Schalk im Nacken. Bei einem unserer ersten Treffen im Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen fachsimpelten wir über die legendären WM-Rennen. Ich ließ mich natürlich davon begeistern. Bei der Verabschiedung konnte ich nicht anders, als Täve ein wenig zu lobpreisen: »Ach Gustav, ich wäre nie so ein guter Radsportler geworden wie du.« Täve, anderthalb Köpfe kleiner, schaut an mir hoch, hält kurz inne, kneift die Augen etwas zusammen, grinst und spricht: »Aber ein Großer!« Es brauchte bei mir einige Augenblicke …
Diese Anekdote zeigt doch, er ist mehr als ein Radsportidol. Täve ist eine Seele von Mensch. Auch weil er etwas zu sagen hat, sich nie den Mund verbieten lässt und dennoch seine Bodenständigkeit bewahrt hat. Sehr viele Menschen mit DDR-Sozialisierung achten Täve Schur, etliche vertrauen ihm, einige verehren ihn. Er gilt als sportliches und zwischenmenschliches Vorbild. Mittelbar ist das auch auf seine Mitgliedschaft in der Volkskammer der DDR zurückzuführen. Von 1958 bis zur Auflösung 1990 war Täve Abgeordneter. In dieser Funktion gelang ihm etwas, was bis heute den wenigsten Parlamentariern gelingt – er blieb volksnah. Sein vierjähriges Intermezzo im Bundestag für die PDS (1998–2002) konnte daran auch nichts ändern.
Täve ist seiner antifaschistischen Haltung treu, keinen Groll empfindet er für die offensichtlich ideologisch motivierte Ignoranz der »Hall of Fame des deutschen Sports« gegenüber seiner Person: »Und mit einigen, die in diese Hall of Fame aufgenommen wurden, will ich auch gar nicht in Verbindung gebracht werden. Da findest du welche, die aktiv mit dem Faschismus paktiert hatten, mit denen will ich nicht in einer Reihe stehen.« (vgl. jW, 20./21.02.2021)
Prinzipienfest und zielstrebig in jeder Lebenslage darfst du dich heute feiern lassen, lieber Täve! Mögest Du, mit dem Dir eigenen Tatendrang, Dein erklärtes Ziel der 100plus erreichen.
Herzlichen Glückwunsch!
Liebe Leserin, lieber Leser! Täve bittet freundlich, von persönlichen Geschenken abzusehen. Er freut sich aber sehr über eine Spende für das Friedensfahrtmuseum. Empfänger: Radfreizeit, Radsportgeschichte und Friedensfahrt e. V.
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