Hauptsache laut
Von Ronald Kohl
Dieser Film muss natürlich in Brandenburg spielen. Aber »Mississippi Burning« spielt ja auch nicht in Alaska. Immerhin hat sich Regisseur Faraz Shariat für seinen Gerichtsthriller nicht Mecklenburg ausgewählt (gibt es da überhaupt eine staatliche Justiz?). Dennoch ist der Titel »Staatsschutz« feige. Wenn ich schon Brandenburg an den Pranger stelle, hätte ich die Klamotte ehrlicherweise »Bundeslandsschutz« nennen müssen.
Dabei ist die grundsätzliche Frage des Films eigentlich interessant. Was passiert, wenn in der BRD im Jahr 2025 eine Staatsanwältin gegen ein Milieu ermittelt, das sich den Normen der Demokratie widersetzt?
Da wäre die erste Unterfrage: Welchen Normen wird sich eigentlich widersetzt? Wenn ich da aktuell sein möchte, könnte ich zum Beispiel die Intransparenzen während der großen Pandemie nehmen. Aber der brandenburgische Kriminelle ist nun mal keine Krämerseele. Er ist Schläger, Brandstifter und Vergewaltiger. Und Nazi. Und warum kommt er damit durch? Weil die Bullen hier genauso ticken. Außerdem gibt es eine funktionierende Justiz. Westimport. Die Staatsanwältin, die im Film so gar nicht funktionieren will, kommt natürlich auch von drüben (nicht einmal ein Ehrentreffer wird uns gegönnt).
Seyo Kim (Chen Emilie Yan) ist in Köln aufgewachsen, sie ist lesbisch und hat koreanische Eltern. Was vergessen? Ah, ja: die Joints (so was kommt von so was). Nachdem sie zwei Tage nach ihrem Dienstantritt in den neuen fünf Ländern umgefahren und angezündet wurde, beantragt sie erst einmal einen Waffenschein. Außerdem legt sie sich einen neuen Wagen zu, einen Dodge mit kugelsicheren Scheiben und mächtig PS unter der Haube. Das Ding röhrt, dass die Häuser wackeln. Leider kann sie nicht den ganzen Film im Auto verbringen. Immer, wenn Seyo etwas Neues zustößt, sehen wir sie in der anschließenden Szene auf dem Schießstand der Polizei mit ihrer Pistole herumballern. Dem mörderischen Krach und dem enormen Rückstoß nach zu urteilen, scheint sie sich vernünftigerweise für das größtmögliche Kaliber entschieden zu haben. Leider ist in diesem Fall ausnahmsweise die Kommunikation zwischen der Polizei und der rechten Szene gestört, sonst wüsste jede Glatze zwischen Finsterwalde und Prenzlau: Junge, leg dich nicht mit der neuen Staatsanwältin an!
Überhaupt nützt ihr die Kanone nicht viel. Eigentlich gar nichts; das Ding ist viel zu schwer, um es am Körper zu tragen. Und menschlicher Beistand passt zu einer sympathischen Heldin auch besser.
Eine einzige der Kolleginnen im Sekretariat des Oberstaatsanwalts hat sich einen Rest Menschlichkeit bewahrt. Sie kifft zwar nicht mehr selbst, riecht das Zeug aber noch unheimlich gerne. Wie jeder weiß: Passivrauchen ist gefährlich. Immer wieder lässt sich die Freundin aus dem Sekretariat dazu überreden, der freilich längst vom Dienst suspendierten neuen Staatsanwältin den Schlüssel für die Registratur auszuhändigen. Ich weiß nicht mehr, wie oft sie, obwohl ihr freilich der Zutritt zum Dienstgebäude strengstens verboten ist, weit nach Mitternacht in den Keller mit den alten Prozessakten hinabsteigt. Das ist jedes Mal total spannend und aufschlussreich. Tagsüber brilliert sie dann mit ihrem Geheimwissen im Gerichtssaal.
Im Interview mit »Teddy Award«, dem queeren Filmpreis der Berlinale, sagt Regisseur Faraz Shariat, dass es ihm von Anfang an wichtig gewesen sei, dass ein Thriller entsteht und kein Krimi. Er war nicht so sehr daran interessiert, die Spannung mit Fragen der Art aufzubauen: »Wer war es? Wird sie den Täter finden?« Wichtiger war es für ihn, zu zeigen, welchen Terror die Heldin aushalten muss. Dazu muss ich feststellen: Genau das gelingt ihm auch. Wer es schafft, beim Schauen auszublenden, dass der politisierte Rahmen nur dazu dient, die Spannung zu steigern, kann einen ansonsten makellosen Thriller genießen: Wir sind ständig an der Heldin dran. Wir denken jedes Mal, so schlimm wird es schon nicht kommen, kommt es aber doch und schlimmer usw. Ich habe mich wirklich keine einzige Sekunde gelangweilt, denn der Regisseur zieht gekonnt alle Register, die das Genre hergibt.
Was aber sagt er dazu, dass er ein so bitterernstes Thema für reine Unterhaltungszwecke gebraucht, missbraucht oder vielleicht doch auch nur nutzt?
In jenem Interview geht er so weit, von »strukturellem Rassismus« zu sprechen, was ja bedeuten würde, dass dies das Grundgerüst unseres Staatswesens wäre – bekanntlich keine »Ostkonstruktion«. Dann behauptet er, besonders der »politische Thriller« (den Film dort zu verorten, halte ich für reichlich kühn), sei ein Genre, um »politische Ideen« auf dem Wege der Unterhaltung auszudrücken. – Sorry, aber welche Ideen? In meinen Augen hält der Film, insbesondere am Schluss, wenn Seyo mit ihrem Dodge ohrenbetäubend durch Landschaft braust, nur eine Botschaft parat: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen!
»Staatsschutz«, Regie: Faraz Shariat, Deutschland 2026, 113 Min., Panorama, 21.2.
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