Zugeständnis an den Ölgiganten
Von Thomas Berger
Bislang hatten sich die Regierenden in Jakarta zu Klimaneutralität »spätestens 2060« bekannt. Bestenfalls werde man dieses Ziel, wie immer wieder betont wurde, schon früher erreichen. Zudem sollte das Maximum der Treibhausgasemissionen spätestens 2030 erreicht sein. Unmittelbar gefährdet ist das Fernziel zwar noch nicht. Ersichtlich wird aber schon jetzt, dass auf dem Weg dorthin offiziell Abstriche gemacht werden.
Dass die Regierung in Jakarta – die Stadt droht im Meer zu verschwinden – um den klimapolitisch notwendigen Ersatz fossiler Energieträger ernsthaft bemüht ist, darf angesichts jüngster Meldungen allerdings bezweifelt werden. Zu Beginn der Woche wurde bekannt, dass die Regierung die Förderlizenz des US-amerikanischen Mineralölkonzerns Exxon Mobile für das Öl- und Gasfeld »Cepu Block« vor der Ostküste der Hauptinsel Java um ein weiteres Jahrzehnt bis 2055 verlängert hat. Im Gegenzug habe der Energiegigant Investitionen von rund zehn Milliarden US-Dollar in den Standort zugesichert, war unter anderem in der Jakarta Globe zu lesen. Demnach verwiesen Verhandlungsteilnehmer darauf, dass die Details des Deals, etwa die Aufteilung der Profite, noch nicht final geklärt seien.
Bereits im Oktober, wenige Wochen vor der Weltklimakonferenz im brasilianischen Belém, hatte das Ministerium für Energie und Bergbau mitgeteilt, dass man den CO2-Peak »schweren Herzens« erst 2035 erreichen werde. Auch in der ministeriellen Führungsriege räume man offen ein, dass es in diesem Zusammenhang »schwerer fallen« werde, die volle Klimaneutralität tatsächlich bis 2060 zu erreichen, berichtete die Jakarta Post.
Umweltschützer mögen der Regierung vorwerfen, dass der Deal mit Exxon den Klimaschutz hintertreibt. Es scheint aber festzustehen, dass die größte Lagerstätte, die 30 Prozent des indonesischen Rohöls liefert, auf absehbare Zeit weiter im großen Stil ausgebeutet wird. Die tägliche Fördermenge dort beläuft sich aktuell auf 170.000 bis 185.000 Barrel pro Tag. Die 159 Liter Rohöl eines solchen Standardfasses setzen bei der Verbrennung 400 bis 450 Kilogramm CO2 frei.
Zugestehen muss man, dass das Öl teilweise industriell verarbeitet wird. Doch im indonesischen Verkehr dominiert noch immer der klassische Verbrennungsmotor, so dass der Transportsektor allein rund 40 Prozent der nationalen Treibhausgasemission verursacht. Andere Länder der Region seien bei der Verkehrswende hin zur Elektromobilität deutlich weiter, die indonesischen Fahrzeuge besonders veraltet und umweltschädlich, konstatierte im Juli 2025 eine Studie des Stockholm Environment Institute und der New York University.
Vorerst dürfte das Problem eher größer werden. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Ausstoß erhöhte sich binnen 2024 von 2,71 Tonnen auf 2,87 Tonnen CO2, wobei das rapide zunehmende Aufkommen privater Pkw gepaart mit anhaltendem Bevölkerungswachstum eine entscheidende Rolle spielte. Für 2025 liegt noch keine amtliche Statistik vor. Die ausgegebene Zielmarke, Klimaneutralität bis spätestens 2060, erscheint vor diesem Hintergrund als Lippenbekenntnis.
Das ist weder lokal noch global betrachtet eine kleine Sache. Das Land hat aktuell 287 Millionen Einwohner und rangiert damit an der Spitze der südostasiatischen Staaten, weltweit auf Platz vier. Zudem handelt es sich um die mit Abstand größte Volkswirtschaft im elf Staaten umfassenden ASEAN-Verbund. Darüber hinaus gehört die aufstrebende Inselgruppe neuerdings zu BRICS plus. So wie die örtliche Bevölkerung also wegen des ansteigenden Meeresspiegels um die ausgedehnten Küstenregionen bangen muss, sorgt Indonesien, ohne das die Emissionen global eben nur bedingt reduziert werden können, bei Klimaschützern in aller Welt für Bammel. Beides nimmt der rechtskonservative Präsident Prabowo Subianto offenbar billigend in Kauf. Alles andere stünde immerhin dem Aufstieg in der Staatenkonkurrenz im Wege.
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