Protest über Protest in Serbien
Von Slavko Stilinović
Serbien kommt nicht zur Ruhe. Seit dem katastrophalen Einsturz des Bahnhofsvordachs im nordserbischen Novi Sad am 1. November 2025, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, mobilisieren hauptsächlich Studenten gegen die Regierung. Diese machen sie wegen der grassierenden Korruption für den Baupfusch verantwortlich. Der Bahnhof war nämlich erst kurz vor dem Einsturz saniert worden. Mittlerweile ist aus dem städtischen Studentenprotest eine breite Bewegung geworden, die Bauern wie Angestellte mobilisiert.
Nun haben Studenten im südserbischen Niš eine Kampagne unter dem Namen »Woche der Freiheit« gestartet, um auf die systematische Vernachlässigung der Region aufmerksam zu machen und Probleme wie Korruption, Abwanderung und die Einschränkung von Medienfreiheit zu benennen. Für den 1. März rufen sie zu einem großen Protest unter dem Motto »Der Staat sind wir« auf, bei dem sie mit einer 16minütigen Schweigeminute der Opfer des Einsturzes des Bahnhofsvordachs in Novi Sad gedenken und die grundlegende Frage stellen wollen: »Was ist der Staat, und wem gehört er?«
Erst am Sonntag waren Studenten in Guča und Kotraža von Vermummten mit Stöcken attackiert und bis zu ihren Unterkünften verfolgt worden. Während die Polizei nicht eingriff, zeigten sich viele Bürger solidarisch mit den Studenten. So scheint die Frage, ob die für den 1. März angekündigte Großdemonstration sowie die »Woche der Freiheit« zur Versöhnung oder weiteren Eskalation in der serbischen Gesellschaft beitragen werden, fast schon im voraus beantwortet zu sein.
Dass der Unmut groß ist, zeigen zwei weitere Protestaktionen. Seit Dienstag haben auch serbische Landwirte ihren bereits seit mehreren Tagen andauernden Protest intensiviert. In einer mehrstündigen Totalblockade sperrten sie etwa 80 Haupt- und Regionalstraßen. Grund sind die aus ihrer Sicht katastrophale Lage der Landwirtschaft sowie niedrige Milchpreise. Ihre Kernforderungen sind ein Stopp von Milchimporten bis zum Abbau heimischer Lagerbestände sowie die Einführung von Schutzzöllen und garantierte Abnahmepreise. Sie brachen zudem den Dialog mit Landwirtschaftsminister Dragan Glamočić ab. Dieser hatte unter anderem behauptet, Landwirte seien »betrunkene Millionäre« mit Rolex-Uhren, die 4.000 Euro Gewinn pro Kuh erzielen würden. Als Reaktion auf den Protest hat Lidl angekündigt, eine Million Liter Milch von lokalen Bauern aufzukaufen.
Am Sonntag protestierten zudem erneut Bürger am Belgrader Ušće-Park gegen die Weltausstellung Expo, die 2027 in der serbischen Hauptstadt stattfinden soll. Dabei gab es ein großes Polizeiaufgebot sowie Personenkontrollen. Viele Demonstranten hinterfragten den Einsatz der Polizei zum Schutz einer öffentlichen Grünfläche und äußerten die Befürchtung, das Bauprojekt werde letztlich der Privatisierung der Gegend dienen.
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