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Aus: Ausgabe vom 21.02.2026, Seite 4 / Inland
NATO-Linke

Im Endkampfmodus

Zum vierten Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine machen auch in Deutschland wieder regierungsnahe »Linke« mobil
Von Susann Witt-Stahl
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Teilnehmer einer Demonstration in Berlin (24.2.2025)

Proukrainische Linke fordern zum vierten Jahrestag des Beginns der russischen Invasion einmal mehr »volle Solidarität mit der Ukraine«. In Leipzig organisieren die »Ukrainische Linke Initiative« (ULI) im Bündnis mit dem »Linxxnet«-Büro der sächsischen Landtagsabgeordneten Juliane Nagel von Die Linke und deren AG »Linke Ukraine-Solidarität« unter dem Motto »No Money for Putin! Power to the People!« eine »Zubringerdemo« zur Hauptkundgebung. In Dresden mobilisiert ULI gemeinsam mit der Linksjugend, der Grünen Jugend, den Jusos und Studentenvertretungen. »Durch die mutigen Ukrai­nerinnen und Ukrainer wird auch unsere Sicherheit und Freiheit verteidigt«, heißt es in dem Aufruf, ganz auf Linie der Regierungen in Berlin und Kiew. Gefordert werden neben einem »schnellen EU-Beitritt« der Ukraine härtere Sanktionen gegen Russland sowie die »Identifizierung und Bekämpfung« von »russischen Organisationen/Netzwerken« – während in Bundesrepublik und EU bereits eine Denunziations- und Repressionswelle gegen meist willkürlich als »russische Desinformationsakteure« gebrandmarkte Oppositionelle im Gange ist.

ULI rekrutiert sich maßgeblich aus Mitgliedern der 2015 gegründeten Gruppe »Sozialnij Ruch«. Die antisowjetische Organisation wird seit dem Verbot der kommunistischen Parteien in der Ukraine in der Folge des Maidan-Putschs 2014 vor allem von der Linkspartei und in deren Umfeld als Vertreter »der« ukrainischen Linken gehandelt und von westlichen Institutionen wie der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Nach der Eskalation des Ukraine-Konflikts 2022 monierte der »Sozialnij Ruch«-Vorsitzende, Vitali Dudin, »dass die NATO die Rolle eines passiven Zuschauers in diesem Krieg gespielt« habe und sprach sich gegen eine Demilitarisierung seines Landes aus. Das Gros der »Sozialnij Ruch«-Kader war oder ist bis heute für das Center for Social and Labor Research in Kiew tätig, das Fördermittel von der deutschen Bundesregierung und vom CIA-nahen National Endowment for Democracy erhalten hat. Personell eng verbunden ist »Sozialnij Ruch« auch mit dem Magazin Commons, in dem Bodo Ramelow unlängst für Waffenlieferungen und einen »europäischen Verteidigungspakt« warb. »Wenn wir uns heute Europa vorstellen wollen, müssen wir es aus Warschau oder Vilnius betrachten – oder aus Kiew«, verlangte der Linke-Politiker faktisch nach einer Perspektive noch aggressiverer Konfrontation mit Russland.

Auch ULI, die mit einem bunten Politikangebot aus ukrainischem Nationalismus, Rojava-Solidarität, »antiautoritärer« Ideologie, Proqueer- und Klimapositionen besonders junge Leute anspricht, will die Linkspartei zur endgültigen Abkehr vom antimilitaristischen Kurs bewegen. So kritisierte ULI-Aktivist Olexander Kiselow Die Linke in einem Interview mit der WOZ für ihre Ablehnung der Entsendung von Bundeswehr-Soldaten nach Litauen. Zudem beklagte er eine »Besessenheit« der deutschen Linken vom US-Imperialismus und zeigte Verständnis für den aus »völkerrechtlicher Sicht problematischen« Sturz von Nicolás Maduro – selbstverständlich aus »Empathie« mit den »Venezolaner:innen«.

Die wachsende Zahl von Ukrainern hingegen, die der »Busifizierung« und anderen brutalen Zwangsrekrutierungsmaßnahmen für die Fleischmühlen an der Donbassfront zu entkommen versuchen, ist für ULI, wie für die meisten sich in sicherer Entfernung aufhaltenden »Maidan-Linken«, bestenfalls kein Thema. Bereits ihre Debütveranstaltung im Sommer 2025 widmete ULI lieber der Frage, wie »linke Aktivist*innen« sich auf einen »großen Krieg in Europa vorbereiten« können. Die Antwort lässt sich zumindest erahnen: Als Redner lud ULI Fjodor Ustinow, »Socialnij Ruch«-Genosse und Veteran der »Antiterroroperation« gegen die Bevölkerung in der Ostukraine, die 2014 in den Aufstand gegen die Kiewer Putschregierung getreten war. Ustinow hatte damals in dem wegen Plünderungen und Gewaltdelikten bald wieder aufgelösten Freiwilligenbataillon »Schachtarsk« gekämpft.

Wie an anderen nationalen Gedenktagen marschieren ukrainische und proukrainische Linke auch am 24. Februar auf deutschen Straßen gemeinsam mit Ultrarechten. Seit 2023 wird bei solchen Aufzügen immer wieder dem »Asow«-Neonazimilitär gehuldigt und die »Blut-und-Boden«-Fahne des Bandera-Flügels der Organisation Ukrai­nischer Nationalisten geschwenkt. Allemal wird Endkampfstimmung verbreitet. Die linke »Zubringerdemo« in Leipzig von ULI, »Linxxnet« usw. am kommenden Dienstag etwa führt zu einer Kundgebung eines »Freundeskreises der Ukraine«, der die »Rettung Europas« beschwört vor einem »russischen Faschismus« im »genozidalen Vernichtungskrieg«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Oliver S. aus Hundsbach (23. Februar 2026 um 13:47 Uhr)
    Wenn man sich Die Linke oder linke Bewegungen in Deutschland so ansieht, kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass es sich um Schlapphut-Initiativen handelt bzw. staatstragende Elemente involviert sind. Es gibt kardinale Themen, die man nicht dem Zufall überlassen darf. Es werden Windmühlen erschaffen, die Unruhe und »Selbstklärungsprozesse« erzeugen, somit Energien binden. Bewegungen und Parteien, die sich gegen die Interessen der Bourgeoisie wenden und drohen, einen signifikanten Anteil der Bevölkerung zu mobilisieren, lassen sich am einfachsten von innen schwächen! Der Ukraine-Konflikt ist aktuell das alles bestimmende Thema, weil er eine zentrale Säule des globalen Überlebenskampfes des Imperiums ist und gleichzeitig über das politische Schicksal deutscher »Staatsdiener« entscheidet. Zu erinnern ist an Gregor Gysi, der nach dem Maidan-Putsch noch einprägsam durch den Bundestag krakeelte: »Frau Merkel! Der Vizepremierminister, der Verteidigungsminister, der Landwirtschaftsminister, der Umweltminister, der Generalstaatsanwalt, das sind Faschisten (…)!« Wie positioniert sich Herr Gysi heute, und vor allem: Wo sind die ukrainischen Faschisten geblieben? In Moskau? In Moskau, wo sich gerade der Präsident und sein Außenminister mit Kuba, wo durch die kriminelle US-Blockadepolitik Säuglinge und Greise sterben, solidarisch erklärt haben! Auch die Abspaltung des BSW, in der sich gewichtige Stimmen gegen Waffenlieferungen vernehmen ließen, passt ins Bild. Aufrüstungs- und Kriegsgegner wurden gesammelt und dann seriös, diskret und demokratisch an der 5-%-Hürde entsorgt. Wo sich linke Politik, selbst im lokalen Rahmen, auch nur ganz leicht von der Verwertungslogik/Staatsdoktrin entfernt und praktische Auswirkungen zeitigen könnte, da taucht sie auf, die »regierungsnahe Linke«, die »liberale Linke«, die »Bewegungslinke«! Passend dazu auch das Interview in dieser Ausgabe mit Peter Strathmann auf Seite 2.
  • Leserbrief von B.S. aus Ammerland (21. Februar 2026 um 00:38 Uhr)
    Was so ein »richtiger Linker« ist, der weiß, wo seine politische Heimat ist. Er ist neoliberal, natürlich hat er mit dem heutigen Volk bzw. Pöbel nichts mehr gemein. Sein »politisches Streben« ähnelt dem der Grünen. Und das stimmt überein mit dem Musical »Anatevka« und Shmuel Rodensky, der da singt: »Wenn ich einmal reich wär«! Natürlich wird dies lauthals bestritten und man ist schwer beleidigt, dass das Kapital, in Form der CDU, nichts mit den Linken zu tun haben will. Es sei denn: Auch ein Kanzler braucht mal Hilfe. Mittlerweile rasten einige der Parteigenossen/Innen komplett aus und lassen sich vor den Karren der ukrainischen Faschisten spannen. Dass Die Linke seit geraumer Zeit die Kompassnadel nicht mehr geeicht bekommt, ist kein physisches Problem mehr. Dass irgendwann mal eine Kurskorrektur stattfinden wird, scheint ausgeschlossen zu sein.
  • Leserbrief von Thomas Caden aus Berlin (20. Februar 2026 um 22:57 Uhr)
    Ich bin erneut erschüttert. Immer wieder tauchen in Euren Artikeln und Artikeln von Redakteuren/Journalisten die Begriffe »des russischen Angriffs auf die Ukraine« auf. Wir alle wissen, dass der Krieg gegen die Menschen im Donbas spätestens 2014 begann und 2022 die Verteidigung durch die Russische Föderation mit der »Spezialoperation« eine neue Dimension erreichte. Für echte Sozialisten/Kommunisten verbietet sich der Begriff »Angriff«. Es ist unwürdig und beschämend, solche imperialistischen Begriffe zu benutzen. Ihr solltet dringend Eure Terminologie ändern.
  • Leserbrief von Ralph Wiechert aus Düsseldorf (20. Februar 2026 um 21:24 Uhr)
    Susanne Witt-Stahl oder: Die Welt als Wille und Vorstellung »(…) der 2015 gegründeten Gruppe «Sozialnij Ruch». Die antisowjetische Organisation (…)« Die Sowjetunion gibt es nicht mehr …

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