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Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Aus einer anderen Welt

Mit »Frida« von Annabelle Lopez Ochoa feiert das Ballett Dortmund die Welt von Frida Kahlo
Von Gisela Sonnenburg
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Aura starker Unabhängigkeit: Sae Tamura tanzt Frida

Die Welt ist bunt, aber schmerzhaft. Für Frida Kahlo allemal. Denn die berühmteste kommunistische Malerin aller Zeiten hatte, aufgrund durchlittener Kinderlähmung, ein verkürztes rechtes Bein. Mit 18 Jahren wurde sie Opfer eines Verkehrsunfalls: Eine Straßenbahn fuhr in den Bus, in dem sie saß. Frida wurde von Metall durchbohrt. Schmerzen und Operationen begleiteten sie, und die mexikanischen Trachten trug sie auch deshalb, weil so ihr Stützkorsett weniger auffiel. Mit Blumen im Haarkranz und einem Damenbart, den sie bewusst nicht entfernte, wurde sie mit Selbstporträts zur Ikone eigenwilliger Schönheit. Das Ballett Dortmund widmete ihr mit »Frida« von Annabelle Lopez Ochoa eine stark bejubelte Premiere am vergangenen Freitag.

Ein schwarzer Würfel füllt die Mitte der Bühne. Zwei Skelette tanzen darauf: Tänzer in schwarzer Verhüllung mit aufgemalten Knochen. Der Tod wird in Mexiko gefeiert, nicht gehasst. Frida hat eine besonders innige Beziehung zum Tod, dem sie in jungen Jahren so knapp entkam: Sie tanzt mit den Skeletten, als wären sie beste Freunde. Tatsächlich entdeckte Frida das Malen, als sie nach dem Unfall darniederlag. Ihr Vater, ein deutschstämmiger Fotograf, spannte eine Leinwand übers Bett. Fridas zweites Leben begann: Malen als Therapie.

»Frida« zitiert die expressiven Farben und organischen Motive aus den Gemälden. Die Kostüme von Dieuweke van Reij sind berauschend schön, und die Choreographin Lopez Ochoa lässt die Tanzenden im Sinne von Frida Kahlo eine bodenständige, verständliche Ästhetik zelebrieren. Die in Wien ausgebildete japanische Tänzerin Sae Tamura ist eine liebliche Titelfigur, die eine Aura starker Unabhängigkeit entwickelt.

Der zweite Unfall in ihrem Leben, so Kahlo selbst, sei Diego Rivera gewesen. Auch er war Kommunist und, als er Frida traf, bereits ein bekannter Künstler. Mit Wandgemälden war er Mexikos Liebling geworden, mit Frida traf er auf sein kontrastreiches Pendant. Zwei Mal heirateten sie, wegen Diegos chronischer Untreue waren sie ein Jahr geschieden. Sogar Fridas Schwester Christina verführte der Charmeur, was seine Gattin besonders verletzte.

Mit Blumen bittet er sie um Vergebung – und sie tanzen, um Kraft für die folgende Wegstrecke ihrer Beziehung zu finden. Beide wissen: Diego wird nie monogam. Frida lernte, sich anderswo zu orientieren. Gerade Frauen vertraute sie auch sexuell. In Lopez Ochoas Ballett, 2020 in Amsterdam uraufgeführt, illustriert ein buntes Figural die innere Welt der Frida Kahlo. Ein Reh, fantastisch von der Britin Liberty Fergus vom NRW Juniorballett in schwarzen Spitzenschuhen getanzt, kommt Frida besonders nahe. Das Miteinander der beiden ist so berührend, als werde man Zeuge einer Selbstfindung.

Diego, vom in Monaco ausgebildeten Slowaken Filip Kvačák mutig mit Bauchpolster getanzt, bleibt dennoch Fridas äußerer Bezugspunkt. In ihrer inneren Vorstellung aber, die wir miterleben, indem hier alles tanzt, ist er nicht so wichtig. Da residieren Frauen: wie die »Königin der Blätter«, von der hinreißenden, in Sankt Petersburg ausgebildeten Daria Suzi mit luftigen Sprüngen verkörpert.

Männer in Volantröcken und Fabelwesen mit prächtigem Kopfschmuck zeigen das temperamentvolle, feierfreudige Mexiko. Eine Heerschar von Skeletten steht Frida bei, wenn sie ihre Qualen durchlebt. Außer Eifersucht quälte sie ein unerfüllter Kinderwunsch: Sie hatte Fehlgeburten. Starke Bilder erschafft das Ballett: Frida liegt am Boden, als rote Stricke, Sinnbilder für Nabelschnüre, wie abgeschossene Pfeile herabfallen. Dann wieder tanzen die sonst humoristisch skizzierten Skelette wie machtvolle Schönheiten aus einer anderen Welt.

Frida stirbt, auf Diegos Armen bis zum Schluss Halt findend. Aber ihre Phantasie – von der Japanerin Kasumi Iwata als pinkfarbener Vogel anmutig getanzt – stirbt nie. Die Musik von Peter Salem, mit unkonventionellen Schellen und Sounds bestückt, wird von Olivia Lee-Gundermann mit Zartgefühl statt mit Pathos dirigiert. Ein toller Abend der Frauen: erfrischend bunt, ergreifend traurig.

Nächste Aufführungen: 28.2., 8.3., 14.3.

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