Die 50-Prozent-Lösung
Von Holger Römers
Wenn es um die moralische Richtigkeit des Handelns gehe, bedeute die Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent eine erbärmliche Quote, gibt in »Queen at Sea« die Professorin Amanda zu bedenken. Zuvor hatte ihr Stiefvater Martin behauptet, in der Gerontopsychiatrie gebe es zwei gleich große Lager, die die Frage, ob Sex Demenzkranken Freude bereite oder schade, gegensätzlich beantworteten. Amandas Einwand trifft freilich auch die eigene Absicht, die verwirrte Mutter Leslie zu schützen, indem sie dem halbwegs rüstigen Martin von der Londoner Polizei Keuschheit verordnen lässt.
Dass das eingeleitete Verfahren bald kein Thema mehr ist, mag man dem Drehbuch des US-amerikanischen Filmemachers Lance Hammer ebenso ankreiden wie die forcierte dramatische Zuspitzung, die auf Leslies Unterbringung in einem Altenheim folgt. Da seine Regie und Montage die Erzählperspektive subtil verschieben und einzelne Aspekte – etwa Leslies sexuelle Eigeninitiative – gezielt klarstellen, während sie andere wohl gleichermaßen gezielt unbestimmt lassen, können in Hammers zweitem Spielfilm allerdings komplexe ethische wie auch banale praktische Dilemmata aufscheinen. Dabei wiederholt sich die Plötzlichkeit, mit der Amanda zu Beginn ins Schlafzimmer der Senioren platzt, bei ihrer Unterbrechung eines Tête-à-Tête der jugendlichen Tochter mit einem Mitschüler, was eine fruchtbare Generationenparallele einleitet. Dass das Ergebnis mehr als nur halb gelungen ist, ist ein Befund, der sich auf den bisherigen Wettbewerb übertragen lässt: Die Chancen, einen (insgesamt) guten Film zu sehen, waren besser als 50 Prozent – was gemessen an vergangenen Jahren eine phantastische Quote ist.
Unterm Strich ist auch Kornél Mundruczós elfter Spielfilm positiv zu bewerten: In »At the Sea« kehrt eine ehemalige Tänzerin aus einer Entzugsklinik heim und bietet Ehemann und Kindern ebenso Grund zur Sorge wie dem befreundeten PR-Mann und dem Hauptsponsor der von ihr geleiteten Tanztruppe. Vor dem spätsommerlichen Hintergrund des noblen Seebads Cape Cod setzen die Dialoge der Drehbuchautorin Kata Wéber dramatische Akzente, sobald das Thema Sucht zur Sprache kommt, wohingegen eine Tischrede, bei der vier Figuren das Wort ergreifen und einander abschneiden, herrliche Komik liefert. Suggestive Rückblenden deuten derweil vage das Trauma an, das ein Unfall und ein manischer Vater, der die kriselnde Kompanie geprägt haben, bei der Protagonistin verursacht haben. Dass deren emotionales, finanzielles und künstlerisches Durcheinander allenfalls vordergründig aufzulösen ist, scheint indes just der Punkt zu sein, den Mundruczós mäandernde Narration machen möchte.
Von Angela Schanelec würde ohnehin niemand einen Plot erwarten, an dessen Schluss etwas geklärt wäre. Die Hauptfiguren von »Meine Frau weint« sind auf einer Berliner Baustelle angestellt oder mit Bauarbeitern liiert, aber deren Arbeit bleibt in kurzen Totalen, die sichtlich durch Fensterscheiben gefilmt wurden, buchstäblich außen vor. Den dramatischsten Teil der Handlung bekommen wir wiederum nur zu hören, wenn die Titelfigur (deren Tränen gleichermaßen unsichtbar bleiben) ihrem Freund von einem Beinaheseitensprung berichtet. Dabei unterstreicht die unüberhörbare Tatsache, dass beide Darsteller keine deutschen Muttersprachler sind, das Gewicht der um so bewusster ausgesprochenen Worte – was Kommunikation zum eigentlichen Thema dieses Films macht und eine wortlose Tanzszene ganz eigene Bedeutung gewinnen lässt. So hat denn auch der scheinbar willkürliche Wechsel der filmischen Form – statische Einstellungen oder langsame Fahrtaufnahmen; ungeschnitten oder die Konvention von Schuss/Gegenschuss unkonventionell variierend – den Effekt, das Gesagte aufzuwerten. Dass sich die Zu- und Abnahme des natürlichen Lichts im Lauf dreier Handlungstage in den 35mm-Bildern von Kameramann Marius Panduru niederschlägt, verleiht dem traumhaft elliptischen Erzählen unterdessen einen natürlichen Rhythmus.
Im Schatten vergangener Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte liegt schließlich »Etwas ganz Besonderes«. Die Eltern der jugendlichen Protagonistin Lea sortieren die Scherben einer Ehe, während in dem von den Großeltern betriebenen Waldhotel die Zeit in den 1980ern stehengeblieben ist, wie eine späte Montagesequenz stimmungsvoll vor Augen führt. Als Direktorin eines Museums am Handlungsort Greiz will Leas Tante wiederum barocke Bausubstanz mit DDR-Geschichte »verweben«, was die Oma bei einer Eröffnungsfeier entgeistert fragen lässt, ob das die Sanierungskosten wert sei. Offenbar für denselben Anlass proben Schüler derweil Heines »Weberlied«, was kollektive Kämpfe in Erinnerung ruft, denen aktuell jede Perspektive verbaut scheint. In jedem Fall verweist der Titel, den die Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Trobisch für ihren dritten Spielfilm gewählt hat, auf die neoliberale Individualisierung, die ihre Hauptfigur zur Teilnahme an einer Castingshow verleitet. Die Kritik, die die Mutter an solchen TV-Formaten übt, bekommen wir indes nur als Paraphrase von Leas jüngerem Bruder zu hören. Ihre grundsätzliche Richtigkeit büßt sie jedoch nicht einmal in dessen infantilen Worten ein.
»At the Sea«, Regie: Kornél Mundruczó, USA/Ungarn 2026, 121 Min, Wettbewerb, 20., 22.2.
»Etwas ganz Besonderes«, Regie: Eva Trobisch, BRD 2026, 116 Min., Wbw., 20., 21.2.
»Meine Frau weint«, Regie: Angela Schanelec, BRD/Frankreich 2026, 93.Min., Wbw., 21., 22.2.
»Queen at Sea«, Regie: Lance Hammer, UK/USA 2026, 121 Min., Wbw., 21.2.
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