Deutsche Dominanz
Von Jörg Kronauer
Ein Gespenst geht wieder einmal um in Europa. Diesmal aber ist es ein ganz anderes als damals vor fast 180 Jahren. Heute ist es das Gespenst des deutschen Militarismus, der deutschen Dominanz. Wenn er sich mit Kontaktpersonen in Paris, in Warschau austausche, berichtete kürzlich der altgediente Diplomat Wolfgang Ischinger, dann spüre er, wie eine alte Sorge neu auftauche – die Sorge vor deutscher Vorherrschaft. Als Ischinger darüber in einem Interview mit der Welt am Sonntag sprach, war soeben ein Beitrag in Foreign Affairs erschienen, der führenden Zeitschrift der US-Außenpolitik. Die Autorin warnte, die Bundesrepublik sei gerade dabei, »Europas nächster Hegemon« zu werden. Am Dienstag legte die konservative französische Tageszeitung Le Figaro nach und fragte: »Muss man sich über die Aufrüstung Deutschlands Sorgen machen?« Ihre Antwort lautete trocken: »Ja.«
Was westlich des Rheins und östlich der Oder zunehmend Sorgen hervorruft, das ist schon seit dem Sommer vergangenen Jahres absehbar. Damals entschied die Bundesregierung, auf Teufel komm raus aufzurüsten und dazu Kredite in satter dreistelliger Milliardenhöhe aufzunehmen. Klar war: Frankreich, bis dahin in Sachen Rüstung und Militär Deutschland noch überlegen und damit fähig, die ökonomische Übermacht der Bundesrepublik in der EU teilweise auszugleichen, dürfte kaum mithalten können. Allzu sehr verschuldet steht dem Land der deutsche Weg – exzessive Kredite zur Beschaffung beispielloser Mengen an Waffen – nicht offen. Berlin dürfte daher, ab 2029 mit 150 Milliarden Euro im Jahr doppelt so viel Geld wie Paris in sein Militär steckend, nun auch in der Rüstung zur Nummer eins in Europa aufsteigen, die Bundeswehr früher oder später zur konventionell stärksten Streitmacht des Kontinents werden, die deutsche Dominanz in Europa total machen.
Wird sie das? Bundeskanzler Friedrich Merz suchte auf der Münchner Sicherheitskonferenz abzuwiegeln, äußerte zur künftigen deutschen Rolle in Europa: »Partnerschaftliche Führung: Ja. Hegemoniale Phantasien: Nein.« Aber das heißt ja nur, dass Berlin tatsächlich die unumstrittene Führungsmacht des Kontinents sein will, die ihre an frühere Zeiten erinnernde Dominanz, weil sie Widerstand hervorzurufen droht, mit schönen Worten aus dem Feld des Familienlebens – Partnerschaft – zu verschleiern sucht. Man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Das Deutschland, das sich zur Führungsmacht Europas aufschwingt, ist eines, das brachial auf Hochrüstung setzt, eines, das erneut mit seinen Truppen im Osten aufmarschiert, das sich auch im Innern rasch militarisiert, Proteste dagegen im Zweifelsfall niederknüppelt und Widerstand mit Personensanktionen ausschaltet, die alle, die davon getroffen werden, zu Aussätzigen erklärt; ihnen ist das blanke Überleben nur per Ausnahmegenehmigung gestattet – als Gnadenakt. Das Deutschland, das da zutage tritt, ist ganz das alte. Das gilt auch für die künftige deutsche Dominanz über den Kontinent.
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Gerd Hansen aus Padborg (19. Februar 2026 um 12:01 Uhr)Es ist ja nicht nur die Frage, ob Frankreich und die anderen westlichen und östlichen Nachbarn Angst haben müssen, direkt von der BRD angegriffen zu werden: Wenn Merz Rußland überfallen läßt, werden die Massaker, Zerstörungen und Vernichtungen ja nicht am Ku'damm stattfinden, sondern u.a. in Polen, der Slowakei und Litauen. Dort - und nicht etwa im Tiergarten - wird es auch die Massengräber geben. All die Millionen Menschen dort werden zusammen mit deutschen Soldaten für den Wahn der Bundesregierung sterben.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (20. Februar 2026 um 17:38 Uhr)Angesichts der russischen Militärdoktrin und des russischen Militärpotentials (die mit Kernwaffen bestückbaren Spielverderber »Kinschal« reichen z.B. bis Ramstein) gehe ich davon aus, dass »die Massaker, Zerstörungen und Vernichtungen« auch am Ku’damm stattfinden können. Merz müsste schon mit einem vollständig erfolgreichen Enthauptungsschlag die Zweitschlagfähigkeit Russlands zerstören.
-
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (18. Februar 2026 um 09:52 Uhr)Militärische Stärke entsteht nicht allein durch Milliardenbeträge, sondern durch Menschen, die sie verkörpern. Solange es Deutschland an ausreichend qualifiziertem und entschlossenem Personal fehlt und zugleich die Rückendeckung gegenüber der politischen Führung begrenzt bleibt, wirkt eine expansive Aufrüstung eher wie ein Vorhaben mit unsicherem Fundament.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in André Möller aus Berlin (18. Februar 2026 um 09:00 Uhr)Sorgen sollte einem das alles schon machen. Aber aus aktueller Perspektive kann man das neue deutsche Gebaren nicht mit dem preußisch/deutschen Militarismus ab der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. vergleichen, der tatsächlich stark und extrem durchsetzungsfähig war auf Grund politischer, technischer und damit wirtschaftlicher Stärke. Davon ist die BRD meilenweit entfernt. Der politische Wasserkopf mag viel wollen, aber was das Ergebnis sein wird, ist mindestens zweifelhaft. Mit Geld (Schulden) kann man kein einsatzfähiges Militär kaufen, um damit wirksam Machtprojektion zu betreiben. Dazu brauchts in erster Linie fähige Leute - und die gibts nicht, und wirds aus meiner Sicht auch nicht geben (weder politisch noch militärisch). Bestenfalls kommt so was wie Deutsche Bahn dabei heraus. Wie gesagt, es fehlt die politisch/wirtschaftliche Synthese einer herrschenden Klasse. Und das sieht man in Paris oder Warschau auch, ebenso wie in Washington oder Moskau resp. Peking...
Regio:
Mehr aus: Ansichten
-
Aus schwacher Position
vom 18.02.2026 -
Neue deutsche Macht
vom 18.02.2026 -
Pingpongpartner des Tages: SPD und CDU
vom 18.02.2026
