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Aus: Ausgabe vom 18.02.2026, Seite 1 / Ansichten

Aus schwacher Position

Russland droht mit Kriegsmarineeinsatz
Von Reinhard Lauterbach
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Die Marine ist nach wie vor eine Achillesferse des russischen Militärs (Baltijsk, 30.7.2023)

Nikolai Patruschew, Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates und des ihm angegliederten »Marinekollegiums«, hat Staaten des Westens mit einem Einsatz der russischen Marine zum Schutz des eigenen Exports über See gedroht. Die russische Flotte sei und bleibe der zuverlässigste Schutz des russischen Außenhandels, so Patruschew am Mittwoch gegenüber dem russischen Portal Argumenty i Fakty. Wenn sie den westlichen »Seeräubern« nicht eine harte und klare Antwort erteile, drohe die Gefahr, dass »Engländer, Franzosen und sogar Balten« demnächst »so unverschämt würden, dass sie russischen Schiffen den Zugang zumindest zum Atlantischen Ozean und seinen Nebenmeeren zu verwehren versuchen« könnten. Aber auch Russland könne sich ja einmal dafür »interessieren«, was Schiffe unter EU-Flaggen so alles über die Weltmeere transportierten.

Das politisch Brisante ist, dass Patruschew hier auch einen präventiven Einsatz der russischen Marine zumindest sprachlich nicht ausschloss: Die entsprechenden Verben standen im Futur. Die Kehrseite ist, dass auch Moskau die geographische Lage berücksichtigen muss: Russland ist nun einmal eine Landmacht, die zwar einen halben Kontinent umfasst, aber deren Zugang zu den Weltmeeren zumindest in Europa prekär ist. Das war vor 300 Jahren schon der Grund, warum das Zarenreich unter Peter »dem Großen« nach Westen zur Ostsee expandierte, und auch der, warum die Sowjetunion sich 1939 im Nichtangriffspakt mit Nazideutschland die Hegemonie über das Baltikum zusichern ließ – die Karte wurde dann 1940 mit der Besetzung der drei baltischen Staaten gezogen. Alle diese Eroberungen sind 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion hinfällig geworden.

Gleichzeitig bleibt Russland vom Export vieler seiner Rohstoffe über See abhängig. Patruschew nannte die Fähigkeit, »Öl, Getreide und Dünger« zu exportieren, Teil der »normalen Lebensaktivität« des russischen Staates. Das ist schon keine Geographie mehr, das ist die Folge einer politischen Entscheidung: sich vom Weltmarkt abhängig zu machen. Vieles spricht trotzdem dafür, dass sich Russland auf einen Seekrieg mit der NATO kaum einlassen wird. Patruschew sprach von einer »ziemlich angespannten Situation« bei der russischen Flotte. Das schon im sogenannten Frieden. Im Krieg wäre das nicht besser.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas Scharmann aus Berlin (18. Februar 2026 um 15:03 Uhr)
    Es gibt also Land-, See-, Luft- und ABC-Mächte, die sich auf verschiedenen Niveauebenen bedrohen werden? Wer schließt daraus, dass die Nebenmeere von einer dieser Mächte aufgegeben werden? Wenn im Bundeskanzleramt in Mode kommt, aus dem NATO-Pakt den Sieben-Weltmeere-Verteidigungsorganisationspakt werden zu lassen, der sich bis Taiwan, Tuwalu und Takkatukkaland in Aktion setzen wird, kommt es genau dazu. Ich war dreizehn, als ich begriffen habe, dass die elfte Feuerbachthese nicht greift.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (18. Februar 2026 um 10:12 Uhr)
    Der Titel »Aus schwacher Position« verharmlost die strategische Realität und vermittelt ein gefährlich vereinfachtes Bild. Dass Patruschew von einer »ziemlich angespannten Situation« der russischen Flotte spricht, bedeutet keineswegs, dass Russland auf See ignoriert werden könnte oder militärisch kaum handlungsfähig wäre. Auch eine Flotte, die nicht zu den stärksten der Welt zählt, bleibt Teil der Streitkräfte einer nuklear bewaffneten Großmacht. Wer glaubt, ein russisches Kriegsschiff gefahrlos angreifen oder versenken zu können, verkennt die Logik militärischer Abschreckung. Russland verfügt über zahlreiche Möglichkeiten zur Vergeltung – durch seine Marine, seine U-Boot-Flotte oder auch durch landgestützte Waffensysteme mit großer Reichweite. Gerade deshalb wäre jede direkte Konfrontation mit russischen Militärschiffen in internationalen Gewässern keine taktische Randentscheidung, sondern ein Schritt mit potenziell katastrophalen Folgen. Eine solche Eskalation könnte sehr schnell außer Kontrolle geraten und einen großflächigen Krieg nach sich ziehen. Wer die Lage seriös analysieren will, darf sich nicht von der vermeintlichen Schwäche der russischen Flotte täuschen lassen. Entscheidend ist nicht nur ihre relative Stärke, sondern das enorme Eskalationspotenzial, das hinter ihr steht. Strategische Realität verlangt Nüchternheit – nicht beruhigende Schlagzeilen, die ein falsches Gefühl von Sicherheit erzeugen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André Möller aus Berlin (18. Februar 2026 um 08:41 Uhr)
    Der Artikel kommt zu einem weitgehend richtigen Ergebnis, mir fehlt dabei aber die Faktenbasis: u.a. die Anzahl der aktiven Einheiten der Flotten und die Bedeutung der strategischen U-Bootflotte. Den Marinen der europäischen NATO-Länder geht es übrigens nicht viel anders, auch sie haben krasse Mängel zu verwalten. Nebenbei: Das Foto zeigt einen U-Boot-Jäger (UAW-Schiff Projekt 133.1-M), der aus der »Parchim«-Klasse der Volksmarine der NVA entwickelt wurde und auf der Peene-Werft in Wolgast zwischen 1985 und 1990 für die sowjetische Seekriegsflotte hergestellt wurde. Bei der Baltischen Flotte stehen sie auch noch im Dienst.
  • Leserbrief von Franz (17. Februar 2026 um 21:42 Uhr)
    Was für ein Blödsinn, habt ihr das mit dem Nichtangriffsvertrag aus der Bildzeitung? Erst mal war es der letzte der Pakte Hitlers, die ersten wurden mit England Frankreich Polen Italien Dänemark Vatikan abgeschlossen. Die baltischen Staaten stimmten per Volksentscheid mit überwältigender Mehrheit und hoher Wahlbeteiligung für den Schutz durch die Sowjetunion um gegen die Drohungen Nazideutschlands sicher zu sein. Stalin erreicht mit diesem Vertrag die Spaltung der Westmächte und schaffte Zeit Industrie Richtung Ural zu verlagern und neu aufzubauen. Ebenso brauchte die Sowjetunion im Westen Sicherheit um in der Mongolei genug Soldaten zu haben um die Japaner in der Schlacht von Chalkin Gol endgültig zu besiegen. Aber ihr stellt euch ahnungslos und wollte eine linke Zeitung sein..
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich Hopfmüller aus Stadum (17. Februar 2026 um 20:57 Uhr)
    Wie gross war die Entscheidungsfreiheit der RF, sich vom Weltmarkt abhängig oder nicht abhängig zu machen? Offensichtlich hatte selbst noch Putin große Illusionen hinsichtlich der Werthaltigkeit des Wertewestens. In dem einen oder anderen Leserbrief zur Situation in Kuba wurde gefordert, sich mit fehlerhaften Entscheidungen in der Vergangenheit zu beschäftigen. Im Zusammenhang mit der heutigen RF kann man wahrscheinlich historische Verflechtungen finden, die weit (80, 100 Jahre?) in die Vergangenheit reichen. Für einen Besserwessi wie mich wäre es sehr erhellend, diesen Zeitabschnitt aus den Strukturmustern seiner Zeit materialistisch zu erklärt zu bekommen. Als im Elfenbeinturm sitzendes Individuum tut man sich damit verdammt schwer.

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