Aus schwacher Position
Von Reinhard Lauterbach
Nikolai Patruschew, Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates und des ihm angegliederten »Marinekollegiums«, hat Staaten des Westens mit einem Einsatz der russischen Marine zum Schutz des eigenen Exports über See gedroht. Die russische Flotte sei und bleibe der zuverlässigste Schutz des russischen Außenhandels, so Patruschew am Mittwoch gegenüber dem russischen Portal Argumenty i Fakty. Wenn sie den westlichen »Seeräubern« nicht eine harte und klare Antwort erteile, drohe die Gefahr, dass »Engländer, Franzosen und sogar Balten« demnächst »so unverschämt würden, dass sie russischen Schiffen den Zugang zumindest zum Atlantischen Ozean und seinen Nebenmeeren zu verwehren versuchen« könnten. Aber auch Russland könne sich ja einmal dafür »interessieren«, was Schiffe unter EU-Flaggen so alles über die Weltmeere transportierten.
Das politisch Brisante ist, dass Patruschew hier auch einen präventiven Einsatz der russischen Marine zumindest sprachlich nicht ausschloss: Die entsprechenden Verben standen im Futur. Die Kehrseite ist, dass auch Moskau die geographische Lage berücksichtigen muss: Russland ist nun einmal eine Landmacht, die zwar einen halben Kontinent umfasst, aber deren Zugang zu den Weltmeeren zumindest in Europa prekär ist. Das war vor 300 Jahren schon der Grund, warum das Zarenreich unter Peter »dem Großen« nach Westen zur Ostsee expandierte, und auch der, warum die Sowjetunion sich 1939 im Nichtangriffspakt mit Nazideutschland die Hegemonie über das Baltikum zusichern ließ – die Karte wurde dann 1940 mit der Besetzung der drei baltischen Staaten gezogen. Alle diese Eroberungen sind 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion hinfällig geworden.
Gleichzeitig bleibt Russland vom Export vieler seiner Rohstoffe über See abhängig. Patruschew nannte die Fähigkeit, »Öl, Getreide und Dünger« zu exportieren, Teil der »normalen Lebensaktivität« des russischen Staates. Das ist schon keine Geographie mehr, das ist die Folge einer politischen Entscheidung: sich vom Weltmarkt abhängig zu machen. Vieles spricht trotzdem dafür, dass sich Russland auf einen Seekrieg mit der NATO kaum einlassen wird. Patruschew sprach von einer »ziemlich angespannten Situation« bei der russischen Flotte. Das schon im sogenannten Frieden. Im Krieg wäre das nicht besser.
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