US-Handstreich in Ölsektor
Von Volker Hermsdorf
Nach der Verschleppung von Präsident Nicolás Maduro durch US-Truppen haben die USA neue Regeln für die – nun von ihnen kontrollierte – Öl- und Gasförderung in Venezuela erlassen, die Transaktionen mit russischen und chinesischen Firmen ausschließen. Washington wolle damit russische Unternehmen mit »unlauteren Praktiken« aus dem Land drängen, klagte Botschafter Sergej Melik-Bagdasarow am Sonnabend. Russland drohen nun erhebliche wirtschaftliche Verluste durch gefährdete Ölprojekte, ausfallende Schuldenrückzahlungen und mögliche Abschreibungen bei Waffen- und Energiekrediten. Gleichzeitig sehen Analysten aber auch eine Chance: Falls venezolanische Ölexporte nach China reduziert werden, könnte Russland diese Lücke nutzen, um mehr eigenes Öl nach Beijing zu liefern und die energiepolitische Kooperation zu stärken.
Seit der US-Militäroperation vom 3. Januar erweitert Washington zunehmend seinen Einfluss auf den venezolanischen Ölsektor. Das US-Finanzministerium hat mehrere Generallizenzen erlassen, die US- und andere westliche Energieunternehmen wie Chevron, BP, Shell, Eni oder Repsol erlauben, wieder in Venezuela zu operieren und Investitionsverträge mit dem staatlichen Ölkonzern PDVSA auszuhandeln – allerdings mit nicht unerheblichen Auflagen. Die Vorgaben aus Washington verbieten ausdrücklich, mit Firmen oder Personen aus Russland, China, Iran, Nordkorea oder Kuba Geschäfte zu machen oder Joint Ventures einzugehen. Zudem sind auch Lieferungen bestimmter Hilfsstoffe oder alternative Zahlungsformen wie Gold, Kryptowährungen oder Schuldentausch untersagt. Die US-Vorgaben zur Organisation des venezolanischen Energiemarktes werden so zur geopolitischen Kampfansage.
Es handele sich um unlautere wirtschaftliche Beschränkungen und extraterritoriale Sanktionen, die aus russischer Sicht gegen internationales Recht verstoßen, kritisierte der russische Botschafter in Caracas. Auch die Regierung in Moskau zeigte sich alarmiert: Außenminister Sergej Lawrow sprach von einer offenen Diskriminierung Russlands und anderer Staaten im venezolanischen Ölgeschäft und betonte, dass die neuen US-Regeln darauf abzielten, russische Unternehmen vom Markt zu verdrängen und Raum für Akteure unter US-Kontrolle zu schaffen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow kündigte an, man werde die Kommunikationskanäle mit Washington nutzen, um diese Entwicklungen zu thematisieren und auf die Interessen russischer Investitionen und langfristiger Projekte in Venezuela hinzuweisen.
Für Russland geht es um beträchtliche Werte. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters beliefen sich Kredite und Investitionen in Venezuela seit 2006 auf rund 17 Milliarden US-Dollar. Der Thinktank-Analyst Stephen Sestanovich vom Council on Foreign Relations malt ein düsteres Bild: »Russische Investitionen in Venezuelas Ölindustrie aus den vergangenen zwanzig Jahren müssen nun abgeschrieben werden«, zitiert ihn das Branchenportal Business Insider. Der staatliche Ölkonzern Roszarubezhneft, der Anteile an fünf Joint Ventures mit der venezolanischen PDVSA hält, betont zwar, dass alle Vermögenswerte »Eigentum des russischen Staates« seien – ob dieser Besitzstand verteidigt werden kann, ist angesichts der Machtverhältnisse jedoch ungewiss. Kredite für Waffenkäufe, darunter drei Milliarden US-Dollar aus einem Darlehen von 2011, sind ebenfalls gefährdet, wenn Caracas die Schulden nicht begleicht – die Rückzahlung wurde bereits mehrfach verschoben, zuletzt bis 2027.
Andererseits spielte Venezuela wirtschaftlich für Russland kaum eine Rolle. Der Warenaustausch lag 2024 bei 200 Millionen US-Dollar und damit deutlich niedriger als mit Argentinien und um ein Vielfaches unter dem Handel mit Brasilien. Die britische Analyseplattform Janes weist darauf hin, dass die direkten finanziellen Auswirkungen auf Russland möglicherweise begrenzt sind, da das Ziel der russischen Präsenz in Venezuela eher politisch als gewinnorientiert war.
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