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Aus: Ausgabe vom 19.02.2026, Seite 12 / Thema
Hans Grundig

Kunst für uns

Zum 125. Geburtstag von Hans Grundig. Eine Übersicht zu einigen aktuellen Ausstellungen
Von Iris Berndt
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Sie hören nicht – sie sehen nicht, Radierung von Hans Grundig, 25 x 33 cm, 1936 (Privatarchiv Maria Heiner, Dresden)

»Die Kunst der Grundigs ist mir zu düster.« Zwar hat »die Schönheit des Hässlichen« längst Einzug gehalten in geistigen Haushalten, aber ein Satz wie dieser scheint in behaglichen deutschen Stuben unausrottbar. Er ist Ausdruck der Sehnsucht nach dem Schönen – und zugleich der Wunsch nach einer Wohnzimmerschönheit, der die Wirklichkeit da draußen doch bitte folgen soll. Leider irren die, die meinen, sie könnten so durchkommen.

Der 125. Geburtstag Hans Grundigs ist nicht nur Anlass zum Erinnern, sondern vor allem zur aktiven Auseinandersetzung mit solcher immer wieder anzutreffenden Meinung. Um der Sache auf den Grund zu gehen, nehme man sich am besten Grundigs Lebenserinnerungen »Zwischen Karneval und Aschermittwoch« und Lea Grundigs Erinnerungen »Gesichte und Geschichte«, ab 1958 mehrfach aufgelegt, wieder vor. Das sind authentische Texte voller Warmherzigkeit für einfache und gute Menschen. Bei Hans Grundig ist es zudem auch ein durchaus selbstkritischer Blick auf Jugendtorheiten und Irrtümer. In diesen Büchern lohnt zu lesen, um zu verstehen, dass es bis zum Eintritt beider in die Kommunistische Partei im Jahr 1926 ein langer Weg war und wie es um die Düsternis tatsächlich bestellt ist.

Der beschwerliche eigene Weg

Hans Grundig wurde am 19. Februar 1901 als der älteste von vier Söhnen eines Dekorationsmalers geboren. Er galt als Träumer, den der Vater, bei dem er lernte, oft ermahnen musste. 1920 wechselte er an die Dresdener Kunstgewerbeschule, 1922 an die dortige Kunstakademie, wo ihn vor allem Otto Dix beeindruckte. Es waren Jahre der Inflation und des Hungers. Hans Grundig hatte 1923 den Faschismus in Italien erlebt, hatte die Abscheu der armen Leute vor der Mussolini-hörigen Oberschicht kennengelernt und die Solidarität, die ihm ein Rom-Erlebnis trotz fehlender Barschaft ermöglichte. Seitdem wusste er, wenn es um Beherrschte und Herrscher ging, wohin er gehörte.

Künstlerisch fand er in der linken ASSO-Gruppe um Otto Griebel, Wilhelm Lachnit oder Eugen Hoffmann eine Heimat. Dabei ist seine Kunst ebenso wie die Lea Grundigs weder im Im- noch im Expressionismus beheimatet. Verismus wurde sie genannt – auf die Wahrheit gerichtet.

Bald gelangen Hans Grundig erste Verkäufe seiner Bilder. Sogar der mit 1.000 Reichsmark dotierte Hermann-Ilgen-Preis wurde ihm verliehen – und der half beim Weitermachen.

Eine Episode aus der zweite Hälfte der 1920er Jahre ist typisch für Grundig: Als er erste Erfolge hatte, wurde er höflich ins Kulturministerium bestellt und gefragt, ob er nicht schöne Parklandschaften und »statt der Proletarier nicht kultivierte, gepflegte Menschen« malen könne. Grundigs Antwort: »Gewiss, freilich würde ich viel lieber die schönen und heiteren Seiten des Lebens malen, das könne er mir glauben. Doch leider hätte ich bisher in meinem Leben von jener Seite wenig gesehen, dafür aber auf Schritt und Tritt überall unverschuldetes Elend, wohin ich auch käme. Jedenfalls sei ich der Meinung, dass man das ändern müsse, wenn ich mir auch nicht einbildete, ich könne das als Künstler allein. Aber etwas trage auch meine Arbeit dazu bei, manchen Menschen zum Nachdenken zu bringen. Alles andere sei für mich Lüge.«

1926 hatte er Lina Lea Langer kennengelernt, Tochter einer begüterten jüdisch-orthodoxen Kaufmannsfamilie, also aus ganz anderen Kreisen. Und fünf Jahre jünger. Auch sie war von der Kunstgewerbeschule an die Akademie gewechselt. Ihr Mitgefühl, obwohl aus dem Bürgertum stammend, ist ergreifend. Ihre Liebe zum Menschengesicht nannte sie »unstillbar«. Tatsächlich ist Lea Grundig als Porträtistin bis heute noch immer zu wenig gewürdigt worden.

Lea trat 1926 mit Hans in eine KPD-Studentengruppe ein. Es gab elterlichen Widerstand gegen die Beziehung zu Hans. Der Vater schickte die noch Minderjährigen gar in eine psychiatriche Klinik. Dort aber lernte sie von Erich Fromm, dem Ehemann der Klinikleiterin, den fundamentalen Unterschied zwischen »Haben« und »Sein«.

Es waren schwierige Zeiten. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1927 musste Hans als Ältester die Mutter und die Geschwister zwei Jahre lang mit Tapezieren und Streichen durchbringen. Lea half als seine Gesellin. Im Jahr darauf heirateten sie.

1938 verstummte ihre Kunst. Beide wurden verhaftet, kamen kurzzeitig wieder frei, wurden erneut verhaftet. Es grenzt an ein Wunder, dass Hans Grundig als politischer Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen überlebte. 1944 meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht und lief bei der ersten sich bietenden Möglichkeit zur Roten Armee über. Krank kam er aus Moskau nach Dresden zurück, wo er 1946 an die Dresdner Kunsthochschule berufen wurde. Schon am 11. September 1958 starb er an Tuberkulose, einer Spätfolge der Haft.

Lea Grundig war 1938 nicht ins Konzentrationslager Ravensbrück überstellt, sondern überraschend freigekauft worden. Über die Slowakei und Rumänien gelang ihr die Flucht nach Palästina. 1949 kehrte sie zurück. Elf Jahre hatte sich das Paar nach der Zwangstrennung nicht mehr gesehen, nichts voneinander gewusst. Lea Grundig wurde an die Dresdner Hochschule berufen, übernahm politische Ämter in der DDR, wurde Mitglied der Akademie der Künste und 1964 Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler in der DDR. Hochgeehrt, unter anderem mit dem Nationalpreis I. Klasse, starb sie 1977 während einer Mittelmeerreise.

Eine Ausstellung im vergangenen Jahr im Stadtmuseum Eberswalde »Ellen Auerbach und Lea Grundig – zwei Künstlerinnen in Palästina« und ein Begleitbuch mit Beiträgen israelischer und deutscher Wissenschaftler erhellte erstmals Grundigs Jahre in Palästina. Jetzt wissen wir, wie schwer Grundig der Abschied gefallen ist, den sie nur für den schwerkranken Hans in Kauf nahm.

Die noch unpublizierten Dokumente aus dem Leben dieser zwei Menschen, die etwa 700 Briefe von Hans und Lea Grundig, die im Archiv der Akademie der Künste lagern, werden weiteren Aufschluss über ihre schwierigen Lebensbedingungen bringen. Kathleen Krenzlin-Böttcher, die 20 Jahre lang bis 2023 die Galerie Parterre in Berlin aufgebaut hat, hat sich der Aufgabe verschrieben. Ein erster Werkstattbericht erschien bereits 2022.

Die Kunst von Hans und Lea Grundig braucht Vergleiche mit der etwa von Käthe Kollwitz nicht zu scheuen, ja sie übertrifft sie mitunter an Schärfe und Prägnanz. Die Bedeutung dieser Kunst wird noch wachsen. Ungeachtet aller papiernen Gutachten, wie sie im Frühjahr 2024 verfasst wurden, um die Umbenennung einer Straße in Dresden nach Lea Grundig zu verhindern.

In Potsdam

Auf den Fluren des Brandenburger Landtags sind seit dem 7. Oktober 2025 und noch bis 31. Mai 2026 Zeichnungen von Lea und Radierungen von Hans Grundig zu sehen. Der Ausstellungstitel ist aktueller denn je: »Krieg und Frieden«. Eine Radierung Hans Grundigs von 1935 liefert das aufrüttelnde Titelbild. Sie zeigt drastisch, welche Folgen das Wegducken und Augenschließen haben kann: Zwei Esel bäumen sich gegeneinander auf. Es sind zwei abgemagerte Tiere, die ihre Stirnen wie blind aneinander reiben. Der eine mit geschlossenen Augen trägt einen Maulkorb, ist also stumm. Das andere Tier mit einem Tuch über den Augen ist blind.

Diese Blätter hatten 1935 keinen Marktwert. Nur einzelne Freunde kannten sie. Sie entstanden zwischen 1933 und 1938 in Dresden, unter Bedingungen, an die erinnert werden muss. Ohne Verdienstmöglichkeiten, mit einem Ausstellungsverbot belegt, saßen Lea und Hans Grundig in ihrer winzigen Wohnung. Jeder Gang nach draußen war ein Gang voller Angst. Aber gerade dadurch nahmen sie schmerzhaft wahr, wie die Menschen ihren Alltag sorglos und blind weiterlebten – trotz des offensichtlichen Unrechts um sie herum. Für Malerei reichte die Kraft nicht. Eine kleine Druckpresse besaßen sie. Es war ein gemeinsames Aufbäumen, ein Nicht-aufgeben-Wollen. Erst in der DDR-Zeit, als Lea und Hans Grundig wieder vereint waren und ihre Werke ausstellten, gaben sie auch diesem Blatt einen erklärenden Titel: »Sie hören nicht – sie sehen nicht«.

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Hans und Lea Grundig (Anfang der 1950er Jahre)

Neben bekannten Druckgrafiken wie der von Hans Grundig gestalteten Folge »Tiere und Menschen«, bei der die Hunde, Schweine, die geliebten Pferde und die Esel für menschliche Charaktere stehen – darunter auch das abgebildete Blatt – sind auch Zeichnungen von Lea Grundig aus der Zeit nach ihrer Rückkehr aus dem Exil aus der Sammlung des Petrolchemischen Kombinats Schwedt im Landtag von Brandenburg ausgestellt.

Als die Schau im Brandenburger Landtag am 7. Oktober 2025 eröffnet wurde, war die öffentliche Aufmerksamkeit völlig auf den russischen Botschafter gerichtet, der ebenso wie sein Kollege aus der belorussischen Vertretung der Einladung der veranstaltenden BSW-Fraktion im Landtag gefolgt war. Es hätte Hans und Lea Grundig gefallen, dass ihre Kunst für einen Dialog genutzt wurde. Und es war mehr als dies: Bei der Podiumsdiskussion mit den Schriftstellern Daniela Dahn und Torsten Harmsen sowie dem ehemaligen Intendanten der Uckermärkischen Bühnen Schwedt, Reinhard Simon, wurde über die Kraft von Kunst in schwierigen Zeiten debattiert. Am Ende gab es sogar ein gemeinsames Absingen der Brechtschen Kinderhymne: »Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Dass ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land.«

In St. Petersburg

Eine Begegnung mit den Grundigs ist überraschend auch in St. Petersburg in der Eremitage möglich. Gleich fünf Gemälde Hans Grundigs sind Teil der Dauerausstellung. Sie befinden sich in einem Raum mit Hans Voglers »Hamburger Werftarbeiter«. Das größte Gemälde Hans Grundigs in diesem Raum ist zugleich wohl eines seiner letzten aus dem Todesjahr 1958. Es ist in der rechten Bildecke unvollendet und trägt den Titel »Kampf dem Atomtod«. Ein leuchtend weiß-roter Atompilz erhebt sich über einer liegenden Frau, ihr an sie geschmiegtes Kind erstarrt in der Bewegung. Das Bild kommt einer Pietà gleich: eine moderne Maria mit dem Jesuskinde. Zugleich strahlt der leuchtende. vielfarbige Atompilz in das Grauen der Stille, das sich über dieses gewesene Leben legt.

»Kampf dem Atomtod« ist das Mittelbild eines unvollendeten Triptychons, der rechte Flügel von 1954 hängt in der Neuen Nationalgalerie in Berlin und hat den Titel »Ächtet die Atombombe«: Dort stehen zwei Sträuße Blumen, gelb-orange-farbig wie der giftige Atompilz, auf einem Tisch, davor ein aufgeschlagenes Buch mit dem Abbild Marias mit dem Kind auf dem Arm. Ein unfertig geschriebener Aufruf verdeckt das aus der Hand gelegte Strickzeug, zwei Kinderhandschuhe.

Das stark metaphorische Bild durfte 1956 nicht ausgestellt werden, die Grundigs waren beide schon Anfang der 1950er Jahre in die Formalismusdiskussion geraten. Grundig erzwang sich Gehör mit den folgenden Worten, die die Gründerin der Westberliner Ladengalerie Carola Müller überlieferte: »Habe ich es mir von den Faschisten nicht verbieten lassen, meine Meinung künstlerisch zu äußern, werde ich es heute in unserem Staat der werktätigen Menschen erst recht nicht tun.«

Die Atomtodgemälde führen in die Zeit, in der die US-Besatzungsmacht in der BRD, zunächst heimlich, erste Kernwaffen stationierte. Die Öffentlichkeit reagierte empört. Die sowjetische Seite zog zwei Jahre später mit der Stationierung von Atomsprengköpfen nach. Das atomare Wettrüsten drohte zu eskalieren. Bundeskanzler Konrad Adenauer wollte 1956 sogar die Bundeswehr atomar bewaffnen lassen und verharmloste Atomsprengköpfe als »normale Waffen«.

1994 wurden alle noch verbleibenden vormals sowjetischen Atomsprengköpfe auf dem Gebiet der DDR abgebaut. Abrüstungs- und Sicherheitsverträge wurden unterzeichnet. Abkommen, die inzwischen von US-amerikanischer Seite aufgekündigt worden sind. Noch immer sind die US-Atomwaffen in der Bundesrepublik stationiert, und der Feind ist derselbe geblieben: damals Sowjetunion, jetzt Russland.

Der Onlinekatalog der russischen Museen verzeichnet für die Russische Föderation neun Gemälde Hans Grundigs und 145 Grafikblätter von beiden Künstlern. Der größte Teil dieser Bestände gelangte als Schenkung von Lea Grundig im Anschluss an die Personalausstellung für Hans und Lea Grundig in der Sowjetunion 1958 in die Sammlungen. Vom 19. Februar bis zum 20. April 2026 soll aus Anlass des 125. Geburtstages von Hans Grundig in einer Kabinettausstellung neben fünf Gemälden auch ein ausdrucksvolles Porträt Lea Grundigs hinzukommen.

Lea Grundig hat einige Wochen später, am 23. März 2026, ihren 120. Geburtstag. Von ihr sind in der Ausstellung drei Aquarelle aus der Serie »Möge das gute Deutschland blühen« zu sehen, daneben mehrere Illustrationen zu Kinderliteratur und Porträts. Von Hans Grundigs Grafik wird die schon erwähnte Serie »Tiere und Menschen«, auch das Blatt »Sie hören nicht – sie sehen nicht!«, gezeigt, außerdem Illustrationen zu François Villon und dessen bitteren Lebensbetrachtungen.

Ausgestellt ist auch ein Aquarell Lea Grundigs von 1965 aus der Sammlung der Petersburger Eremitage: »Wenn wir den Krieg nicht ausrotten, wird uns der Krieg ausrotten.« Wie schon 2022 hat sich auch in diesem Fall die junge Eremitage-Kuratorin Alexandra Georgiewna Konschakowa für Lea und Hans Grundig engagiert. Auf meine Frage nach ihrer Motivation antwortete sie: »Die Kunst der Grundigs ruft dazu auf, das menschliche Leben an erste Stelle zu setzen und den Frieden zu bewahren. Das Schicksal von Lea und Hans, die beinahe von ihrem eigenen Staat getötet wurden, warnt vor den Gefahren blinden Hasses.«

Kunst birgt eine Kraft für uns Nachfolgende. Dies war in Eberswalde und Potsdam zu beobachten. Menschen finden den Mut, sich auf diese Kunst zu beziehen. Weil sie die Situation und die Kunst von Hans und Lea Grundig als gegenwärtig und wichtig empfinden. Es ist wie ein stets neu eingehauchtes Leben. Das hätte Hans und Lea Grundig gefallen. Denn sie waren nach ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg durchaus einverstanden damit, dass Kunst Zwecke verfolgt.

In Dresden

In Dresden, der Heimat von Hans und Lea Grundig und dem langjährigen Ort ihres Wirkens, ist im Obergeschoss des Albertinums am Elbufer Hans Grundigs Hauptwerk aus den Jahren 1935 bis 1938 zu sehen. Die großen, wohl als Trilogie konzipierten Tafeln des Triptychons wurden während der zahlreichen Hausdurchsuchungen versteckt und überstanden auch Grundigs Zeit im Konzentrationslager. Die linke Seitentafel »Karneval« zeigt – so der Künstler – »die Straßenzüge einer riesigen Stadt, die in blutrotem Himmel zu verbrennen schien. Irrsinnig gewordene Menschen und Masken durchzogen die Straßen (…). Nur im linken Bildwinkel standen noch die Kommunisten, nicht wankend und unerschütterlich.«

Für die zentrale Tafel »Vision einer brennenden Stadt«, die auf seine Eindrücke bei der Explosion des Arsenals in Dresden 1916 zurückgeht, entschied sich der Künstler, einen Zustand vor der totalen Zerstörung zu zeigen. Scheinwerfer, die Flugzeuge am Himmel suchten, Übungen zur Verdunkelung und mit Gasmasken waren üblich. Das Gemälde ist vor der Bombardierung Dresdens gemalt, aber für Hans Grundig als Kommunist war klar, wovor die KPD schon 1932 gewarnt hatte: »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg«. In beiden Seitentafeln zeichnen sich schwarze Banner vor glutrotem oder kaltgrünem Himmel ab, surreale Licht- und Farbwirkungen bestimmen die Szenerie. In der rechten Tafel »Chaos« drängen sich himmelwärts heulende Wölfe um ein goldenes Schwein. Die sich aufbäumenden Pferde stehen für Opfer, Wölfe für die Nazis. Das Bild galt in der frühen DDR als »surrealistisch« und formalistisch. Trotzdem wurde es 1957 vom Ministerium für Kultur der DDR erworben. Der Sockel, die Predella, die Hans Grundigs schlafende Frau Lea zeigt, wurde erstmals 1958 ausgestellt und für das Dresdener Museum erworben.

Noch eine weitere Geburtstagsausstellung gibt es in Dresden, wenn auch nicht in den großen Museen. Die langjährige Leiterin der Kunstgalerie Dresden-Mitte, Karin Weber, zeigt noch bis zum 21. Februar die frühen Linolschnitte Hans Grundigs aus den Jahren unmittelbar vor 1933.

Die Blätter stammen aus der Sammlung von Maria Heiner, die ein großes Konvolut druckgrafischer Werke der beiden Künstler zusammengetragen hat. 1963 hatte sie Lea Grundig kennengelernt. Später wurde sie auch Grundigs Ärztin und begann, ihre Kunst zu sammeln. In den Jahren 1974 bis 1977 erstellte sie gemeinsam mit der Künstlerin eine Registrierung von deren Handzeichnungen, Vorarbeiten für ein Werkverzeichnis. Von 2007 bis 2025 befasste sich Maria Heiner erneut mit der Erfassung aller Werke der Künstlerin, um einen Catalogue raisonné, ein Gesamtverzeichnis, zu erstellen. Er ist im Internet unter www.grundig-grafik.de abrufbar und umfasst 4.200 Werke, darunter Handzeichnungen, Kaltnadelradierungen, Linolschnitte, Lithografien und Illustrationen. Für diese Arbeit hat Heiner über Jahre hinweg auch alle seinerzeit in Israel erschienenen und von Lea Grundig illustrierten hebräischen Kinder- und Jugendbücher erworben. Es gibt gegenwärtig in Deutschland wohl niemanden, der über das Werk von Lea Grundig so kompetent Auskunft geben kann wie sie.

Zu den Linolschnitten der Jahre 1929 bis 1932 erklärt sie: »Diese Blätter setzen sich mit der sozialen Situation, vornehmlich mit der Lage der Proletarier, am Ende der Weimarer Republik auseinander. Die Botschaft von Hans und Lea Grundig in diesen Linolschnitten ist: aktiv zu sein, sich zu wehren und Demagogen nicht auf den Leim zu gehen.«

Ausstellungen:

– Krieg und Frieden. Ausstellung mit Werken von Hans und Lea Grundig. Landtag Brandenburg in Potsdam, Mo.–Fr., 9–16 Uhr, Eintritt frei (bis 31. Mai 2026)

– Kabinettausstellung zum 125. Geburtstag von Hans Grundig. Eremitage in St. Petersburg, Di.–So., 11–18 Uhr, Eintritt 300 Rubel (ca. 3,50 Euro) (bis 20. April 2026)

– Hans Grundig. Linolschnitte 1927–1933. Ausstellung Galerie Mitte Dresden, Striesener Straße 49, 01307 Dresden, Di.–Fr., 15–19 Uhr, Sa. 10–14 Uhr, Eintritt frei (bis 21. Februar 2026)

Literatur:

– Hans Grundig: Zwischen Karneval und Aschermittwoch. Berlin 1978.

– Lea Grundig: »Gesichte und Geschichte«. Berlin 1984

– Kathleen Krenzlin (Hg.): »Schreibe mir nur immer viel.« Ein Briefwechsel zwischen Hans und Lea Grundig. Berlin 2022

– Ellen Auerbach und Lea Grundig. Zwei Künstlerinnen in Palästina, hg. v. Eckart Gillen. ­Eberswalde 2023

Iris Berndt ist Kunsthistorikerin. Sie war von 2014 bis 2017 Direktorin des Käthe-Kollwitz-Museums in Berlin. Sie schrieb an dieser Stelle zuletzt am 12. September 2025 über die Eröffnung der Tretjakow-Galerie in Kaliningrad: »Zwischen Tradition und Moderne«

Hans und Lea Grundig, Grafische Arbeiten des Künstlerehepaars in der junge Welt-Maigalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin, Eintritt frei (5. März bis 17. April 2026)

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