Zynisches Kalkül
Von Nick Brauns, München
Hunderttausende Angehörige der iranischen Diaspora aus ganz Europa hatten sich am Sonnabend in München zur bislang größten Kundgebung für einen Wandel im Iran versammelt. Organisiert wurde die Veranstaltung mit dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien, Reza Pahlavi, als Hauptredner von einem Kreis iranischer Monarchisten.
Dass alle auf der Theresienwiese Versammelten die Monarchie im Iran zurückhaben wollen, darf bezweifelt werden. Vielen wird es primär um »Menschenrechte und Freiheit für Iran« – so das Motto – gegangen sein. Und Pahlavi, der sich nie vom Folterregime seines Vaters distanziert hat, ist klug genug, sich nicht selbst als neuen Herrscher auf dem Pfauenthron in Stellung zu bringen. Das überlässt er seinen fanatisierten Anhängern, die einen rabiaten Alleinvertretungsanspruch mit Feindschaft gegenüber anderen Oppositionellen und ethnischen Minderheiten geltend machen.
Dass die aufgrund der wirtschaftlichen Misere ausgebrochenen Massenproteste im Iran im Januar in einem Massaker endeten, bei dem Tausende getötet wurden, ist in erster Linie die Verantwortung der Teheraner Führung. Gleichzeitig trägt Pahlavi eine Mitschuld. Denn es waren monarchistische Exilsender, die die Illusion vermittelt hatten, die Islamische Republik stünde unmittelbar vor dem Fall, obwohl sich keinerlei für einen erfolgreichen Umsturz notwendiger Bruch innerhalb des Staatsapparates abzeichnete. Unter Verweis auf Donald Trumps Ankündigung, zum angeblichen Schutz der Protestbewegung militärisch einzugreifen, hatte Pahlavi die Iraner am 8. Januar zum Endkampf auf die Straße gerufen. Mit diesem Aufruf aus dem sicheren Exil ließ er die seinen Worten vertrauenden Demonstranten in den Kugelhagel der Revolutionsgardisten laufen. Im besten Fall handelte Pahlavi unverantwortlich. Wahrscheinlicher jedoch nahm er die Toten aus zynischem Kalkül billigend in Kauf.
Den Kampf um die Köpfe unter der iranischen Diaspora hat Palavi dank der Unterstützung westlicher Regierungen und Medien vorerst gewonnen. Im Iran dürften seine Sympathiewerte, die er in Teilen der Mittelklassen genossen hat, nach den Erfahrungen seiner abenteuerlichen Politik eingebrochen sein. Doch der »Kronprinz« baut auf Regime-Change durch Krieg; auf der Münchner »Sicherheitskonferenz« forderte er die USA zur »humanitären Intervention« mit Luftangriffen auf. Dafür missbraucht er die Toten im Iran und sucht die Unterstützung der öffentlichen Meinung im Westen. Dagegen warnen linke Oppositionelle aus dem Iran, dass sich im Kriegsfall die Repression weiter verschärfen und die Chance auf neue Proteste von unten schwinden würde. Den nach Freiheitsrechten und sozialer Sicherheit dürstenden Iranern hat Pahlavi als Lakai der USA und Israels nichts zu bieten. Seine Rolle ist die des nützlichen Idioten in deren imperialistischen Plänen zur Ausschaltung des Irans als antiwestlicher Vormacht im Nahen Osten.
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