Die Begriffe schärfen
Von Patrik Köbele
Mit freundlicher Genehmigung des Referenten dokumentieren wir im Folgenden eine redaktionell gekürzte Fassung des Vortrags des DKP-Parteivorsitzenden Patrik Köbele, der auf der 4. Parteivorstandstagung am 31. Januar/1. Februar 2026 gehalten wurde. (jW)
Liebe Genossinnen und Genossen,
mit unserem 25. Parteitag schärften wir unsere Analyse des Imperialismus im Weltmaßstab und der globalen Entwicklungen, machten erste Aussagen zum Hegemonieverlust des Imperialismus und zur Frage der sogenannten Multipolarität.
Wir definieren Hegemonie dabei für einzelne Staaten beziehungsweise Gruppen und Bündnisse von Staaten als Fähigkeit zur ökonomischen, politischen, ideologischen und militärischen Vorherrschaft und Führung gegenüber anderen Staaten. Diese Fähigkeit wird entwickelt auf Basis der ökonomischen Stärke des Finanzkapitals und der staatsmonopolistischen Durchdringung.
Wir bekräftigten das Festhalten an der Bestimmung des Inhalts der Epoche in der Menschheitsgeschichte als »Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab« und entwickelten Überlegungen zu den unterschiedlichen Etappen innerhalb dieser Epoche.
Beim 26. Parteitag richteten wir unseren Blick auf den deutschen Imperialismus. (…) Es geht um einen weiteren Schritt in der Schärfung unserer Imperialismusanalyse. Dabei müssen wir beachten, dass die Dynamik der Entwicklung enorm ist, die Prozesse um Venezuela und Grönland machen das wie im Brennglas deutlich. Zur globalen Dynamik, zur Tendenz des Hegemonieverlusts des Imperialismus, kommen hinzu die innerimperialistischen Konflikte und die Bereitschaft des Imperialismus, alle völkerrechtlichen Normen zu brechen.
All das sind Bestandteile des langfristigen Prozesses der Erarbeitung eines neuen Parteiprogramms. Die Analyse des Imperialismus, die Epochen- und Etappenbestimmung sind dabei die Grundlage für die Entwicklung von Strategie und Taktik. Unser sozialistisches Ziel als zentraler Orientierungspunkt auf dem Weg zum Kommunismus und unsere Strategie und Taktik sind der Rahmen für die Entwicklung unseres antiimperialistischen Kampfes. Der Antiimperialismus im hochentwickelten imperialistischen Deutschland erfordert eine antimonopolistische Strategie.
Das ergibt sich auch daraus, dass Antiimperialismus und soziale Frage bzw. Klassenkampf immer eine dialektische Einheit bilden. Es ergibt sich daraus, dass wir Kommunisten in antiimperialistische Bewegungen und Kämpfe natürlich die soziale Frage und die Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus hineintragen. Gleichzeitig machen wir die Frage von Klassenkampf und Sozialismus nicht zur Eintrittskarte des gemeinsamen Kampfes.
Von Lenin lernen
Ein wesentlicher Punkt, der Lenin und sein Werk auszeichnet, ist, dass Lenin immer und umfassend sein Werk weder als Dogma noch als Schema verstand. Zu lernen haben wir von ihm vor allem die Methodik und die Herangehensweise. Zu lernen haben wir von ihm, dass es eine »unbedingte Forderung der marxistischen Theorie bei der Untersuchung jeder wie immer gearteten sozialen Frage ist, sie in einen bestimmten historischen Rahmen zu stellen (…).« (LW 20, S. 403)
Diese Herangehensweise bewies Lenin bei der Imperialismusanalyse selbst, aber auch bei Theorie und Praxis der Revolution in Russland (schwächstes Glied), bei den Fragen der Bündnispolitik (Arbeiter und Bauern). Die Praxis selbst wiederum lehrte Lenin eine hohe Flexibilität in Fragen der Strategie und Taktik (Phase der Doppelherrschaft nach der Februarrevolution) und damit der Heranführung an die proletarische Revolution. Ähnlich wie später bei der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) stand er deswegen in der Kritik, was ihn 1920 auch veranlasste, seine Schrift »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus« zu verfassen, also seine Abrechnung mit rechtem und linkem Opportunismus.
Wir versuchen im Folgenden, von ihm zu lernen und seine Herangehensweise auf die globale Realität heute anzuwenden. Dabei sind wir nicht vermessen. Seine Genialität fehlt uns heute. Trotzdem bleibt uns nichts anderes übrig, als von seiner Herangehensweise zu lernen. Wir haben dabei weiter zu beachten, dass auch heute globale, regionale, ja sogar nationale Entwicklungen einer immensen Dynamik unterliegen und wir gerade deswegen verpflichtet sind, unsere Analyse ständig zu überprüfen, wohl wissend, dass uns dafür Ressourcen nur mangelhaft zur Verfügung stehen und wir trotzdem gezwungen sind, dies zu tun, weil sonst weder eine adäquate Entwicklung der Strategie noch eine richtige Taktik möglich ist. Möglicherweise ist, im Ergebnis der Dynamik der Entwicklung der Produktivkräfte, die Dynamik in der Entwicklung der Verhältnisse sogar größer als zu Lenins Zeiten.
Kolonialismus und Neokolonialismus
Die Unterscheidung zwischen Kolonialismus und Neokolonialismus besteht im wesentlichen darin, dass die Kolonialmacht direkt die staatlichen Funktionen der Kolonie übernimmt oder offen kontrolliert, während der Neokolonialismus sich dadurch auszeichnet, dass der neokolonial unterdrückte/ausgebeutete Staat formal eigene Staatlichkeit hat, aber ökonomisch und im Gefolge auch politisch in einer großen bis vollständigen Abhängigkeit ist. Als Definition des Neokolonialismus kann gelten: »Kennzeichnung einer Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus, die auf Ausbeutung, Abhängigkeit und Bevormundung der ehemaligen kolonialen und halbkolonialen Länder gerichtet ist.« (Kleines politisches Wörterbuch, Berlin 1986, S. 663)
Der Kolonialismus hatte sich bereits vor der Herausbildung des Imperialismus entwickelt. So war Anfang des 19. Jahrhunderts Südamerika noch eine spanische Kolonie, mit Ausnahme Brasiliens, das eine portugiesische Kolonie war. Im Zuge der Unabhängigkeit der USA von Britannien kam es dann zur Unabhängigkeit der sich herausbildenden Nationalstaaten Südamerikas, die dann allerdings 1823 durch die USA mit der sogenannten Monroe-Doktrin zu ihrem Hinterhof erklärt wurden. Interessanterweise kam diese frühe Doktrin einer Vorform des Neokolonialismus im Kleid der Verteidigung der unabhängigen Staaten Mittel- und Südamerikas gegen Bestrebungen der europäischen Mächte zur Rekolonialisierung daher.
Die zweite große Phase der Dekolonialisierung begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sie dauerte bis in die 1960er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Bei den Kolonialmächten betraf es vor allem Britannien und Frankreich. Die Unabhängigkeit erlangten Länder in Asien (zum Beispiel Indien) und große Teile Afrikas. Eine dritte Phase begann mit der Nelkenrevolution in Portugal 1974. Hier führten das internationale Kräfteverhältnis und die anfängliche Orientierung Portugals selbst dazu, dass die ehemaligen portugiesischen Kolonien zu einem großen Teil begannen, einen sozialistischen Weg einzuschlagen.
Vor allem die Länder der ersten und zweiten Phase der Dekolonialisierung gingen allerdings im wesentlichen aus der kolonialen Unterdrückung direkt in die neokoloniale Unterdrückung/Ausbeutung. Sie hatten keine Möglichkeit, dem zu entrinnen, da die koloniale Phase sie daran gehindert hatte, eine eigene ökonomische Stärke und Basis zu entwickeln. Meist blieb ihre Ökonomie im Bereich der Rohstofförderung oder der Landwirtschaft, und oft blieb selbst die Rohstofförderung im Eigentum der ehemaligen Kolonialländer beziehungsweise der Monopole dieser Staaten. Eine gewisse Ausnahme stellte die koloniale Befreiung der ehemaligen portugiesischen Kolonien nach der Nelkenrevolution dar. Die Entwicklung in Portugal selbst und die Existenz eines sozialistischen Weltsystems ermöglichten ihnen den Versuch, direkt eine sozialistische Entwicklungsrichtung einzuschlagen.
Aus heutiger Sicht hat sich die neokoloniale Ausbeutung und Unterdrückung in vielen Ländern Afrikas und Lateinamerikas nicht grundlegend geändert. Es gab immer wieder Ausbruchsversuche, wie wir sie auch heute bei einigen Ländern in der Sahelzone erleben, von einer Überwindung der neokolonialen Ausbeutung kann aber keinesfalls gesprochen werden.
Eine Besonderheit der neokolonialen Ausbeutung ist, dass sie in der Regel die Herausbildung einer Bourgeoisie im Land zulässt und fördert, die aber gerade von der neokolonialen Ausbeutung profitiert. Diese Bourgeoisie oder diesen Teil der Bourgeoisie bezeichnen wir als Kompradorenbourgeoisie.
Einordnung der Nationalstaaten
Wir machen den Versuch einer Einteilung, weil sie die von uns gesehenen Differenzierungen verdeutlicht. Trotzdem müssen wir jeglichen Schematismus vermeiden und erkennen, dass auch hier Veränderungen mit einer hohen Dynamik ablaufen.
Als »Räuber« im Leninschen Sinne können heute die G7-Staaten bezeichnet werden: die USA, Britannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und Kanada. Die EU als relativ eigenständiges imperialistisches Konstrukt hat bei den G7 den Status eines Beobachters inne.
Natürlich sind diese »Räuber« unter sich nicht einheitlich, sondern zueinander in Konkurrenz. Diese Konkurrenz wird auch über die Bündniskräfte der Räuber ausgetragen. Zum Austragen dieser Konkurrenz gehören unterschiedliche Allianzen. Diese Allianzen dienen auch dem Zweck der Verhinderung der Eskalation der Konkurrenz zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den »Räubern« und ihren Verbündeten, siehe aktuell die Rolle der NATO beim Streit um Grönland. Zu diesen Allianzen gehören die EU, die NATO und AUKUS.
Eine zweite Kategorie kann als »Bündniskräfte der Räuber« definiert werden, die gemeinsam mit den »Räubern« von neokolonialer Ausbeutung profitieren. (Dies korrespondiert mit dem, was Lenin als die »fortgeschrittenen« Länder bezeichnete). In diese Kategorie gehören die meisten EU- und NATO-Mitgliedstaaten.
Eine Sonderrolle spielt die Ukraine. Sie soll dazu dienen, die Umzingelung von Russland zu schließen, um diesen möglichen Konkurrenten erpressbar zu machen und ein Bündnis mit China zu verhindern. Dazu ist die Ukraine selbst in die völlige finanzielle Abhängigkeit getrieben worden und hat heute eher den Status einer Halbkolonie.
Aufgrund des Besitzes von Atomwaffen mächtige Staaten und solche, die wegen ihrer Rohstoffvorkommen ökonomisch recht unabhängig sind (Pakistan oder die Vereinigten Arabischen Emirate), spielen auf dem Klavier zwischen »Räubern« und sich herausbildenden Alternativstrukturen wie BRICS oder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) oder schließen sich diesen Alternativstrukturen an, wie Indien, Brasilien oder Südafrika.
In mehr oder minder intensiver neokolonialer Ausbeutung beziehungsweise im Kampf gegen diese befinden sich viele Länder Süd- und Mittelamerikas, die meisten Länder Afrikas und große Teile Südostasiens. Als Halbkolonien können Staaten bezeichnet werden, die offen und direkt in staatlicher finanzieller Abhängigkeit von »Räuberstaaten«, deren Verbündeten beziehungsweise deren Allianzen stehen – Beispiele sind Argentinien und die Ukraine.
In kleinem Umfang gibt es auch noch »echte« Kolonien, wie etwa Réunion, Französisch-Guyana, Puerto Rico oder Gibraltar. Faktisch handelt es sich auch bei den besetzten oder abgeriegelten Teilen Palästinas um eine koloniale Besetzung. Hier stellt sich dann die Frage des Charakters Israels. Wir waren uns einig, dass Israel als Kolonialist agiert und den Vorposten des Imperialismus (der Räuber) im sogenannten Nahen Osten darstellt. Israel ist hochgerüstet und verfügt über Atomwaffen. Ob es ein imperialistischer Räuber ist, müsste näher untersucht werden, dagegen spricht die Größe und davon abhängig die Ökonomie.
Es gibt Länder, die einen antiimperialistischen Entwicklungsweg eingeschlagen haben, ohne die heimische Bourgeoisie völlig zu entmachten (Venezuela, Nicaragua). Aktuell ist, nach dem völkerrechtswidrigen Überfall der USA, das Kräfteverhältnis in Venezuela nicht völlig durchschaubar. Möglicherweise nehmen Mali, Niger und Burkina Faso ebenfalls eine antiimperialistische Entwicklungsrichtung.
Und natürlich gibt es die Länder des sozialistischen Aufbaus (China, Vietnam, Kuba, Laos, DVRK). Sie sind im Weltmaßstab der staatgewordene Klassengegensatz zum Kapitalismus/Imperialismus. In ihnen haben Schwesterparteien die führende Rolle beim sozialistischen Aufbau.
Eine Sonderrolle spielen die kapitalistischen BRICS-Länder (Brasilien, Russland, Indien, Südafrika). Sie sind aufgrund ihrer Stärke nicht so einfach in die neokoloniale Ausbeutung zu integrieren und haben sich zusammen mit China mit BRICS einen Schutzmechanismus geschaffen. Die Erweiterung auf »BRICS plus« hat nun auch einige arabische Staaten (mit viel Öl und Gas) integriert. Die SCO hat eine ähnliche Funktion, mit einem stärkeren Bereich der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Beide Organisationen verstehen sich auch als Werkzeuge für einen gewünschten Multilateralismus. Damit widersetzen sie sich der Hegemonie der »Räuber« und ihrer Verbündeten. Damit wirken sie antiimperialistisch.
Innerhalb der kapitalistischen BRICS-Länder hat die Russische Föderation eine Sonderrolle, die sich aus mehreren Faktoren ergibt. Sie hat eine sozialistische Geschichte und die Erfahrung der »Abweisung« durch die »Räuber« (abgelehntes Ansinnen der NATO-Mitgliedschaft). Größe, Rohstoffreichtum, Atomwaffenbesitz, Nähe zu China bedeuten: Wenn man Russland nicht mitspielen lässt, muss man versuchen, es zu zerschlagen.
Das Problem der Zeitschiene
Bis 1989/90 gingen wir davon aus, dass die Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab trotz Rückschlägen (Chile, Portugal) ein relativ linearer Prozess sein würde. Seit der Oktoberrevolution waren über 70 Jahre vergangen, ein Zeitraum, mit dem die Klassiker nicht gerechnet hatten.
Durch die Konterrevolution mussten wir erfahren, dass wir uns bezüglich des linearen Fortschreitens irrten und vor allem die These vom »unwiderruflichen« Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse falsch war. Der Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse wurde 1963 beim VI. Parteitag der SED für die DDR festgestellt und meinte richtigerweise die Dominanz von gesellschaftlichem und genossenschaftlichem Eigentum an den wichtigsten Produktionsmitteln – wann die Bezeichnung »unwiderruflich« hinzugefügt wurde, konnte ich nicht feststellen.
Aus heutiger Sicht hatten wir es damals mit einem militärisch und politisch nahezu ausgeglichenen Kräfteverhältnis zwischen Imperialismus und Sozialismus im Weltmaßstab zu tun. Unsere damalige Hoffnung, dass das auch ökonomisch gegeben war, war eine Illusion. Selbst in dieser Zeit dominierte aber der Imperialismus den Weltmarkt im Allgemeinen und wesentliche Strukturen (wie Weltbank, IWF und WTO).
Aus heutiger Sicht müssen wir deshalb davon ausgehen, dass das Nebeneinander von Imperialismus, Antiimperialismus und Sozialismus noch für mehrere Jahrzehnte besteht. (…) Das führt auch zwingend dazu, »dass der Sozialismus nicht eine kurzfristige Übergangsphase in der Entwicklung der Gesellschaft, sondern eine relativ selbständige sozialökonomische Formation in der historischen Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus« ist. (Walter Ulbricht, »Die Bedeutung des Werkes ›Kapital‹ von Karl Marx für die Schaffung des entwickelten gesellschaftlichen Systems des Sozialismus in der DDR und den Kampf gegen das staatsmonopolistische Herrschaftssystem in Westdeutschland«. Berlin 1967). Diese Feststellung Ulbrichts hat sich geschichtlich bestätigt.
Imperialismusanalyse
Unsere Analyse beinhaltet, dass es sich bei China um ein Land handelt, in dem die politische Herrschaft der Arbeiterklasse über die führende Rolle der Kommunistischen Partei Chinas realisiert wird. Die politische Herrschaft der Arbeiterklasse wird genutzt, um planmäßig den Sozialismus aufzubauen. Den Weg des sozialistischen Aufbaus gehen neben China die Sozialistische Republik Vietnam, Laos, die Republik Kuba und die DVRK. Dabei sind die Wege unterschiedlich, einheitlich ist die Realisierung der politischen Macht der Arbeiterklasse über die führende Rolle der KP. Diese Länder des Sozialismus (korrekter: des sozialistischen Aufbaus) sind eine revolutionäre Hauptkraft der jetzigen Zeit. Dabei halten wir fest, dass die frühere These von der Unumkehrbarkeit des Sieges der sozialistischen Produktionsverhältnisse falsch war und die Gefahr konterrevolutionärer Entwicklungen mindestens so lange besteht, wie der Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase eine relevante Rolle im globalen Maßstab hat.
Unsere Imperialismusanalyse beinhaltet, dass die neokoloniale Ausbeutung/Unterdrückung eine wesentliche Rolle in der heutigen Welt spielt. Das beinhaltet auch, dass der Hegemonieverlust des G7-Imperialismus (als Haupthindernis für Frieden und gesellschaftlichen Fortschritt) stark vom Aufschwung des Kampfes gegen neokoloniale Abhängigkeiten/Ausbeutung abhängt. Der Kampf gegen die neokoloniale Ausbeutung/Unterdrückung findet heute (im Unterschied zur Zeit vor 1989) vor allem als Kampf um ökonomische und politische Souveränität von Nationen statt – als Kampf gegen militärische Aggressionen des Imperialismus, als Kampf um den Aufbau von Strukturen, die nicht der direkten Kontrolle des Imperialismus unterliegen. Die Form des Kampfes gegen neokoloniale Unterdrückung ist heute komplexer als in den 1970er und 1980er Jahren. Klassische nationale Befreiungsbewegungen finden sich weniger. Trotzdem ist der Kampf gegen neokoloniale Ausbeutung/Unterdrückung auch heute eine revolutionäre Hauptströmung.
In den »fortgeschrittenen« Ländern (G7, EU, NATO, AUKUS, westliche Atommächte, Südkorea), aber auch in den kapitalistischen BRICS-Ländern sowie einigen Ländern Lateinamerikas stellt die Arbeiterklasse im nationalen Maßstab die revolutionäre Hauptkraft dar. Das zentrale Problem ist überall die Formierung der Klasse von einer »Klasse an sich« zu einer »Klasse für sich«. Dem steht entgegen, was bereits Lenin analysierte: »Dadurch, dass die Kapitalisten (…) hohe Monopolprofite herausschlagen, bekommen sie ökonomisch die Möglichkeit, einzelne Schichten der Arbeiter (…) zu bestechen und sie auf die Seite der Bourgeoisie (…) der betreffenden Nation gegen alle übrigen hinüberzuziehen. Diese Tendenz wird durch den verschärften Antagonismus zwischen den imperialistischen Nationen wegen der Aufteilung der Welt noch verstärkt. So entsteht der Zusammenhang von Imperialismus und Opportunismus (…).« (LW 22, S. 306 f.)
Die Entwicklung Russlands
Russland geht als kapitalistisches Land aus der sozialistischen Sowjetunion hervor, die dann herrschende Kapitalistenklasse rekrutiert sich zu einem relevanten Teil aus früheren Kadern der Partei und des Staates, vor allem des Komsomol. Global konkurrenzfähig sind im wesentlichen die rohstoffördernde Industrie und die Rüstungsindustrie.
Innerhalb der dann herrschenden Kapitalistenklasse dominierte anfangs die Kompradorenbourgeoisie, die vom Ausverkauf des Landes profitierte. Für ihre Dominanz stehen Jelzin und die Phase seiner Regierung. Damals versuchte der Imperialismus, Russland mit Jelzin und der russischen Kompradorenbourgeoisie in ein neokoloniales Abhängigkeitsverhältnis zu bringen.
Der Übergang zu Putin markierte einen Wechsel in der Hegemonie innerhalb des russischen Kapitals. Die neuen hegemonialen Kräfte hegten illusionär die Hoffnung, bei den Räubern gleichberechtigt mitspielen zu dürfen. Dafür standen der Versuch der Aufnahme in die NATO, der vorübergehende G8-Status, der Applaus im Bundestag für Putin. Dagegen stand die Prägung von Russlands Ökonomie und Produktivkräften durch die Rohstofförderung. Die ist für den Imperialismus interessant, rechtfertigt für ihn aber keine Augenhöhe.
In diese Phase fiel ein kurzes Sonderintermezzo des deutschen Imperialismus, in dem auf ein engeres Zusammenwirken des deutschen Imperialismus mit Russland orientiert wurde (Schröder und Putin). Diese Entwicklung wurde 2005 mit dem Ende der Regierung Schröder und mit dem Maidan-Putsch 2014 geschwächt, hatte aber Auswirkungen bis in die Zeit des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipelines.
Der Maidan-Putsch selbst war noch von einem Konkurrenzkampf zwischen den USA und der EU (unter deutscher Führung) überschattet (siehe das »Fuck the EU« der US-Diplomatin Victoria Nuland). Vom US-Imperialismus wurde er genutzt, um die Führungsrolle Deutschlands in der EU und damit den deutschen Imperialismus zu schwächen sowie eine Annäherung an Russland zu verhindern.
Danach setzten die G7, die NATO und die EU auf die Umzingelung Russlands (vermutlich mit der Option auf eine neue »Jelzin-Ära«) und zwangen die nichtkompradorische Bourgeoisie Russlands zu einem Abwehrkurs, den wir in der Vergangenheit als »objektiv antiimperialistische Außenpolitik« bezeichnet haben.
NATO-Osterweiterungen, Maidan-Putsch, Krieg gegen die Donbass-Republiken waren der Hintergrund für die Eskalation des Krieges 2022. Heute ist das ein Stellvertreterkrieg der NATO, der vor allem gegen das enger werdende Verhältnis zwischen Russland und China gerichtet ist, das die Hegemonie des Imperialismus der G7/NATO bedroht. Aktuell haben wir es mit einer Umkehr der US-Strategie zu tun: Der Krieg soll so verlustfrei wie möglich beendet werden, die Verluste sollen auf die EU geschoben werden. Die EU kann sich wirtschaftlich und politisch eine Niederlage nicht leisten und reagiert deshalb mit Kriegstreiberei.
Zu beachten ist ferner, dass einige wesentliche Monopole Russlands (der Kompradorenbourgeoisie) teilweise oder mehrheitlich von imperialistischen (westlichen) Monopolen beherrscht werden. Dazu gehören etwa En plus, Rusal und Euro Sib Energo (Aluminium, Oligarch Deripaska). Im Falle Deripaska ist das eine bewusste Strategie, um Sanktionen zu entgehen. In Russland wird dies als eine (Neo-)Kolonialisierung bezeichnet.
Von Hegel stammt der Satz: »Das Wahre ist das Ganze«, wir können also nur versuchen, uns dem Wahren anzunähern. In Umbruchperioden wie der jetzigen sind Momentaufnahmen schnell wieder überholt. Das ist zu beachten. Verantwortungslos wäre es aber, sich der Analyse nicht zu widmen, denn ohne eine Analyse des Imperialismus lässt sich keine Strategie und Taktik entwickeln.
Das ganze Referat von Patrik Köbele kann als Brochüre über www.uz-shop.de bezogen werden.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Huang Jingwen/picture alliance / Xinhua News Agency19.11.2024Stotternde Maschine
Eduardo Munoz/REUTERS26.09.2023»Neue Weltordnung wird geboren«
IMAGO/Political-Moments05.07.2022Globalisierung als Wirtschaftskrieg