Ein Abschiedsgruß
Von Cristina Fischer
Doris Gercke ist im Juli vergangenen Jahres an einer schweren Krankheit gestorben, die sie körperlich zunehmend geschwächt hatte. Ich kann bezeugen, dass sie bis zuletzt gekämpft hat. Ihre trotzig aufrechterhaltene Selbstdisziplin ließ bei mir Gedanken an ihren baldigen Tod nicht aufkommen. Sie hat es sich nicht nehmen lassen, noch am 8. Mai 2025 öffentlich in Hamburg der gefallenen Sowjetsoldaten des Zweiten Weltkriegs zu gedenken; Genossen holten sie ab. Sie schickte mir danach ein Foto, auf dem sie spektakulär, elegant und mit programmatisch knallroten Strumpfhosen »posierte«. – Könnte man sagen, aber das Wort passt nicht zu ihr. Eher schien sie zu verkünden: »I’m still standing after all this time!«
Sie lächelte ein wenig. Auch dieses Foto ließ mich nicht glauben, dass sie nur noch etwas mehr als zwei Monate leben würde.
Seit Doris Gerckes Tod ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an sie hatte denken müssen, und jeder dieser Gedanken war und ist wie ein Nadelstich – es gibt immer etwas, was ich ihr gern mitgeteilt, was ich sie gern gefragt hätte. Sie fehlt nicht nur allgemein als widerständige feministische Autorin, sie fehlt auch konkret als Mensch, der andere ermutigt hat. Gerade in ihren letzten Lebensjahren hat sie mit Ermutigung nicht gespart. Ich war immer ein wenig erstaunt über ihren Zuspruch, der beiläufig schien und doch nachhaltig in Erinnerung bleibt.
Ich weiß, dass sie versuchte, jedes Jahr ein Manuskript fertigzustellen; sie fühlte sich nicht wohl, wenn sie nicht täglich ihr Pensum am Schreibtisch abarbeitete. Tatsächlich hat sie noch 2024 ein Projekt verfolgt, das mit dem Herkules-Mythos verbunden war – sie musste es aufgeben. Zugleich sortierte sie ihre unvollendeten und unveröffentlichten Gedichte und andere Texte, sonderte aus, was ihr nicht brauchbar erschien, und hat schließlich doch noch ein kleines Manuskript zusammengestellt, das, wie sie wusste, erst nach ihrem Tod würde erscheinen können.
Einmal, fast zaghaft, fragte sie mich, ob die junge Welt vielleicht ein Gedicht von ihr bringen würde. Ich meinte ja, nur sollte es eher ein kürzeres Gedicht sein, etwa denen entsprechend, die die Zeitung regelmäßig veröffentlicht. Ich sandte ihr die Mailadresse des Feuilletonleiters. Sie blieb unentschlossen, und auf Nachfrage gab sie zu, dass sie in der Sache noch nichts unternommen hatte. Für mich wirkte es so, als habe sie sich beinahe gefürchtet, ihr Gedicht könnte womöglich nicht willkommen sein. Für eine gestandene, erfolgreiche Autorin erstaunlich, ja, rührend bescheiden.
Das Manuskript vertraute sie Else Laudan vom Hamburger Argument-Verlag (Ariadne) an, die ihre letzten beiden Romane ediert hatte und mit der sie seit etwa zehn Jahren befreundet war. Doris Gercke sorgte vor, überließ nichts dem Zufall. Das war kaum Autorinneneitelkeit, sondern eher der Ehrgeiz, bis zuletzt aktiv zu sein, etwas Nützliches zu hinterlassen.
Das so entstandene Bändchen ist wie ein Abschiedsgruß. Es enthält Gedichte, denen jeweils ein lyrisches Ich beigeordnet ist, um die Herkunft oder die Perspektive des Beobachteten und Gedachten zu klären. Einige (»Krähen«, »Friedhöfe«, »Sterben«) und auch die Kurzgeschichten »Eine Beerdigung« und »Verbrechen« thematisieren den Tod, lakonisch und unsentimental, wie es Gerckes Art war. Wenige Gedichte sind datiert.
Doris Gercke hat selbst einmal den »Verdacht«, sie sei eine Dichterin, spielerisch von sich gewiesen. Ich glaube, viele ihrer Gedichte dienten zunächst der Selbstverständigung, manche sind tatsächlich nicht mehr als das. Doch manche werden überdauern.
Die lyrische Sammlung »Eisnester« war bereits 1996 bei Hoffmann und Campe erschienen. Für mich der Höhepunkt darin: »Späte Reue«. Eine Frau spricht über einen Mann, mit dem sie die Ehe gebrochen hat, sorgt sich aber im nachhinein vor allem um dessen betrogene Gefährtin. »Wie konnte er mir ohne Bedenken / eine Kachel aus ihrem Ofen schenken«, heißt es da in Anspielung auf ein bekanntes Liebesgedicht von Joachim Ringelnatz.
Durch ebenso pointierte Ironie verblüfft in der nun vorliegenden Ausgabe »Der Dichter«, ein rotzig gereimtes Resümee aus Sicht der Ehefrau. Gleichzeitig wird deutlich, dass Gercke wohl nicht viel von der üblichen gefälligen Lyrik hielt.
Sie hat auch einen Kommentar zur aktuellen Politik in petto – ihr letztes Gedicht vom Frühjahr 2025. »Der Bundespräsident grüßt zum Jahreswechsel. Die Hausgemeinschaft antwortet« ist ein linker Haken für Frank-Walter Steinmeier. Es endet mit den Versen: »Doch wir laden Sie nicht ein / Einmal unser Gast zu sein / Und das ganz besonders nicht / Weil aus Ihrem Munde spricht / Dass wir all’ in einem Boot / Wer nicht rüstet, sei bald tot. / Diese altbekannte Lüge / Produziert nur neue Kriege / Lügner brauchen wir hier nicht / Bleiben Sie, wo Sie sind. / Sie Wicht.«
Die politische Stellungnahme war für Gercke so wichtig wie ihr Engagement gegen das Patriarchat. Für nicht wenige Feministinnen ist »Frauensolidarität« nur eine schöne Phrase, und »Networking« betreiben sie vor allem, um selbst besser dazustehen. Doris Gercke gehörte mit ihren Büchern, aber auch meiner persönlichen Erfahrung nach nicht zu ihnen.
Die im Bändchen enthaltenen Kurzgeschichten sind von hoher literarischer Qualität. Mir scheint, dass Gercke in ihren letzten Jahren noch knapper, noch konzentrierter, noch hintergründiger geschrieben – dass sie sich von der (kriminalistischen) Handlung gewissermaßen emanzipiert hat. Meines Erachtens ist sie damit in die erste Reihe der deutschen Prosautorinnen und Prosaautoren der Gegenwart gerückt.
Herausgeberin Else Laudan schreibt in ihrer Vorbemerkung über sie: »Eine Schriftstellerin, bei der jedes Wort an seinem Platz steht, kein Satz zuviel, keine Szene zu lang, die Details klug gesiebt, die Sprache schlicht und gelassen. (…) Mit ihren gemessenen, sparsamen Sätzen erschuf sie überwältigend zeitlose Figuren, ungefällig angerauht.« Und sie fügt hinzu: »Doris Gerckes finsterer Realismus war immer nüchtern und unbotmäßig.«
In den Buchklappen des schlicht und schön gestalteten Bändchens sind Abbildungen der Manuskriptseiten zu sehen, eine klare Handschrift in blauer Tinte auf kleinkariertem Schreibpapier.
Der Titel der Sammlung ist angelehnt an Brechts »Lesebuch für Städtebewohner« von 1926/27. Eine Assoziation, die der Autorin wichtig gewesen sein muss. Brecht gibt sich darin desillusioniert, fast abgebrüht. Er sagt aber auch: »Der Regen / Kehrt nicht zurück nach oben. / Wenn die Wunde / Nicht mehr schmerzt / Schmerzt die Narbe.«
Doris Gercke: Von den Bewohnern der Städte. Literaturbibliothek Ariadne, Hamburg 2026, 101 Seiten, 12 Euro
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