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Aus: Ausgabe vom 12.02.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Geo- und Energiepolitik

Spielball der US-Ölpolitik

Washington belegt Venezuela weiter mit Sanktionen und zwingt die Karibikinsel Curaçao in eine riskante Rolle – mit rostigen Tankern und prekären Jobs
Von Gerrit Hoekman
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Das antikoloniale Tula-Denkmal im Freedom Park in Willemstad, der Hauptstadt von Curaçao

Während das sozialistische Kuba unter einem Ölboykott der USA ächzt, reibt sich die Regierung der Karibikinsel Curaçao die Hände: Washington würde das kleine Eiland gern wie schon früher jahrzehntelang als Umschlagplatz für Rohöl aus Venezuela sehen. Das zum Königreich der Niederlande gehörende, aber weitgehend autonome Curaçao liegt nur etwa 50 Kilometer von der Küste Venezuelas entfernt. Jetzt erhielt es eine neue Lizenz des US-Finanzministeriums, teilte die Inselregierung laut der Nachrichtenseite curacao.nu am Mittwoch mit.

Mit der Lizenz sind der Export, die Lagerung, der Umschlag und die Verarbeitung von Rohöl aus Venezuela unter bestimmten Bedingungen wieder möglich. Laut Regierung dürfen die bereits bestehenden Tanks und Raffinerien in der Bullenbaai (Bullenbucht) und in Emmastad wieder kommerziell genutzt werden. Seit die USA 2019 die Sanktionen gegen Venezuela verschärften, rosten die Anlagen auf der Insel vor sich hin, nachdem der staatliche venezolanische Ölkonzern PDVSA, der die Raffinerien betrieb, Curaçao verlassen hatte. Viele Arbeitsplätze gingen damals verloren.

Die Sanktionen gegen PDVSA bleiben bestehen. Geschäfte mit Rohöl aus Venezuela sind nur erlaubt, wenn sie von US-Unternehmen abgewickelt werden. Firmen aus Curaçao dürfen kein venezolanisches Öl eigenständig importieren, lagern oder verarbeiten.

Der erste Tanker mit Öl aus Venezuela legte bereits am 14. Januar am Terminal in der Bullenbaai an – wohl auf Wunsch der USA und nur anderthalb Wochen nach dem völkerrechtswidrigen Kidnapping des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Curaçaos Premierminister Gilmar Pisas kam höchstpersönlich zur Begrüßung des Schiffs namens »Regina« an den Kai. Das Öl soll in den Tanks der Bullenbaai lagern, bis es weiterverkauft wird. Den Gewinn sollen die USA und Venezuela erhalten. Zu welchen Teilen, ist unklar.

Der Zustand des Tankers ist allerdings alles andere als unbedenklich: Bei einer Inspektion einen Tag später stellte die Aufsichtsbehörde Maritieme Autoriteit van Curaçao (MAC) erhebliche Sicherheitsmängel fest. Außerdem fuhr der Tanker unter der Flagge von Osttimor, das überhaupt kein internationales Schiffsregister besitzt. Ferner hatte er den Transponder ausgeschaltet. Trotzdem durfte die etwa 60.000 Tonnen fassende »Regina«, nachdem die Ladung gelöscht war, wieder in Richtung Venezuela auslaufen und legte am 28. Januar zum zweiten Mal in der Bullenbaai an. Diesmal legte die MAC das Schiff jedoch an die Kette, berichtete zuerst das niederländische Handelsblatt NRC am vergangenen Sonnabend. Die Besatzung, die aktuell an Bord festsitzt, stammt laut curacao.nu aus den Philippinen. Fast parallel hinderte die niederländische Küstenwache den unter panamaischer Flagge fahrenden Tanker »Morning Sun«, der ebenfalls Rohöl aus Venezuela geladen hatte, vor der Küste der Karibikinsel Sint Eustatius an der Weiterfahrt. Auch dort waren Sicherheitsmängel der Grund.

Anders als das autonome Curaçao ist Sint Eustatius eine Sondergemeinde der Niederlande und untersteht vollständig den niederländischen Behörden. Die beiden Maßnahmen sind laut dem NRC »ein Rückschlag für die USA, die nach der Entführung von Präsident Maduro die Öllieferungen wieder aufnehmen wollten«. Es geht um viele Petrodollar – der eigentliche Grund der US-Intervention in Venezuela. Allein die Ladung der »Regina« ist mindestens mehrere zehn Millionen Euro wert.

Das Terminal in der Bullenbaai fasst beinahe 20 Millionen Barrel, und im Tiefseehafen können auch die Riesentanker anlegen – das alles in unmittelbarer Nähe zu Venezuela macht ­Curaçao für die USA interessant. Die Insel verdient unterdessen am Liegegeld, am Lotsendienst und an den Schleppern, die die Tanker in den Hafen bugsieren. Ob die Raffinerie wieder in Betrieb genommen wird, ist hingegen zweifelhaft. Curaçao gilt als Urlaubsparadies und verdient viel Geld mit dem Tourismus. Hotels und Reiseveranstalter machen mobil gegen die Raffinerie, die auch viele Einheimische nicht wollen.

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