Beim Schärfen des Stachels
Von Vincent Sauer
Mit alertem Problembewusstsein durch die Welt zu gehen, fällt vielen linken Freunden nicht so schwer, Gedächtnispflege eher sehr. Dass in Berlin mal alles anders hätte kommen können – LAP Coffee, Dubai-Schokoladeneis, Startupwirtschaft und 1.000-Euro-Miete für ein Wohnklo ein schlechter Witz der Stadtgeschichte –, lässt sich in den Archiven der künstlerischen Gegenöffentlichkeit des Prenzlauer Bergs bestaunen. Dort gab man sich zunächst mit den systemischen Beschwerden der DDR nicht zufrieden, dann aber noch weniger mit denen der BRD.
Der Dichter Bert Papenfuß war eine zentrale Figur des antikapitalistischen Nonkonformismus, auch als Redakteur und Kneipenbetreiber. In über vier Jahrzehnten kam eine Menge Text und bedrucktes Papier zusammen. 2023 ist er verstorben, bereits 2013 hat die Akademie der Künste 1.000 Bände aus seinem Vorlass übernommen. Ende dieses Jahres soll der Bestand komplett katalogisiert sein. Das heißt, man kann was damit anfangen: Bücher bestellen, sichten, am besten nicht in Nostalgie verfallen, ob besserer Zeiten für avantgardistische Literatur, sondern weitermachen gegen den Einheitsbrei. Am vergangenen Freitag haben die Bibliothekare Maximilian Bach, Katja Strauß und Synke Vollring vom Archiv der AdK Einblicke gewährt in Papenfuß’ Nachlass.
Allerlei Künstlerbücher aus dem Samisdat sind darunter, Privatdrucke, aber auch Hunderte Exemplare aufwendig gestalteter Zeitschriften. Man findet Widmungen statt Besitzkennzeichnungen – ein Exlibris hatte er wohl nicht. Der Dichter Florian Günther hat Papenfuß ein Exemplar seines Buchs »Dusel« geschenkt, mit einer Zeichnung versehen und »für den Papst« druntergeschrieben. Telegramme des eher staatsnahen Schriftstellers Karl Mickel, einem frühen Förderer, finden sich, der mit der anarchistisch orientierten Szene um Papenfuß spontan nicht so recht in Verbindung gebracht würde. Vor allem die Künstlerbücher sind Zeugnisse einer selbstverständlichen Zusammenarbeit mit anderen Dichtern, mit Grafikern, Druckern, die wunderschöne Resultate hervorgebracht hat. Im Archiv der Akademie, ihrer Bibliothek, bleiben sie der Öffentlichkeit zugänglich, während solche Publikationen bei Auktionen hohe Preise erzielen und im Privatbesitz verschwinden.
Papenfuß hat etwa mit der norwegischen Dichterin Tone Avenstroup an Übersetzungen gearbeitet; das Resultat »Spell on!« wurde von Reiner Slotta auf edlem Munken-Papier gedruckt. Er hat mit später weltberühmten Künstlern wie A. R. Penck und Cornelia Schleime Bücher gemacht. Die Bibliothekarinnen präsentieren Blätter mit Aquarellen, Handzeichnungen, aufwendigsten Druckverfahren. Am Anfang seines Gedichts »Ich und meins« schrieb Papenfuß: »Nehmen wir an, / ich finge mit mir an, / was finge ich dann mit mir an, / was nicht andere dazugetan ha’m.« Wenn die Kunst ein Stachel sein will in der öden Marktschreiergesellschaft, hilft kontinuierliche Kooperation an den Rändern mehr als genialische Wichtigtuerei auf den großen Bühnen. Ein Gang ins verwinkelte Archiv gibt zu bedenken, dass die Geschichte vielleicht doch noch eine andere Abzweigung nehmen könnte.
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